Mit über 50 Jahren haben Michael Raiser und Uwe Seidel noch einmal einen kompletten beruflichen Neustart gewagt und sich selbstständig gemacht. Der eine verwirklicht seine Leidenschaft für Mode, der andere unterstützt Firmen mit Kontakten nach Indien.
„Ich brauche die Action“, sagt Michael Raiser, der sich mit einem Streetwear-Laden in Reutlingen selbstständig gemacht hat.
Foto: PR„Es ist eine ganz andere Lebensqualität, der eigene Chef zu sein“, meint Michael Raiser. Lange Jahre trug er die Idee, sich selbstständig zu machen, mit sich herum. Als sich im vorigen Jahr dann tatsächlich die Gelegenheit dazu bot, ging es ganz schnell. Am ersten Tag seines Pfingsturlaubs – kurz bevor es nach Italien ging – fand er in der Reutlinger Innenstadt die passenden Räume, in denen er nun seit September ausgefallene Streetwear unter dem Motto „RYSER’S – alles andere ist Mainstream!“ anbietet.
Aufreibende Gründungsphase
Der 53-Jährige kommt ursprünglich aus dem Marketing und Vertrieb, hat in den vergangenen fünf Jahren bei einem Automobilzulieferer als Vertriebsleiter gearbeitet. Durch die Corona-Pandemie und weitere Krisen sah er sich selbst als „hohen Kostenfaktor für das Unternehmen“. Das sei für ihn der Zeitpunkt gewesen, „jetzt etwas zu machen, was ich schon als junger Erwachsener machen wollte. Mode und Kleidung waren schon immer meine Leidenschaft“.
Die Zeit zwischen Juni und September 2025 beschreibt Michael Raiser als sehr aufreibend. Auf der wochenlangen Suche nach einer für seine Idee geeigneten Ladenfläche musste er feststellen, „dass viele Mieten utopisch sind“. Anschließend sei es sehr zeitaufwendig gewesen, das für die Unternehmensgründung nötige Wissen zu erlangen. „Das IHK-Online-Seminar ‚Gründung kompakt‘ war dabei sehr hilfreich.“ Bis zur Genehmigung seiner Umsatzsteuer-ID hatte Michael Raiser keine Einkünfte, dafür viele Ausgaben, die er allerdings ohne Kredit stemmen konnte, wie er betont. „Der Gedanke, dass ei-ne Gründung immer auch ein Risiko ist, begleitet mich ständig, aber ich versuche, ihn nicht zu sehr an mich heranzulassen. Zum Glück habe ich geringe Fixkosten und investiere vor allem meine Zeit.“
Mode aus Italien und Japan
Italien ist für Michael Raiser das Land der Mode. Oft sei er auf seine Kleidung angesprochen worden, die er dort für sich gekauft habe, berichtet er. Jetzt verkauft er Bekleidung und Accessoires von dort, aber auch aus Japan, dem Vereinigten Königreich, Österreich, Portugal und den USA – sowohl im Laden als auch in seinem Onlineshop, den er selbst eingerichtet hat. „Ich biete die Sachen an, die ich gut finde. Solche Klamotten gibt es in der Umgebung nicht.“
An seinem neuen Arbeitsalltag mag Michael Raiser vor allem den Kundenkontakt. „Ich brauche den Kontakt zu den Menschen. Ich liebe es auch, aus dem Schaufenster zu gucken, die Leute zu sehen.“ Sind gerade keine Kunden im Laden, nutzt er die Zeit, um seinen Auftritt in den sozialen Medien zu pflegen, Kontakt zu seinen Lieferanten zu halten und Online-Bestellungen zu versenden. „Seit ich mein eigener Chef bin, arbeite ich deutlich mehr als früher, aber ich brauche die Action“, so Raiser. Seit September habe er viele Ideen umgesetzt. „Ich kann Entscheidungen schneller treffen. Sollte meine Selbstständigkeit irgendwann einmal nicht mehr funktionieren, kann ich mir nicht vorwerfen, nicht alles dafür getan zu haben.“
Uwe Seidel, der Gründer der Indo Service Srl. in Albstadt, ist überzeugt: „Ich arbeite jetzt wesentlich effizienter.“
Foto: PRZweites Berufsleben im Ruhestand
Nach seinem ersten Berufsleben bei der Polizei hat Uwe Seidel sich den Titel „Entrepreneur“ auf die Visitenkarte geschrieben. „Ich konnte mir nicht vorstellen, zu Hause zu sitzen“, erzählt der 63-Jährige. Als er vor zwei Jahren in den Ruhestand ging, hat er mit einer chinesischen Unternehmerin in Albstadt die Sino Service EU GmbH gegründet, um junge chinesische Fachkräfte auf den europäischen Arbeitsmarkt zu vermitteln. „In China gibt es viele arbeitssuchende junge Leute. Aber das Projekt war nicht besonders erfolgreich.“ Für chinesische Fachkräfte sei es eine große Herausforderung, die deutsche Sprache zu lernen. Zudem erschwere die Bürokratie die Fachkräfteeinwanderung.
Über das IHK-Gründerfrühstück kam er mit einem indischen Partner in Kontakt. Gemeinsam entstand die Idee, dass Uwe Seidel als Wirtschaftsrepräsentant für das Land in Deutschland arbeiten könnte. „Das hat sich als echter Glücksgriff erwiesen, auch weil mein indischer Partner enge Beziehungen zu den größten Unternehmen des Landes unterhält.“ In der Folge entstand die Indo Service Srl., die ihren Sitz ebenfalls in Albstadt hat. Seidel vermittelt Joint Ventures und unterstützt deutsche Unternehmen dabei, ihren Produktionsstandort nach Indien zu verlagern. Die größte Herausforderung bei der Unternehmensgründung sei die Bürokratie gewesen, die ihn nun auch im Arbeitsalltag begleitet. „Ich bin Bürokrat und traue mir zu, mit behördlichen Dingen umzugehen. Trotzdem bin ich manchmal nahe am Verzweifeln“, sagt Uwe Seidel.
Neue unternehmerische Freiheit
„Ich habe mein ganzes Leben international gearbeitet und Interesse daran gehabt, meine Netzwerke auszubauen“, erklärt er. Mit 17 Jahren ging er zur Polizei, war später Polizeipressesprecher und hat im baden-württembergischen Innenministerium gearbeitet. Zuletzt war er Berater für die jordanische Polizei und lehrte an der Polizeihochschule Villingen-Schwenningen.
In seiner Selbstständigkeit sieht Uwe Seidel eine persönliche Bereicherung. „Ich bin natürlich nicht der typische Gründer. Mit meiner Pension und Krankenversicherung habe ich finanzielle Sicherheit. Zum anderen kann ich viele Kompetenzen einbringen, die ich in meinem Polizeileben erworben habe – etwa die Kommunikation in englischer Sprache.“ Besonders schätzt er seine unternehmerische Freiheit. „Es ist mir alleine überlassen, welches Rad ich drehe. Und ich habe den Eindruck, dass ich als Selbstständiger wesentlich effizienter arbeite.“ /
(Dieser Artikel erschien in der WNA-Ausgabe 2+3/2026.)