Statements

„Es ist viel in Bewegung“

Wie beurteilen Einzelhändlerinnen und Einzelhändler in der Region ihre aktuelle Lage – und was tun sie, um gemeinsam mit den Kommunen ihre Einkaufsstandorte zu beleben? WNA hat sich in den Landkreisen Reutlingen, Tübingen und Zollernalb umgehört.

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Anna Bierig, Geschäftsführerin der Stadtmarketing und Tourismus GmbH, Reutlingen
„Wir spüren, dass Einzelhandel und Gastronomie stark von der Corona-Zeit gebeutelt sind. Generell ist die Reutlinger Innenstadt in Bewegung. Es gibt leere Ladenflächen, aber auch Eröffnungen. Die Situation ist angespannt. Ein großes Problem ist aktuell der Personalmangel an vielen Stellen. Wir vom Stadtmarketing wollen die Innenstadt beleben und attraktiv machen – dafür gehen wir in den Austausch mit den Menschen vor Ort. Im Juli startete unsere Citymanagerin Yasmin-Miriam Maier. Sie bewegt sich direkt in der Stadt, führt Quartiersgespräche und holt Stimmungsbilder ein. Ganz bewusst gehen wir auf die Innenstadtakteure zu, um ins Gespräch zu kommen. Wir wollen Ideengeber sein, aber auch Dinge ermöglichen und für die Akteure den Weg bereiten. Und man merkt: Es gibt viele Herausforderungen, aber auch ganz viele Einzelhändler und Gastronomen, die etwas bewegen wollen, die Ideen haben und die sich aktiv beteiligen. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass junge Menschen trotz aller Krisen den Mut haben, mit Geschäftsideen in den Handel und in die Gastronomie zu gehen und neue Konzepte zu wagen. Und dass sie merken: Es lohnt sich, da bewegt sich was. Diesen Gründergeist brauchen wir auch in den Innenstädten.“ /

Edgar Lehmann, Vorsitzender des IHK-Handelsausschusses und Geschäftsführer der E. Breuninger GmbH & Co., Reutlingen
„Corona war für die gesamte Branche ein harter Schlag. Die Geschäfte durften nicht öffnen, viele Kunden wechselten ins Internet und wir Händler blieben, trotz zahlreicher Hilfsprogramme, am Ende auf Kosten und Warenbeständen sitzen. Es spricht für die Branche, dass viele Kolleginnen und Kollegen die Ärmel hochgekrempelt haben, um weiterzumachen. Leider sind noch nicht alle Kundinnen und Kunden zurückgekehrt. Die Zukunft unserer Standorte kann nur durch eine große, gemeinsame Kraftanstrengung gestaltet werden. Die Händler müssen noch mehr die Partnerschaft zur Gastronomie und zu den Dienstleistern in ihrer Nachbarschaft suchen, um den Standort zu gestalten, zu vermarkten und digitaler zu machen. Und wir müssen uns endlich alle für den eigenen Standort engagieren. Es kann nicht sein, dass lokale Händlervereine darunter leiden, dass die eigene Branche einfach nicht mitmacht. Schließlich müssen die Kommunen mitziehen. Wir brauchen die Mitmacherinnen und Mitmacher in den Verwaltungen und Gemeinderäten. Nur mit deren praktischer und finanzieller Unterstützung gibt es weiterhin ein lebendiges Zentrum.“ /

