Einzelhandel

Gute Geschäfte

Moderne Selbstbedienungsläden für die Nahversorgung und ein Fachgeschäft mit jahrzehntelanger Geschichte: Zwei Unternehmer aus der Region berichten, wie Einzelhandel im ländlichen Raum heute funktioniert und vor welchen Herausforderungen er steht.

Blick auf das Fenster des Tante M-Ladens in Hohenstein-BernlochBlick auf den „Tante M“-Laden in Hohenstein-Bernloch. Foto: PR

Als Christian Maresch im Sommer 2019 seinen ersten „Tante M“-Laden in Grafenberg eröffnete, reagierte er auf ein Problem, das im ländlichen Raum schon länger Realität war: geschlossene Dorfläden. „Ich habe in der Region gesehen, wie schlecht die Nahversorgung geworden ist. Klassische Geschäfte mit Personal hinter der Theke waren wirtschaftlich nicht mehr tragfähig.“

Seine Antwort darauf: ein digital gestütztes Selbstbedienungskonzept. „Tante M“ kombiniert lange Öffnungszeiten – sieben Tage die Woche, jeweils von 5 bis 23 Uhr – mit einem weitgehend personalfreien Betrieb. Der Zugang zu den Geschäften erfolgt an den meisten Standorten über Bank- oder Kundenkarte. Die Kunden zahlen an Selbstbedienungskassen. Die Diebstahlrate sei dabei nicht höher als im klassischen Einzelhandel, betont Maresch.

Porträtfoto von Christian MareschFoto: PR

Die Zukunft der Nahversorgung wird flexibler, digitaler und näher am Menschen sein

Christian Maresch, Geschäftsführer der Tante-M Holding GmbH, Tübingen

Jeder Laden ein neues Experiment
Das anfängliche Einzelprojekt hat sich rasant entwickelt. Heute existieren, verteilt auf sieben Bundesländer, 75 „Tante M“-Läden. Während Christian Maresch 2023 noch 41 Standorte selbst betrieb, setzt er inzwischen auf ein Franchisemodell und führt nur  noch drei eigene Filialen. Die Nachfrage sei groß, sowohl bei Kommunen als auch bei potenziellen Franchisenehmern. Auch in der Region Neckar-Alb wächst das Filialnetz. Die Geschäfte würden von den Kunden gut angenommen, allerdings mit deutlichen Unterschieden je nach Standort, berichtet Maresch. „Jeder Laden ist ein neues Experiment.“ Vier Jahre lang setzte er sich für eine Anpassung des Ladenöffnungsgesetzes in Baden-Württemberg ein – mit Erfolg: Seit Februar 2026 sind die erweiterten Öffnungszeiten von „Tante M“ rechtlich abgesichert. „Das ist ein wichtiger Schritt, den wir uns auch in anderen Bundesländern wünschen.“

Eine neue Entwicklungsstufe markiert die Einführung der Marke „City M“, die die Grundidee der flexiblen Nahversorgung vom ländlichen Raum auf urbane Standorte überträgt. Der erste Laden eröffnete in Backnang. Fünf weitere sollen noch in diesem Jahr folgen, unter anderem in München. Trotz des Erfolgs ist das Geschäftsmodell kein Selbstläufer. Jeder Standort bringt andere örtliche Rahmenbedingungen und eine andere Kundenstruktur mit sich. Die Frage, ob sich ein Laden langfristig wirtschaftlich trägt, ist somit ständiger Begleiter. Doch Christian Maresch ist vom dauerhaften Erfolg seines Geschäftsmodells überzeugt: „Die Zukunft der Nahversorgung wird flexibler, digitaler und näher am Menschen sein.“

Blick auf die Regale im Spielwarengeschäft AlbatrosBlick in den Spielwaren- und Geschenkeladen Albatros in Mössingen. Foto: PR

Tradition statt Trend
Karl-Heinz Deisböck eröffnete vor 22 Jahren in Mössingen ein Fachgeschäft für Spielwaren und Geschenkartikel. Auf 130 Quadratmetern Verkaufsfläche verfolgt er ein klares Konzept: keine Massenware, sondern sorgfältig ausgewählte Produkte, die Wertigkeit, Nachhaltigkeit und pädagogischen Nutzen vereinen.

Den Grundstein dafür hat er bereits vor über 40 Jahren gelegt: Damals betrieb er in einer alten Fabrikhalle gemeinsam mit anderen Kunsthandwerkern eine kleine Holzwerkstatt und unternahm erste Verkaufsversuche. Danach zog er allein in ein Ladengeschäft nach Reutlingen um. Er produzierte Holzspielzeug, verkaufte es im eigenen Laden und auf Kunsthandwerkermärkten, bevor er sich zeitweise ganz auf die Produktion für Händler konzentrierte. Der Vertrieb über Messen erwies sich jedoch als aufwendig. So kam er nach Mössingen.

Porträtfoto von Karl-Heinz DeisböckFoto: PR

Die Kunden sind loyal, die Bindungen eng

Karl-Heinz Deisböck, Inhaber von Albatros Spielwaren und Geschenke, Mössingen

Deisböck sieht den Standort im kleineren Ort überwiegend als Vorteil: „Die Kunden sind loyal, die Bindungen eng.“ Niedrige Mieten, kurze Wege und gute Erreichbarkeit erleichterten den Betrieb. Auch die Personalkosten blieben mit zwei Aushilfen überschaubar. Eine Herausforderung sieht Karl-Heinz Deisböck in der geringeren Laufkundschaft. 

Gleichzeitig relativiere sich dieser Nachteil durch gezielt vorbeischauende Kundinnen und Kunden. „Der Wettbewerb mit dem Onlinehandel ist spürbar, vor allem bei hochpreisigen Produkten. Viele Kunden verstehen aber, dass lokale Geschäfte nur bestehen können, wenn sie auch genutzt werden.“ Standardprodukte würden gezielt vor Ort gekauft, während bei teureren Artikeln häufig das Internet den Zuschlag erhalte – wofür er Verständnis habe. Kritisch sieht er jedoch die Rahmenbedingungen des Onlinehandels. „Kostenlose Versand- und Retourenmodelle müssen abgeschafft werden.“

Die Stadt Mössingen selbst sei in Sachen Einzelhandel mit einem vielfältigen Mix gut aufgestellt, auch wenn es Leerstände gebe. Sorgen bereitet Karl-Heinz Deisböck eher die Zukunft seines eigenen Geschäfts: Er ist 69 Jahre alt, ein Nachfolger ist jedoch noch nicht in Sicht. „Der Einzelhandel gilt als arbeitsintensiv und wenig attraktiv, zudem erschweren zurückhaltende Banken die Finanzierung.“ Einige Jahre, so hat er sich vorgenommen, möchte er noch weitermachen. Und währenddessen hoffen, dass es auch danach mit seinem Laden weitergeht. /

(Dieser Artikel erschien in der WNA-Ausgabe 6+7/2026.)