Die Energiewende stellt Betriebe vor enorme Herausforderungen. Die Stadtwerke Reutlingen Gruppe arbeitet am Ausbau der Netze, während die Mehrer Compression GmbH in Balingen an Lösungen für die energieschonende Wasserstoffverdichtung tüftelt. Beide Unternehmen verbindet ein Ziel: die effizientere Nutzung von Energie.
Blick auf den Solarpark Münsingen-Buttenhausen. Er ist ein Kooperationsprojekt der Unternehmen Fair Energie und Schöller SI.
Foto: PRNicht nur für Unternehmen, die Energie benötigen, spielen Nachhaltigkeit und Klimaneutralität eine immer größere Rolle. Auch die Energieversorger selbst müssen sich mit diesen Themen auseinandersetzen. „Wir arbeiten daran, bei der Energieerzeugung CO₂-neutral zu werden“, sagt etwa Dominik Völker, Vertriebs- und Marketingleiter bei der Fair Energie GmbH in Reutlingen. Das Unternehmen ist innerhalb der Stadtwerke Reutlingen Gruppe für Erzeugung, Handel und Vertrieb zuständig. Die Fair Netz GmbH übernimmt die Aufgabe des Netzbetreibers. „Auch wenn sich die Art der Erzeugung ändert, muss die Energie natürlich zu den Kunden gebracht werden.“ Damit das gelingt, arbeitet Fair Netz am Ausbau der Netze.
Immer mehr Strom nötig
Der Umbau der Stromnetze, zum Beispiel der Neubau von Trafostationen, wird notwendig, da immer mehr Strom dezentral ins Netz eingespeist wird – etwa durch Photovoltaikanlagen auf Wohn- und Geschäftsgebäuden.
Foto: PRWenn wir unsere Ziele erreichen, können wir schon in fünf Jahren 50 Prozent der Fernwärme CO₂-neutral erzeugen
Dominik Völker, Leiter Vertrieb und Marketing bei der Fair Energie GmbH, Reutlingen
Rund 11.700 dieser Anlagen gibt es inzwischen im Netzgebiet in Reutlingen und Umgebung, deutlich mehr als ursprünglich prognostiziert. Da durch die voranschreitende Digitalisierung und die zunehmende Nutzung von KI, aber auch durch den Betrieb von Wärmepumpen und E-Autos immer mehr Strom benötigt wird, arbeitet die Stadtwerke Reutlingen Gruppe zudem daran, dass mehr Leistung im Netz aufgenommen werden kann. Parallel dazu werden neue Ortsnetzstationen geplant und wichtige Prozesse wie der Netzanschluss und die Netzplanung weiter optimiert. Ziel ist es, erneuerbare Energien und Ladeinfrastruktur für E-Fahrzeuge noch effizienter einzubinden und gleichzeitig die Stabilität und Flexibilität der Netze zu garantieren.
Wärmepumpen statt Erdgas
Die aktuellen, unsicheren politischen Rahmenbedingungen seien dabei eine Herausforderung. Dies vor allem, so Völker, weil Umwelt- und Wirtschaftsministerium seinem Eindruck nach keine gemeinsame Linie verfolgen. „Wir können davon ausgehen, dass Erdgas bei der Energieversorgung künftig eine geringere Rolle spielen wird. Dafür werden zukunftssichere Wärmelösungen wie Wärmepumpe und Fernwärme weiter an Bedeutung gewinnen.“ Diese Entwicklung werde von der Politik aber nur bedingt berücksichtigt.
Angesichts dieser Unsicherheiten arbeitet die Stadtwerke Reutlingen Gruppe derzeit an der Umsetzung des politischen Ziels im Bereich der Energiepolitik, das ganz klar definiert ist: nämlich an der Wärmewende – und damit am Ausbau des Fernwärmenetzes, um Gebäude über ein unterirdisches Rohrleitungsnetz mit Wärme zu versorgen. „Wir sehen hierfür großes Potenzial, etwa in der Reutlinger Oststadt. Zudem wollen wir die Fernwärme verstärkt CO₂-neutral gewinnen“, berichtet Dominik Völker. Dafür soll die Wärme des Abwassers im Klärwerk in Reutlingen-Betzingen genutzt werden. „Wenn wir das schaffen, können wir schon in fünf Jahren 50 Prozent der Fernwärme CO₂-neutral erzeugen.“ Ein weiterer Bestandteil des Wärmenetzes sind Blockheizkraftwerke, die „H₂-ready“ sind, also auch mit Wasserstoff betrieben werden können.
Erfolgreich in der Nische
Mit genau diesem Thema kennt sich die Mehrer Compression GmbH in Balingen bestens aus. Das Maschinenbauunternehmen entwickelt und fertigt Kompressoren und Systemlösungen für die Verdichtung von Gasen und Gasgemischen – von Luft über CO₂ bis hin zu Wasserstoff. „Wir können heute alle Medien verdichten“, sagt Geschäftsführer Jörg Mehrer, der das im Jahr 1889 gegründete Unternehmen in fünfter Generation führt. Gemeinsam mit seinem Team arbeitet er auch an Lösungen, die die Zukunft der Energieversorgung sichern sollen. Dazu gleich mehr.
Foto: PRBei uns ist alles Standard – außer der Standard
Jörg-Peter Mehrer, Geschäftsführender Gesellschafter der Mehrer Compression GmbH, Balingen
Mehrer Compression begann mit Druckluftkompressoren für die Textilindustrie und hat sich über die Jahrzehnte zu einem hoch spezialisierten Betrieb entwickelt. „In den 1980er- und 1990er-Jahren sind wir immer mehr in Nischenanwendungen gegangen, unter anderem auch in die Gas- und in die CO₂-Verdichtung.“ Die Stärke des Balinger Unternehmens liegt darin, Gase steuerbar, sicher und effizient zu machen. Es baut komplette Anlagen – von der Einhausung bis zur Steuerung, zudem CE-konform und den ATEX-Richtlinien der EU entsprechend. „Bei uns ist alles Standard – außer der Standard“, sagt Jörg-Peter Mehrer.
Neues Einsatzgebiet: Wasserstoff
In Wasserstoff kann deutlich mehr Energie oder verwertbare Energie gespeichert werden als zum Beispiel in der gleichen Menge Benzin. Das macht ihn als Energieträger interessant – und erschließt Mehrer Compression ein neues Einsatzgebiet für seine Anlagen. „Wasserstoff hat, wenn man ihn in elektrische Energie oder Leistung umwandelt, den Nebeneffekt, dass man kein CO₂ freisetzt. Es bleibt nur Wasser übrig“, erklärt Jörg-Peter Mehrer. Trotzdem spiele Wasserstoff für das Unternehmen bislang nur in der Theorie eine wachsende Rolle, da die Nachfrage nach Wasserstoffkompressoren derzeit stagniere. „Die Wasserstoffwirtschaft muss man sich leisten können.“
Jörg-Peter Mehrers Blick ist trotzdem nach vorne gerichtet. Die neue Kompressoren-Baureihe, die Drücke bis 500 Bar beherrscht, steht längst bereit. In Frankfurt am Main hat Mehrer Compression eine Halle mit elf Maschinen ausgestattet – sie betreiben eine Versuchsanlage zur Erzeugung von sogenanntem grünen Kerosin, einem CO₂-neutralen Kraftstoff für Flugzeuge. /
(Dieser Artikel erschien in der WNA-Ausgabe 12/2025+1/2026.)