Interview mit Dr. Achim Kötzle, Stadtwerke Tübingen

„Der ideale Partner für die Energiewende“

IHK Reutlingen, Tübingen und ZollernalbDr. Achim Kötzle ist Generalbevollmächtigter der Stadtwerke Tübingen. Foto: PR

Wie gehen die Stadtwerke Tübingen die Energiewende an?
Das Ziel der Klimaneutralität kann nur erreicht werden, wenn neben der Stromerzeugung auch andere Sparten auf erneuerbare Energien umgestellt werden: Bei den Stadtwerken Tübingen arbeiten wir deshalb an der Entwicklung neuer Techniken, Anwendungen und Produkte zur Reformierung von Industrieprozessen, der Mobilität und Wärmeversorgung. Dabei stehen wir in engem Kontakt mit Industrie, Gewerbe und anderen Verbrauchern. Als Dienstleister im Energiesektor greifen wir auf eine jahrzehntelange Erfahrung zurück. Den Austausch sowie die regionale Kooperation mit anderen Stadtwerken erachten wir als sehr sinnvoll.

Welche Rolle kann Wasserstoff bei der Energiewende einnehmen?
Essenziell für die Energiewende ist – neben dem massiven Ausbau der erneuerbaren Energien wie Windkraft, Sonnenenergie, Biomasse oder Wasserkraft – vor allem auch deren Speicherung und Netzdienlichkeit. Wasserstoff ist transportabel, speicherfähig und vielseitig in Industrie, Gewerbe und Privathaushalten einsetzbar. Er ist deshalb der ideale Partner für die Energiewende.

Wie gut ist die Region Neckar-Alb bei der Produktion von Wasserstoff aufgestellt?
Die Entwicklung hin zu einer nennenswerten Produktion von Wasserstoff steht in der Region noch in ihren Anfängen. Wir hoffen, dass wir mit unseren Erfahrungen in der Logistik und in den Prozessen der Energieversorgung dazu beitragen können, dass sich der Prozess optimiert und beschleunigt. Trotz aktuell großer Herausforderungen bleiben wir zuversichtlich – nicht zuletzt dank der wissenschaftlichen Unterstützung der regionalen Hochschulen –, dass Wasserstoff auch in der Region eine bedeutende Technologie werden wird.

Welche Herausforderungen und Probleme gibt es bei der Arbeit mit Wasserstoff?
Wasserstoff als Energieträger hat in den vorigen Jahrzehnten kaum eine Rolle gespielt – dabei ist sein Potenzial schon vor rund 150 Jahren erkannt worden: Noch bevor fossiles Erdgas über Pipelines in die Städte geleitet wurde, bestand das sogenannte Stadtgas zu 50 Prozent aus Wasserstoff. Die aktuelle Herausforderung liegt darin, Wasserstoff in ausreichenden Mengen aus erneuerbaren Energien zu produzieren und zur Verfügung zu stellen. Anwendungsprozesse müssen entsprechend umgestellt und die Technik an diesen neuen Energieträger angepasst werden. Als Dienstleister im Energiesektor bewegen sich die Stadtwerke Tübingen schon lange im Umfeld zwischen Erzeugung, Verteilung und Verbrauch von Energie. Auf der Basis vielseitiger Erfahrungen können neue Lösungen gefunden und aktuelle Entwicklungen unterstützt werden.

Wo kann der Energieträger überall zum Einsatz kommen?
Weil Wasserstoff sowohl flüssig als auch gasförmig transportiert und gelagert werden kann, ist er flexibel in verschiedenen Bereichen als Energieträger einsetzbar: zur Wärmeerzeugung, im Bereich der Mobilität, in Industrieprozessen oder zur Stromerzeugung. Vor allem seine Speicherfähigkeit macht ihn zum wichtigen Bestandteil der Energiewende.

Kann die Politik in dieser Angelegenheit noch mehr machen? Wenn ja: was?
Einige Rahmenbedingungen hat die Politik bereits gesetzt: Die Abschaffung der EEG-Umlage und die Einführung von CO2-Zertifikaten markieren einen wichtigen Schritt in Richtung Energiewende. Neben der Finanzierung muss jetzt vor allem noch die Personalsituation geklärt werden: Die Wende kann nur gelingen, wemm alle erforderlichen Ressourcen – auch in Form von ausreichender Personalkapazität – zur Verfügung stehen. Sowohl bei den Energieversorgern als auch im Handwerk werden kompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dringend gebraucht. Gerade für die junge Generation bietet sich hier die große Chance, die eigene Zukunft konkret zu gestalten. /

(Dieses Interview erschien in gekürzter Form in WNA-Ausgabe 10+11/2022.)

Vita

Dr. Achim Kötzle ist Physiker und seit 2021 Generalbevollmächtigter der Stadtwerke Tübingen. Zuvor war er bei den Stadtwerken als Geschäftsführer im Bereich Energiewirtschaft tätig.