Beschäftigte übernehmen Betriebe

„Ihr macht das dann!“

Vom Mitarbeiter zum Inhaber: Dieser Rollenwechsel will gut geplant sein. WNA hat zwei Übernehmerinnen und einen Übernehmer gefragt, wann sie damit begonnen haben, sich auf die Nachfolge vorzubereiten – und was ihnen dabei geholfen hat, die Übergabe souverän zu meistern.

Porträtfoto von Silke BeckSilke Beck, die Inhaberin des Modegeschäfts Zeitlos in Mössingen. Foto: PR

Für Silke Beck beginnt das Jahr 2026 mit einem großen Schritt: Sie übernimmt „Muschler Mode & Mehr“, eine traditionsreiche Boutique im Herzen Mössingens. Die Übergabe haben sie und die vorherigen Eigentümer, das Ehepaar Muschler, von langer Hand geplant. „Das fing 2024 an, und zwar an einem Samstag. Das weiß ich noch so genau, weil es mein letzter Arbeitstag vor dem Urlaub war“, erzählt Beck. „Da sagte Frau Muschler, sie würde mir gern eine kleine Denkhausaufgabe mitgeben. Ob ich mir vorstellen könnte, in zwei Jahren, wenn sie und ihr Mann in den Ruhestand gehen, das Geschäft zu übernehmen.“

Willkommene Überraschung
Ein überraschendes Angebot, aber auch ein willkommenes – schließlich hatte Silke Beck schon immer davon geträumt, eines Tages ihre eigene Chefin zu sein. „Nur bin ich ursprünglich gelernte Friseurin und in diesem Handwerk herrscht nach wie vor Meisterpflicht“, seufzt sie. „Als meine beiden Kinder klein waren, blieb für die Meisterschule einfach keine Zeit. Deshalb habe ich es gemacht wie viele Frauen meiner Generation: Ich habe mich erst einmal auf meine Familie konzentriert und den Rest auf später verschoben. Je älter die Kinder wurden, desto mehr habe ich aber wieder darüber nachgedacht, wie es weitergehen könnte.“

Als Silke Beck 2023 erfuhr, dass das Muschler-Team Verstärkung suchte, wagte sie daher kurzerhand den Branchenwechsel: „Weil Veränderung manchmal einfach guttut.“ Aus diesem Grund trägt die Boutique jetzt übrigens auch einen neuen Namen: „Zeitlos – Mode by Silke Beck“. „An der Optik der Ladenfläche hat sich aber nicht viel geändert und auch die vertrauten Marken führen wir nahezu alle weiter. Wir haben aber auch drei neue Marken im Sortiment, damit es sich auch für unsere Stammkunden lohnt, vorbeizuschauen und ein bisschen zu stöbern.“ Im März will Silke Beck zudem die Eröffnungsfeier nachholen – „dann, wenn die neuen Kollektionen für Frühjahr und Sommer da sind“.

Porträtfoto von Jens WeckeJens Wecke, seit 2024 Geschäftsführer von Binder Vacuum in Nehren, bei der Arbeit. Foto: PR

Viel zu lernen
Auch für Jens Wecke begann der Weg zur Unternehmensnachfolge mit dem Wunsch nach Veränderung. „Ich war lange Jahre in der Industrie tätig und wollte nicht mehr nur an der Maschine stehen“, sagt er. „Deshalb habe ich mich 2015 als Servicetechniker bei Binder Vacuum in Nehren beworben. Der Kollege, der mich damals eingelernt hat, sagte gleich in der ersten Woche: Du wirst hier mal Werkstattleiter.“ Eine Prognose, über die Wecke seinerzeit nur lachen konnte, denn auf eine Führungsposition hatte er es nicht abgesehen. „Fürs Erste wollte ich einfach nur einen Job, der mich fachlich fordert und der mir Spaß macht. Den hatte ich als Servicetechniker gefunden.“

Der Ruhestand unseres Firmengründers rückte unerbittlich näher

Jens Wecke

Rund acht Jahre später entschied er sich dennoch dafür, die Führung zu übernehmen – nicht nur in der Werkstatt, sondern im gesamten Betrieb. „Unser Gründer Matthias Binder hat lange nach einem Nachfolger gesucht, aber es hat sich nie eine passende Konstellation ergeben. Da sein Eintritt in den Ruhestand unerbittlich näher rückte, kam irgendwann der Moment, in dem ich mir gesagt habe: Okay, dann machst du das eben!“ Eine Entscheidung, die sowohl Matthias Binder als auch die Kollegen gern unterstützten. Also begann Wecke, sich in seine künftige Rolle einzuarbeiten. 

