Digitale Ausbildung I:

Das Prüfungswesen der Zukunft

Die Digitalisierung macht auch vor dem Prüfungswesen nicht halt. Seit Anfang 2025 läuft bei der IHK Reutlingen daher ein bundesweit einzigartiges Pilotprojekt: digitale Abschlussprüfungen für Auszubildende in technisch-gewerblichen Berufen. 

Mehrere Personen sitzen in einem großen Raum bei der IHK an Tischen mit Laptops und konzentrieren sich auf schriftliche AufgabenRund 35 Azubis aus neun regionalen Ausbildungsbetrieben haben im Mai 2026 an der zweiten Testprüfung in der IHK-Zentrale teilgenommen. Die angehenden Industriemechaniker, Mechatroniker und Elektroniker für Betriebstechnik waren im zweiten und dritten Ausbildungsjahr. Foto: IHK

„In den nächsten drei bis fünf Jahren wollen wir die Digitalisierung des Ausbildungsgeschehens deutlich voranbringen. Dass wir dabei gleich mit dem Thema Prüfungen durchstarten können, das hat sich durch einen glücklichen Zufall ergeben“, erinnert sich Roman Dollwet, der Leiter der gewerblichen und technischen Prüfungen bei der IHK Reutlingen. „Bei einem Event der IHK Stuttgart stellte Ende 2024 die Dr.-Ing. Paul Christiani GmbH & Co. KG aus Konstanz ein digitales Tool für die Prüfungsvorbereitung vor. Im Nachgang dieser Präsentation erzählten die Experten, dass sie ihr System gern einmal unter realistischen Bedingungen testen würden – mit Azubis, die wirklich auf Prüfungen lernen.“

KI-gestützte Korrekturen
Im Februar 2025 wurde aus dieser Idee ein bundesweit einzigartiges Pilotprojekt. Zur ersten digitalen Testprüfung für gewerblich-technische Berufe kamen rund 50 Auszubildende aus drei Berufen am Hauptsitz der IHK in Reutlingen zusammen: angehende Industriemechaniker, Mechatroniker und Elektroniker für Betriebstechnik. Zwei Wochen lang konnten sie die neue Lernsoftware kostenlos nutzen, bevor es an die digitale Prüfung ging. „Natürlich nur zur Übung“, betont Roman Dollwet. „Ihre echten Abschlussprüfungen haben auch diese Azubis ganz klassisch mit Stift und Papier abgelegt.“

Im Mai 2026 fand die zweite digitale Probeprüfung bei der IHK Reutlingen statt. Dieses Mal wurden auch die Ausbilder aktiv eingebunden: Sie durften ein KI-gestütztes Tool für die Auswertung von Freitextaufgaben testen. „Bei diesem Aufgabentyp kann man meist nicht auf einen Blick sehen, was alles richtig und was falsch ist“, erklärt Roman Dollwet. „Deshalb bestehen die meisten Prüfungen derzeit überwiegend aus Multiple-Choice-Fragen – da gibt es keinen Interpretationsspielraum. Davon wollen wir uns langfristig aber verabschieden, denn über berufliche Kompetenzen sagt eine Antwort in eigenen Worten meist mehr aus.“

Porträtfoto von Markus BezFoto: PR

Die KI scannt die Prüfungen und gibt eine Einschätzung ab: Wie gut passt die Antwort zur Frage?

Markus Bez, Gewerblicher Ausbildungsleiter bei der Wafios AG, Reutlingen

Die Punkte vergibt der Mensch
Kann künstliche Intelligenz eine solche Veränderung der Prüfungskultur ermöglichen, indem sie den damit einhergehenden Korrekturaufwand reduziert? Markus Bez, der gewerbliche Ausbildungsleiter bei der Wafios AG in Reutlingen, hat es im Rahmen des Pilotprojekts ausprobiert. „Das war eine spannende Erfahrung“, erzählt er. „Die KI scannt die Prüfungen und gibt eine Einschätzung ab: Wie gut passt die Antwort zur Frage? Korrekte Ergebnisse werden grün hinterlegt, halb richtige unterstrichen. Das kann durchaus die Navigation erleichtern.“ Die Punkte vergibt am Ende allerdings immer ein Mensch – und das soll auch in Zukunft so bleiben.

Bereit für den Einsatz im echten Prüfungsbetrieb ist die Software zwar noch nicht, doch weitere Testläufe sind in Planung. Markus Bez will seine Auszubildenden auch dafür anmelden. „Die Digitalisierung ist eines der großen Themen unserer Zeit. Dass die IHK Reutlingen schon heute über das Prüfungswesen der Zukunft nachdenkt, wissen wir sehr zu schätzen – und das unterstützen wir auch gern durch unsere Teilnahme“, erklärt er. „Damit die Einführung eines neuen Systems gelingt, braucht es schließlich echtes Nutzerfeedback. Das können nur Azubis und ihre Ausbilder liefern.“

Kontinuierliche Optimierung
Tatsächlich konnten einige Erfahrungswerte bereits genutzt werden, um die Abläufe und vor allem die technische Ausstattung der digitalen Prüfung zu optimieren. „Beim ersten Mal waren zum Beispiel die Bildschirme sehr klein. Die Azubis konnten sich entweder die Aufgabenstellung oder die Planzeichnung anzeigen lassen, aber nicht beides gleichzeitig. Das haben sie in der Evaluation an die IHK zurückgemeldet – und die hat umgehend reagiert und für den zweiten Durchgang größere Monitore organisiert“, berichtet Markus Bez von Wafios. „Damit lief es gleich besser. Und die Azubis fanden es motivierend, zu sehen, dass ihr Feedback ernst genommen wird.“ /

(Dieser Artikel erschien in der WNA-Ausgabe 8+9/2026.)

Roman Dollwet

Roman Dollwet

Ausbildung & Prüfungswesen
IHK-Zentrale
Position: Leiter gewerblich/technische Prüfungen und Ausbildungsberater Metall/Elektro
Schwerpunkte: Grundsatzfragen, technische Aus- u. Weiterbildungsprüfungen
Telefon: 07121 201-151
E-Mail schreiben
vCard herunterladen
Zur Detailseite