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Sieglinde Schairer, Geschäftsführerin des Delikatessengeschäfts Schairer‘s Esskultur, Pfullingen
„Die Situation in der Pfullinger Innenstadt ist momentan schwierig. Aufgrund der aktuellen politischen Lage und der vielen Preissteigerungen sind die Bürgerinnen und Bürger zurückhaltender. Der Online-Handel sitzt uns im Nacken, außerdem erschwert eine Baustelle zur Marktplatzsanierung den Zugang zu den Geschäften. Wir wollen aber nicht jammern, sondern sind auf der Suche nach neuen Wegen, um die Innenstadt attraktiver zu machen. Im Juli 2021 haben wir uns zur „Initiative Innenstadt“ zusammengeschlossen und organisieren nun – unterstützt von Stadtverwaltung und Wirtschaftsförderung – vier Mal im Jahr nach dem Motto „Vor Ort einkaufen, vor Ort genießen und gemeinsam handeln“ das Dolce-Vita-Event. Der Einzelhandel überlegt sich dabei, wie er sich am besten präsentieren kann, und geht mit seinen Produkten vor die Ladentür. Bequeme Sitzmöglichkeiten, Kinderprogramme und gastronomische Angebote sollen jüngere Kundinnen und Kunden anlocken – was auch gelingt. Neben diesem Event setzen wir uns auch für weitere Maßnahmen ein, zum Beispiel für eine bessere Beschilderung in der Innenstadt und eine Online-Plattform, die einen Überblick über die Einkaufsmöglichkeiten vor Ort gibt.“ /

Rainer Weith, Inhaber von Schuhhaus Rainer Weith e. K., Hechingen
„Durch die Teilung in Ober- und Unterstadt waren die Voraussetzungen für den Hechinger Einzelhandel noch nie perfekt. Wären alle Geschäfte in einer Straße versammelt, sähe es besser aus, aber an dieser Topografie können wir nichts ändern. Trotzdem gibt es natürlich schöne Ecken, die die Innenstadt attraktiv machen und zum Verweilen einladen. Obwohl der Branchenmix nicht sehr gut ist, gibt es viele inhabergeführte Geschäfte, die innovative Ideen entwickeln, um mehr Kundschaft anzulocken. Außerdem haben wir eine sehr einzelhandelsfreundliche Stadtverwaltung. Der Bürgermeister hört sich jedes Problem an und hat immer ein offenes Ohr für uns. Aktuell müssen wir aktiv Leerstandsmanagement betreiben. Ich persönlich setze mich hierbei für eine quartiersbezogene Entwicklung ein. Unterstützung bekommen wir aber auch von der IHK-Innenstadtberaterin. Es wäre zudem eine Hilfe, wenn das Land Baden-Württemberg sein Programm zur Subventionierung von Pop-up-Stores ausweiten und gleichzeitig mehrere Ladeneinheiten pro Kommune unterstützen würde.“ /

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Dieter Zeiher, Inhaber von Norz Optik e. K. und Vorstand des Handels- und Gewerbevereins 1856 e. V., Rottenburg am Neckar
„Auch wenn der Grundoptimismus unter den derzeitigen Krisen leidet, ist die Lage des Rottenburger Einzelhandels objektiv besser als sie sich anfühlt. Eines der aktuell größten Probleme ist der Fachkräftemangel, weswegen wir vor allem die Arbeitsplätze im Handel wieder attraktiver machen müssen. Höhere Preise und mögliche neue Corona-Maßnahmen erschweren uns zwar das Leben, dennoch sollten wir diese Umstände stärker als Herausforderung sehen. Wir dürfen die politische Lage nicht verharmlosen, können uns aber auch nicht von ihr beherrschen lassen. Ich wünsche mir wieder mehr Optimismus, Energie und Eigeninitiative der Einzelhändlerinnen und Einzelhändler. Damit die Innenstadt weiterhin belebt bleibt, ist zudem die enge Zusammenarbeit zwischen Stadtverwaltung und Handels- und Gewerbeverein wichtig. Die Stadt kommt uns vor allem bei einer ganzen Reihe an Festen, Märkten und Einkaufsabenden entgegen. Die Innenstadt ist wie ein Garten, den wir kontinuierlich finanziell und fantasievoll mit Unterstützung der Stadtverwaltung pflegen müssen.“ /

(Diese Statements erschienen in der WNA-Ausgabe 10+11/2022.)