Ein Firmensitz abseits der Ballungszentren kann mit Herausforderungen verbunden sein. Er kann jedoch auch Innovationen ermöglichen, die andernorts nicht entstanden wären. Drei Unternehmen aus der Region stellen ihre Projekte vor – und erklären, von welchen klaren Standortvorteilen sie im ländlichen Raum profitieren.
Talat Jashanica, Co-Founder der J & J Software GmbH.
Foto: PRInnovation beginnt erstaunlich oft mit Frustration. „Wenn Lösungen für Probleme fehlen, die täglich Zeit und Energie kosten, ist Erfindergeist gefragt“, davon ist Talat Jashanica überzeugt. Als er 2023 den Bereich Alltagshilfe beim Pflegedienst „Pflege mit Vertrauen“ in Pfullingen aufbaute, entfiel knapp ein Viertel seiner Arbeitszeit auf die Buchhaltung. „Für jeden Besuch müssen unsere Klienten zwei Dokumente unterschreiben“, erzählt er. „Bei 150 Klienten macht das 300 Seiten. Am Monatsende sitzt man dann vor zehn randvollen Ordnern und weiß: So können wir nicht wachsen.“
Vom Projekt zum Tech-Start-up
Aus diesem Grund suchte Talat Jashanica nach einer Softwarelösung – ohne Erfolg. „Alle Apps auf dem Markt waren für die ambulante Pflege gedacht“, erinnert er sich. „Beim Pflegedienst wird nach Leistungen, in der Alltagshilfe aber nach Stunden abgerechnet. Deshalb konnten wir die bestehenden Apps nicht nutzen.“ Um diese Lücke zu schließen, entwickelte Jashanica gemeinsam mit seinem Co-Founder Fetah Jusufi die App „Hey Carla“, die direkt auf die Abläufe in der Alltagshilfe ausgelegt ist.
Was als Projekt für den Eigenbedarf begann, wurde 2024 zu einem Tech-Start-up mit Sitz in Pfullingen: zur J & J Software GmbH. „Eine strenge Office Policy lässt sich bei uns schlecht durchsetzen“, berichtet Jashanica. „Wir wollen mit den Besten arbeiten, unabhängig davon, wo sie wohnen. Deshalb arbeiten wir vollständig remote.“ Ein Umzug kommt für die Firma jedoch nicht infrage. Ganz im Gegenteil: „Unser Standort ist für uns ein großer Vorteil. Dass wir selbst aus der Region stammen, macht es viel leichter, Kontakt zu den Unternehmen vor Ort aufzubauen.“
Kevin Arnold, Gründer der Arnold Next G GmbH.
Foto: PRAutonomes Fahren auf der Alb
Für die Arnold Next G GmbH ist der Standort im ländlichen Raum ebenfalls ein großer Vorteil – wenn auch aus einem vollkommen anderen Grund. Am Firmensitz in Pfronstetten-Aichelau wird seit dem Jahr 2021 eine zentrale Steuerungsplattform für autonome Fahrzeuge entwickelt. „Unsere Arbeit basiert auf Drive-by-Wire-Technologie, die es ermöglicht, sowohl Lenkung, Beschleunigung und Bremse als auch Sekundärfunktionen wie Blinker, Hupe oder Scheibenwischer digital zu steuern“, erklärt Gründer Kevin Arnold. „Damit können wir Fahrzeuge beliebiger Hersteller für autonomes, ferngesteuertes Fahren nachrüsten. Auch die Automatisierung ganzer Lkw-Kolonnen, sogenanntes Platooning, ist damit möglich.“
Wie das in der Praxis aussehen kann, ist bisweilen in der Umgebung von Pfronstetten zu sehen, denn Demonstrationen und Produkttests führt Arnold Next G am liebsten auf der Alb durch. „Hier gibt es viele Strecken, auf denen wir die nötigen Sicherheitsmaßnahmen schnell und zuverlässig umsetzen können. Für unsere Entwicklungsgeschwindigkeit ist die ländliche Umgebung ein großes Plus“, konstatiert Kevin Arnold. „Deshalb haben wir beschlossen: Wir bleiben hier und sorgen dafür, dass es sich lohnt, zu uns zu kommen, sowohl für unsere Beschäftigten als auch für unsere Kunden.“
Eine Rechnung, die aufgeht: Das Team von Arnold Next G arbeitet nicht nur mit den Kollegen an fünf weiteren Standorten in Deutschland, sondern auch mit Partnern aus aller Welt eng zusammen. „Voriges Jahr konnten wir sogar das weltweit größte Projekt im Bereich autonomes Trucking einwerben“, berichtet Kevin Arnold. „Bis 2027 werden knapp 1.000 autonome Lkws auf US-amerikanischen Highways unterwegs sein – dank der Technologie, die wir hier in Aichelau entwickeln.“
Petra Siegle, Teamleiterin von Schwabenpower.
Foto: PRVerbundenheit zur Heimat
Manche neue Geschäftsidee wäre ohne die ländliche Umgebung gar nicht erst entstanden. Ein solcher Fall ist Schwabenpower. Die Textilmarke mit Ladengeschäft in Zwiefalten ist eine Ausgründung der MTS Schrode AG – eines Unternehmens, das auf Maschinen für die Digitalisierung und Automatisierung im Tief- und Straßenbau spezialisiert ist. Wie das zusammenpasst? „Angefangen hat alles mit der Idee, Fanartikel herzustellen“, erklärt Teamleiterin Petra Siegle. „Mit Schwabenpower wirbt MTS Schrode seit vielen Jahren, weil dieser Begriff für uns die Leidenschaft für hochwertige, selbst gemachte Produkte und vor allem die Verbundenheit zur Heimat ausdrückt.“
Radikale Regionalität
Da der Begriff nicht nur bei den Beschäftigten von MTS Schrode, sondern auch bei Kunden und Partnern großen Anklang fand, entstanden schon früh erste Entwürfe für Merchandise. Die Suche nach Produktionsmöglichkeiten erwies sich jedoch als enttäuschend. „Wir wollten keine anonym hergestellten Textilien und auch keine, die einmal um die halbe Welt reisen“, erzählt Petra Siegle. „Deshalb fiel irgendwann der Entschluss: Das machen wir selbst, und zwar mit radikaler Regionalität.“ Konkret bedeutet das, dass nicht nur das Design des Schwabenpower-Sortiments auf der Schwäbischen Alb entsteht.
Alle Stoffe werden regional hergestellt und in der eigenen Nähstube verarbeitet. „Wir sitzen hier in Zwiefalten vielleicht nicht an der großen Einkaufsmeile einer Metropole wie Stuttgart – aber genau das macht uns aus“, findet Petra Siegle. „Wir investieren gerne zusätzliche Energie in unseren Onlineshop und in die Teilnahme an Regionalmärkten, um die Menschen zu erreichen. Für uns ist es eine Herzensangelegenheit, die Textiltradition der Schwäbischen Alb mit Schwabenpower wieder aufleben zu lassen.“ /
(Dieser Artikel erschien in der WNA-Ausgabe 6+7/2026.)