Wie fühlt es sich an, schon in jungen Jahren einen eigenen Betrieb zu führen? Vier Gründerinnen und Gründer aus der Region berichten, warum sie bereits vor oder während des Studiums den Schritt in die Selbstständigkeit unternommen haben.
Gianni Seeger (links) und Philip Knapp, die beiden Gründer der Reutlinger Spotwave Studio eGbR.
Foto: PRWenn Philip Knapp von seinem beruflichen Werdegang erzählt, wird ihm eine Frage besonders oft gestellt: Seit wann können Minderjährige eigene Unternehmen gründen? „Dass das in Deutschland möglich ist, wenn die Eltern ihr Okay geben, wissen viele nicht“, erklärt Knapp. Im Alter von nur 16 Jahren ließ sich der heute 22-Jährige für voll geschäftsfähig erklären, um erste Grafikprojekte übernehmen zu können. Nach dem Abitur begann er dann ein Studium im Fach Mediendesign – und lernte seinen zukünftigen Geschäftspartner Gianni Seeger kennen. „Das war ein Volltreffer, fachlich wie menschlich“, sagt Seeger. „Philip ist Experte für Grafik und Videografie. Ich bin aufs Texten spezialisiert und hatte mich bereits mit 19 Jahren im Bereich Songwriting selbstständig gemacht. Dass wir Synergien schaffen können, lag auf der Hand.“
Konzentration auf die eigenen Stärken
Zunächst gestalteten die beiden gemeinsam animierte Werbevideos. „Wir haben aber schnell gemerkt, dass wir allein darauf kein Unternehmen aufbauen können“, erzählt Philip Knapp. „Deshalb haben wir uns auf eine der großen Stärken konzentriert, die wir als Digital Natives nun einmal mitbringen: unseren routinierten Umgang mit den sozialen Medien, insbesondere den Plattformen
von Meta.“ So entstand Anfang 2023 die Spotwave Studio eGbR, eine Agentur für Social-Media- und Performance-Marketing mit Sitz in Reutlingen-Gönningen.
Von der Content-Planung bis zur Umsetzung von Kampagnen entwickelt das Team von Spotwave heute passgenaue Marketingstrategien. „Unsere Zielgruppe ist die Region Neckar-Alb“, sagt Gianni Seeger. „Wir sind im Kreis Reutlingen zu Hause und wissen, was die Leute bewegt. Das macht uns zum richtigen Partner für alle kleinen und mittelständischen Unternehmen, die über die sozialen Medien starkes regionales Marketing betreiben wollen.“
Moritz Wiedemann hat gemeinsam mit zwei
Freunden das IT-Unternehmen Rootfile gegründet.
Foto: PRZweites Standbein wird Kerngeschäft
Dass die erste Geschäftsidee nicht immer die ist, die am Ende wirklich zündet, davon kann auch Moritz Wiedemann berichten. Im Januar 2025 gründete der damals 26-Jährige mit seinen Freunden Lucas Burth und Philipp Armbruster in Reutlingen das IT-Unternehmen Rootfile. „Angefangen haben wir mit der Einrichtung digitaler Archive. Weil das derzeit ein eher schwieriger Markt ist, haben wir uns aber parallel dazu ein zweites Standbein aufgebaut, das heute unser Kerngeschäft ist“, erzählt Wiedemann. Tatsächlich hat Rootfile das digitale Archiv bereits diesen Januar wieder aus dem Sortiment genommen. Stattdessen konzentrieren sich die IT-Experten nun auf Hardware, Serverlandschaften und Web-Apps.
Der eher langsame Start hat große organisatorische Vorteile
Moritz Wiedemann
Reduziertes Stresslevel
Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht dabei seit einigen Monaten eine selbst entwickelte App für die Zeiterfassung. „Bisher müssen viele Unternehmen ihre Abläufe an das anpassen, was ihre Zeiterfassungssoftware leisten kann“, erklärt Moritz Wiedemann. „Das liegt daran, dass viele gängige Lösungen nicht abbilden können, wie die Betriebe tatsächlich arbeiten, vor allem im Handwerk. Deshalb haben wir eine App entwickelt, die sich mit minimalem Aufwand an die Abläufe im Unternehmen anpassen lässt.“ Nun ist sogar schon die überarbeitete zweite Version verfügbar.
Angesichts der angespannten wirtschaftlichen Lage fällt es jedoch gerade jungen Unternehmen nicht immer leicht, neue Kunden von sich zu überzeugen. Zwei der drei Gründer von Rootfile bauen das eigene Unternehmen daher zunächst im Nebenberuf auf – und Moritz Wiedemann will erst im Sommer sein Studium der Wirtschaftsinformatik abschließen, bevor er sich voll und ganz der eigenen Software widmet. „Dieser eher langsame Start hat große organisatorische Vorteile“, findet er. „Außerdem konnten wir uns so in aller Ruhe orientieren: Was fehlt am Markt, was können wir bieten?“ Das ohne finanziellen Druck in Ruhe herausfinden zu können, habe das Stresslevel bei der Gründung enorm reduziert.
Ilayda Isik betreibt das Rosengarten-Café in der Reutlinger Pomologie mit ihren Brüdern.
Foto: PR„Manchmal muss man einfach alle Pläne über den Haufen werfen und spontan eine Chance ergreifen, weil man weiß: Wenn ich das jetzt nicht mache, bereue ich es mein Leben lang“, davon ist Ilayda Isik fest überzeugt. Dass sie sich eines Tages selbstständig machen würde, stand für sie schon seit Jahren fest. „Ich hätte mir aber ganz verschiedene Konzepte vorstellen können – zum Beispiel ein eigenes Nachhilfestudio“, erinnert sie sich. Doch dann wurde Ende 2024 bekannt, dass ein neuer Pächter für das Rosengarten-Café in der Reutlinger Pomologie gesucht wurde.
Und mit einem Mal ging alles Schlag auf Schlag: Im April 2025 übernahm die damals 25-jährige Studentin das Café, das sie seitdem gemeinsam mit ihren Brüdern Timi und Yakup betreibt. „Von der Entscheidung bis zur Eröffnungsparty waren es nur wenige Monate. Mit all den Schulungen und Behördengängen, die es braucht, um ein Café zu betreiben, war das echt knapp!“, erzählt sie lachend. „Zum Glück hatten wir alle schon Erfahrung in der Gastronomie. Dadurch wurde es wenigstens kein kompletter Sprung ins kalte Wasser.“
Wenn ich das jetzt nicht mache, bereue ich es mein Leben lang
Ilayda Isik
Das Rosengarten-Café wurde im Jahr 1984 anlässlich der Landesgartenschau eingerichtet. Als Ausflugsziel im Grünen lädt es bis heute zum Verweilen und Genießen ein. „Das Café ist älter als ich – und trotzdem kannten es erstaunlich viele Reutlinger nicht, bis wir damit angefangen haben, über Instagram und Tiktok auf uns aufmerksam zu machen“, berichtet Ilayda Isik. „Außerdem haben sich unsere Events als effektive Publikumsmagneten erwiesen. Wir wollen Leben in die Pomologie bringen – und das läuft bisher auch echt gut.“ Von Yoga- und Pilateskursen über Flohmärkte bis hin zu „Colors and Cocktails“-Veranstaltungen, bei denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kreativ werden konnten, lockte das Rosengarten-Café-Team bereits in seiner ersten Saison mit wechselnden Events zahlreiche Besucher in den Park. /
(Dieser Artikel erschien in der WNA-Ausgabe 2+3/2026.)