Effizient, komfortabel, digital: Die Ziele für die langfristige Entwicklung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) sind ambitioniert. Zwei regionale Busunternehmen berichten, wie sie den Weg in die Zukunft des Linienverkehrs erleben.
Die von Omnibus Groß entwickelte „Moby“-App im Einsatz.
Foto: PRDie Omnibus Groß GmbH prägt seit 75 Jahren den Nahverkehr im Landkreis Tübingen. Die Hauptlinie des Unternehmens – die Linie 18 – fährt durch das Ammertal über Rottenburg und Wurmlingen nach Tübingen, erst zu den Kliniken und von dort aus weiter nach Hagelloch. Als Kooperationspartner des Stadtverkehrs Tübingen realisierte Omnibus Groß mit dieser „Kapellenberg-Linie“ als eines der ersten Verkehrsunternehmen in der Region eine Durchbindung vom Regionalverkehr in den Stadtverkehr.
„Gerade als Betrieb mit einer so langen Tradition muss man aktuell aber auch aufpassen, dass man im Transformationsprozess nicht die Reifen verliert, weil es so viele Baustellen gleichzeitig zu bearbeiten gibt“, findet Johannes Groß, der die Firma zusammen mit seiner Mutter Claudia Groß in dritter Generation führt. „Die Verkehrsbranche beschäftigen derzeit zwei große Themen. Wir müssen zum einen ökologisch nachhaltig agieren und zum anderen darüber nachdenken, wie wir digitale Prozesse nutzen können, um effizienter und zugleich kundenfreundlicher zu werden.“
Foto: PRWir müssen viele Baustellen gleichzeitig bearbeiten
Johannes Groß, Geschäftsführer der Omnibus Groß GmbH, Rottenburg am Neckar
Neue Lösungen für die Branche
Kundennutzen durch Digitalisierung – dieser Ansatz ist für Omnibus Groß nicht neu. Als digitaler Pionier im Linienverkehr sicherte sich das Unternehmen bereits 2017 den ÖPNV-Innovationspreis des Landes Baden-Württemberg. „Zu diesem Zeitpunkt konnte noch nicht einmal die Deutsche Bahn ihren Kunden die Auslastung ihrer Züge mitteilen“, erinnert sich Johannes Groß. „Aber bei uns konnte man die Auslastung der Busse in Echtzeit abrufen und sogar die Belegung der Mehrzweckflächen online prüfen, um Fahrten mit Kinderwagen oder Rollstuhl zu planen.“
Die digitale Infrastruktur, die es dafür braucht, hat das Unternehmen selbst entwickelt. Aus diesem Projekt entstand 2018 das Start-up Moby, das inzwischen Verkehrsunternehmen in ganz Deutschland bei der Digitalisierung unterstützt. „Unser Hardwareentwickler kommt aus der Avionik und hat lange Jahre Echtzeitsysteme für den Luftverkehr entwickelt“, sagt Johannes Groß. „Dieses Know-how übertragen wir auf Busse. Mit Cloud-Systemen und leistungsstarken Bordrechnern sorgen wir dafür, dass Daten in Realtime übertragen und verarbeitet werden – und eben nicht mit einer Abweichung von zwei, drei Minuten. Denn damit kann niemand zuverlässig planen.“
22 der 100 RSV-Busse fahren bereits elektrisch. Im Jahr 2026 soll die Zahl auf 36 steigen.
Foto: PRFahrplan-Check in Echtzeit
Von der Bedeutung schneller Datenübertragung für die Digitalisierung im Linienverkehr kann auch Bernd Kugel berichten. Er ist Prokurist und Marketingleiter der Reutlinger Stadtverkehrsgesellschaft mbH – kurz: RSV. „Seit einigen Jahren übermitteln alle unsere Busse Echtzeit-Fahrplandaten. Das war für uns ein echter Meilenstein“, erzählt er. „Kunden können ihre gesamte Reisekette über gängige ÖPNV-Apps in Echtzeit nachvollziehen. Zudem kann unsere Leitstelle die Daten nutzen, um noch schneller auf Betriebsstörungen und Unfälle zu reagieren.“
Die RSV wurde 2022 vollständig kommunalisiert und ist heute Teil des Stadtwerke-Konzerns. Ihre Buslinien führen nicht nur ins gesamte Reutlinger Stadtgebiet, sondern auch nach Pfullingen und Eningen unter Achalm, nach Pliezhausen, Waldorfhäslach und Wannweil. Darüber hinaus betreibt die RSV die Schnellbuslinie Expresso, eine direkte Verbindung von Reutlingen zur Messe und zum Flughafen Stuttgart.
Foto: PRDie Umstellung auf emissionsarme Busse wird uns noch eine ganze Weile beschäftigen
Bernd Kugel, Prokurist der Reutlinger Stadtverkehrsgesellschaft mbH
Auf vielen dieser Strecken sind immer häufiger auch Elektrobusse unterwegs. „Unter den 100 RSV-Bussen sind aktuell 22 elektrische Fahrzeuge. 2026 werden es schon 34 sein“, so Bernd Kugel. „Die allmähliche Umstellung auf emissionsarme Busse wird uns auch noch eine ganze Weile beschäftigen. Vom Lademanagement bis zu den Abläufen in der Werkstatt lernen wir derzeit einiges dazu.“ Die Resonanz sei jedoch durchweg positiv. Kunden und Anwohner empfinden die E-Busse als angenehm leise und auch die Busfahrer mögen die neue Technik.
Blick in die Zukunft
Parallel zum Projekt Elektromobilität beschäftigt sich auch die RSV schon heute mit der Frage, wie die Zukunft des ÖPNV aussehen könnte. Fahrplanoptimierung mit KI oder der Einsatz autonomer Fahrzeuge wären zum Beispiel denkbar. „Wir sehen Technologie als Chance, unsere Beschäftigten zu entlasten und gleichzeitig sinnvolle Ergänzungen zu bestehenden Konzepten zu schaffen“, sagt Kugel. „Autonomes Fahren könnte etwa On-Demand-Anbindungen in Regionen ermöglichen, in denen es sich nicht rentiert, im Stundentakt einen Bus zu schicken, der die meiste Zeit nur Luft transportiert. Damit das gelingt, braucht es allerdings mehr Modellversuche. Und da würde ich mir gerade in Deutschland ein bisschen mehr Beschleunigung wünschen.“ /
(Dieser Artikel erschien in der WNA-Ausgabe 10+11/2025.)