Industrie

Zwischen Weltmarkt und Landstraße

Präzisionswerkzeuge aus Meßstetten-Tieringen und Ergometer aus Bitz: Die Robert Koch GmbH und die Ergoline GmbH im Zollernalbkreis sind stark im ländlichen Raum verwurzelt. WNA hat ihre Geschäftsführer nach den Vor- und Nachteilen ihres Standorts gefragt – und nach ihren Wünschen.

Simone Koch-Schlegel und Robert Fontanive, die beiden Geschäftsführer der Robert Koch GmbH, stehen nebeneinanderSimone Koch-Schlegel und Rainer Fontanive leiten gemeinsam die Robert Koch GmbH. Foto: PR

Die Firmengeschichte der Robert Koch GmbH begann im Jahr 1938 mit Sechskantmuttern. Damals befand sich die Fertigung noch neben der Dorfkirche in Tieringen. Vor 30 Jahren zog das Unternehmen ins Industriegebiet des Meßstetter Ortsteils um. Heute ist es auf Präzisionswerkzeuge für Industrie und Medizintechnik spezialisiert und mehrfach ISO-zertifiziert. „Wir haben hier ein gutes regionales Partnernetzwerk“, berichtet Simone Koch-Schlegel, die die Robert Koch GmbH in der dritten Generation und gemeinsam mit Rainer Fontanive leitet. „Unsere Flächen- und Betriebskosten sind niedrig. Wir haben Platz und sind mit den Nachbarunternehmen eng verbunden.“

Fehlende Fachkräfte
Das einst landwirtschaftlich geprägte Tieringen habe sich im Laufe der langen Firmengeschichte verändert, nicht zuletzt durch die Ansiedlung mehrerer anderer Industriebetriebe. „Hier gibt es mittlerweile mehr Arbeitsplätze als Einwohner“, sagt Koch-Schlegel. Kindergarten-, Schul- und Ausbildungsplätze seien genügend vorhanden. Dennoch stoße man – trotz vieler langjähriger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter den 50 Beschäftigten – beim Thema Fachkräfte immer wieder an Grenzen: Im Unternehmen wird im Schichtbetrieb gearbeitet, der öffentliche Nahverkehr ist darauf jedoch nicht ausgelegt. Alle Beschäftigten benötigen daher einen Führerschein. „Es ist schwierig, Fachpersonal im direkten Umfeld zu finden“, erklärt Koch-Schlegel. „Die schon so lange geplante B-27-Anbindung des Zollernalbkreises an Reutlingen, Tübingen und Stuttgart ist uns daher ein wichtiges Anliegen.“

Um trotz zurückgehender Bewerbungen weiterhin ausbilden zu können, pflegt die Robert Koch GmbH einen engen Kontakt zu den weiterführenden Schulen im Umkreis und zur Berufsschule in Balingen. Dennoch: „Auch Hauptschüler möchten eher im Büro arbeiten“, stellt Simone Koch-Schlegel fest. In der Folge sinken an den Berufsschulen die Schülerzahlen in den benötigten Ausbildungsberufen. „Wir hoffen, dass sich das Angebot hält, merken aber, dass wir auch als Firma mehr tun müssen, um junge Leute in Sachen Ausbildung abzuholen.“

Rainer Fontanive, der zweite Geschäftsführer des Unternehmens, weiß von einem weiteren Problem zu berichten. „Der aktuelle Konflikt im Iran verschärft den bestehenden Preisdruck: Aluminium aus der Bahrain-Gegend könnte bald teurer werden.“ Herausfordernd seien zudem die steigenden Energiekosten und deutsche Kunden, die ins Ausland abwandern oder schließen – wie die Reutlinger Firma Stoll, die ein bedeutender Kunde gewesen sei. „Wir versuchen, schneller, nachhaltiger und günstiger zu produzieren. Aber die Kosten, die Sicherheitsvorschriften und der bürokratische Aufwand nehmen ständig zu.“ Rainer Fontanive wünscht sich deshalb vor allem stabile Energiekosten sowie Förderprogramme für Investitionen.

Porträtfoto von Dr. Bernhard BudakerDr. Bernhard Budaker, der Geschäftsführer der Ergoline GmbH. Foto: PR

Herausforderung für die Lieferketten 
Die Ergoline GmbH, seit 40 Jahren in Bitz beheimatet, steht vor ganz ähnlichen Herausforderungen. „Ich habe den Eindruck, dass in den vergangenen Jahren mehr Firmen als zuvor umgezogen sind oder geschlossen haben, weil es keinen Nachfolger gab“, sagt Geschäftsführer Dr. Bernhard Budaker. „Dadurch fallen Lieferanten im näheren Umkreis weg, was eine zunehmende Herausforderung für unsere Lieferketten ist.“ 

Ergoline stellt medizinische Ergometer und Systeme zur kardiologischen Rehabilitation her. „Die Firma hat sich gut entwickelt“, berichtet Budaker. Die Stückzahlen seien seit dem Jahr 2023 stark gestiegen. „Wir profitieren von gut verfügbaren Industrieflächen, genug Platz für unsere Produktion und vielen handwerklich geprägten Firmen im Zollernalbkreis.“ Um immer die aktuellen medizinischen Anforderungen erfüllen zu können, arbeitet das Unternehmen mit Instituten und kardiologischen Kliniken zusammen, darunter die Deutsche Sporthochschule Köln, das Universitätsspital Bern, der Olympiastützpunkt Nordrhein-Westfalen und die Medizinische Hochschule Hannover.

Das Geschäft von Ergoline ist stark international ausgerichtet: „Wir können überallhin liefern und haben auch für Brasilien die Zulassung erhalten“, sagt Bernhard Budaker. Das Unternehmen präsentiert sich regelmäßig auf Messen, zuletzt in Dubai. Und so liegt dann auch ein Hauptaugenmerk derzeit auf der krisenfesten Aufstellung der Lieferketten in Richtung Ausland.

Die Verkehrsanbindung ist ein klarer Nachteil 
 

Überbordende Bürokratie
„Ein klarer Nachteil, der größte Nachteil am Standort im ländlichen Raum, ist für uns die Verkehrsanbindung in fast alle Richtungen“, bemerkt Bernhard Budaker. Dadurch falle es schwerer, Fachkräfte im Bereich Ingenieurswesen oder in der Softwareentwicklung zu gewinnen. Absolventen aus Stuttgart, Ulm und Tübingen hätten einen langen Anfahrtsweg, der zwangsläufig über die Landstraße führe – und nicht alle wollten aufs Land ziehen. Hier wünscht sich Budaker eine bessere Verkehrsinfrastruktur.

Auch für sein Unternehmen werden die gestiegenen Energiekosten ein immer größeres Thema: allerdings weniger die eigenen als vielmehr die der Lieferanten. „Wir benötigen für unsere Produkte Gussteile. Ihre Herstellung ist sehr energieintensiv, weshalb die Preise für sie steigen.“ 

Und dann nennt Bernhard Budaker, gefragt nach weiteren aktuellen Herausforderungen, noch einen Dauerbrenner: die überbordende Bürokratie. „Gerade in der Medizintechnik kommen immer mehr Vorschriften hinzu, die theoretisch sinnvoll sind – aber man fragt sich, ob es so bürokratisch sein muss.“ Dieser Aufwand sei im internationalen Vergleich ein Wettbewerbsnachteil.

(Dieser Artikel erschien in der WNA-Ausgabe 6+7/2026.)