Bis zur offiziellen Übergabe im Januar 2024 verging so fast ein Jahr. „Das war eine spannende Phase, vom Gefühl her aber auch eine sehr kurze, weil es so viel zu organisieren und zu lernen gab“, erinnert er sich. „Als Geschäftsführer muss man Entscheidungen zu Themen treffen, mit denen man als Mitarbeiter im selben Unternehmen nie konfrontiert worden wäre. Deshalb bin ich sowohl Herrn Binder als auch unserem Steuerberater dankbar dafür, dass sie den Übergang so intensiv begleitet haben. Das Know-how der Profis macht einen enormen Unterschied.“

Gemeinsames Porträtfoto von Anja Mildner, Ioannis Skouras und Antje SchauerDie Geschäftsführer von Hinrichs Teehus in Tübingen (von links): Anja Mildner, Ioannis Skouras und Antje Schauer. Foto: PR

„Das schaffen wir auch“ 
Auch Hinrichs Teehus in Tübingen ist inzwischen das zweite Jahr in neuen Händen. Als die Vorbesitzerin aus Altersgründen kürzertreten wollte, übernahmen ihre Mitarbeiterinnen Antje Schauer und Anja Mildner gemeinsam das Geschäft in der Froschgasse. „Das hat sich über Jahre hinweg angebahnt. Wann immer sie über ihren Ruhestand nachdachte, sagte unsere Chefin: Ihr macht das dann!“, erinnert sich Antje Schauer. „Dass wir uns das tatsächlich zutrauen, haben wir aber erst viel später gemerkt.“ 

Die Nachfolge hat sich über Jahre hinweg angebahnt

Antje Schauer

Der Impuls, der die Entscheidung herbeiführte, kam allerdings aus einer unerwarteten Richtung – von den Mitbewerbern. „Zunächst wurde die Nachfolge für das Teehus über verschiedene Plattformen öffentlich ausgeschrieben. Als wir gemerkt haben, wie viele der Leute, die sich daraufhin gemeldet haben, gar nicht in der Materie drin waren, haben wir uns dann zum ersten Mal gesagt: Wenn die sich den Laden zutrauen, schaffen wir das auch“, berichtet Schauer. „Anja ist der kreative Kopf, der vom Geschirr bis zu den Geschenken die Hardware auswählt. Ich bin für unser Teesortiment zuständig. Da wir beide jedoch nicht über das notwendige kaufmännische Wissen verfügen, war es eine glückliche Fügung, dass wir hierfür Ioannis Skouras als dritten Teilhaber gewinnen konnten.“

Die letzte Hürde: die Finanzierung
Im Mai 2024 sollte es dann so weit sein, doch bevor die Übergabe finalisiert werden konnte, gab es noch ein letztes Hindernis zu überwinden: die Finanzierung. „Die Konditionen der Banken waren absolut ernüchternd“, berichtet Antje Schauer. „Allein damit hätten wir die Nachfolge nicht antreten können.“ Doch innerhalb kürzester Zeit war eine andere Lösung gefunden: Freunde und Familie boten den angehenden Geschäftsführerinnen den nötigen finanziellen Rückhalt. „Das war keine schöne Situation“, bilanziert Antje Schauer. „Aber dass sofort so viele Menschen zur Stelle waren, die gesagt haben: ‚Wir wissen, dass ihr das schafft‘. Das ist doch der größtmögliche Vertrauensbeweis.“

(Dieser Artikel erschien in der WNA-Ausgabe 2+3/2026.)