Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine wächst in Deutschland die Nachfrage nach Produkten für Sicherheit und Verteidigung. Drei Unternehmen aus der Region Neckar-Alb sprechen über die Marktchancen und Herausforderungen des Geschäftsfelds.
Geschäftsführer Ludwig Augustin und Prokuristin Tanja Büdefeldt von der Tibo Tiefbohrtechnik GmbH in Pfullingen.
Foto: PRDie Tibo Tiefbohrtechnik GmbH ist auf die Herstellung von Werkzeugmaschinen spezialisiert, genauer gesagt: auf Tiefbohrmaschinen. „Die leisten genau das, was der Name sagt“, erklärt Geschäftsführer Ludwig Augustin. „Sie werden etwa eingesetzt, um Hydraulikzylinder, Motorenteile und Medizintechnikprodukte herzustellen. Oder Waffenläufe.“ Tatsächlich sind Tiefbohrmaschinen, wie sie am Standort Pfullingen entstehen, für die Produktion moderner Schusswaffen unerlässlich – nicht nur für die Rüstungsindustrie, sondern auch für den Schießsport.
Andere Märkte, andere Vorgaben
„Dass wir unser Know-how in so unterschiedlichen Kontexten einbringen können, ist ein großer Vorteil, denn der Markt für Tiefbohrmaschinen hat sich stark gewandelt“, berichtet Prokuristin Tanja Büdefeldt. „In Süddeutschland waren bisher immer Maschinenbau und Automobilindustrie unsere größten Partner. Zwei Branchen, die aktuell von starkem Umsatzrückgang betroffen sind. Die daraus resultierenden Auftragslücken konnten wir unter anderem durch eine stärkere Präsenz im Bereich Defence schließen.“
Lieferungen über Ländergrenzen hinweg bedeuten hier allerdings zusätzlichen organisatorischen Aufwand – und unvermeidbare Investitionen. „Von Sanktionen bis Embargos müssen wir auf dem aktuellen Stand sein, was die Vorgaben des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) anbelangt“, sagt Tanja Büdefeldt. „Zumal es im Grunde gar nicht mehr möglich ist, alle relevanten Listen manuell abzugleichen, weil sich jederzeit etwas ändern kann“, fügt Ludwig Augustin hinzu. „Ohne hoch spezialisierte Softwarelö-sungen sind die Vorgaben der BAFA-Exportkontrolle heutzutage kaum einzuhalten.“
Foto: PRMan muss in der Produktentwicklung kreativ werden, um die Prozesse zu beschleunigen
Irina Herzog, Geschäftsführerin von Defence-Technology, Rottenburg am Neckar
Entwicklung in Vorleistung
„In Sachen Defence geht es oft so langsam voran, dass man in der Produktentwicklung kreativ werden muss, um die Prozesse zu beschleunigen“, sagt Irina Herzog. Sie ist die Geschäftsführerin von Defence-Technology, einem Unternehmen mit Sitz in Rottenburg-Ergenzingen, das sich auf die Entwicklung und Herstellung von autonomen Drohnensystemen spezialisiert hat. „Zeit ist dabei ein doppelt wichtiger Faktor“, fügt sie hinzu. „Zum einen müssen wir mit der technischen Entwicklung in Vorleistung gehen, um ein Produkt zu haben, das wir den Behörden vorstellen können. Zum anderen entwickelt sich die Drohnentechnologie so rasant, dass eine Innovation schon drei Monate später veraltet sein kann.“
Aus diesem Grund sind die Drohnen von Defence-Technology modular aufgebaut. So entstehen Produkte, die nicht nur den Anforderungen der geplanten Anwendung entsprechen, sondern auch mit minimalem Aufwand auf den neuesten Stand der Technik gebracht werden können. Kaum waren die ersten Teile bereit für die Serienproduktion, bekundeten sowohl die Bundeswehr als auch die Polizei Interesse.
„Drohnen aus deutscher Produktion, bei denen transparent ist, wer Zugriff auf welche Daten hat, sind bislang eine absolute Seltenheit“, so Irina Herzog. „Wäre das nicht der Fall, hätten wir als Neulinge in dieser Branche sicher nicht so schnell einen Fuß in die Tür gebracht.“ Die Verteidigungs- und Rüstungsindustrie in Deutschland werde derzeit von einer kleinen Zahl großer Konzerne dominiert. „Man muss Nischen finden, die noch nicht überlaufen sind, wenn man sich langfristig am Markt behaupten will.“
Foto: PRDefence ist in Deutschland ein träges Business
Matthias Bürgin, Geschäftsführer der Saro GmbH, Rangendingen
Internationale Ausrichtung
Wie schwer es für Newcomer sein kann, die deutschen Beschaffungsbehörden von sich zu überzeugen, weiß auch Matthias Bürgin. Er ist Gründer der Saro GmbH, die seit 2019 in Hechingen unter dem Markennamen „Ghosthood“ multispektrale Tarnsysteme entwickelt, produziert und vertreibt. „Wir haben uns in den vergangenen sieben Jahren zu einem der weltweit führenden Unternehmen in unserem Bereich hochgearbeitet“, sagt er. „Ohne unsere Kunden im Ausland hätten wir es aber nie so weit gebracht, denn Defence ist in Deutschland ein träges Business.“
Ausgewählte „Ghosthood“-Produkte sind auch für kommerzielle Anbieter verfügbar, etwa im Jagdsport. Rund 98 Prozent ihres Umsatzes generiert die Saro GmbH jedoch durch den Vertrieb an Behörden in insgesamt 29 Nationen. „Wir verkaufen ausschließlich an Nato-Staaten und Nato-Freunde“, betont Bürgin. „Die Exportbedingungen, die wir uns intern auferlegt haben, sind diesbezüglich sogar deutlich strenger als die Vorgaben des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle.“ Geplant war diese frühe Internationalisierung des Geschäfts allerdings nicht: Das „Ghosthood“-Sortiment war zu Beginn ausschließlich für den deutschen Markt gedacht. „Im Nachhinein war das ein Fehler“, findet Matthias Bürgin. „Es gibt Nationen, die Start-ups im Bereich Defence gezielt fördern – das bringt Dynamik in die Branche und stärkt die Innovationskraft. In Deutschland sieht das anders aus: Wer hier einen Fuß in die Tür bringen will, muss mit mehreren Jahren Vorlaufzeit rechnen und selbst für kleine Aufträge enormen bürokratischen Aufwand in Kauf nehmen.“ /
(Dieser Artikel erschien in der WNA-Ausgabe 10+11/2026.)