Zwischen Job und Familie

Vereinbarkeit beginnt im Unternehmen

Wer Fachkräfte gewinnen und halten will, muss Angebote für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie schaffen. Vier Führungskräfte erzählen, wie sie mit Betreuungsengpässen, Notsituationen und langen Ferien umgehen – und welche strukturellen Veränderungen sie sich wünschen.

Eine junge Frau sitzt am Schreibtisch, telefoniert mit dem Handy und füttert gleichzeitig ihr Baby, das neben ihr sitztFoto: nazarovsergey/shutterstock.com
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Kita in Sichtweite

Dr. Marion Fehlker, Geschäftsführerin der Novineon CRO GmbH, Tübingen

Wir begleiten Hersteller von Medizinprodukten durch komplexe Zulassungsprozesse. Dafür brauchen wir bestens ausgebildete, hoch motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – sie sind das Herzstück unseres Unternehmens. Viele von ihnen planen neben der Karriere auch eine Familie. Deshalb fragen wir uns: Wie schaffen wir es, dass sie nach der Elternzeit schnell und gerne zu uns zurückkehren?

Zusammen mit der Ovesco Endoscopy AG haben wir 2019 eine Kindertagespflege eingerichtet, die von Ovesco betrieben wird: Bis zu fünf Mitarbeiterkinder zwischen ein und drei Jahren werden hier, ganz in der Nähe von Mama oder Papa, von einer Tagesmutter betreut. Zudem bieten wir Gleitzeit und mobiles Arbeiten an. So können unsere Beschäftigten auf Betreuungsausfälle – etwa in Schule oder städtischer Kita – flexibel reagieren.

Wir sind stolz auf unsere Auszeichnung als „familienbewusstes Unternehmen“. Gleichzeitig bleibt Vereinbarkeit eine ständige Herausforderung. Wir wünschen uns von der Politik strukturelle Anreize für eine fairere Verteilung familiärer Aufgaben. Ein Elterngeld mit einem nicht übertragbaren Anteil je Elternteil könnte hier neue Impulse liefern. /

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So flexibel wie möglich

Katja Haak, Geschäftsführerin der Aero-Lift Vakuumtechnik GmbH, Geislingen

Wer bei uns arbeitet, soll Familie und Beruf vereinbaren können. Deshalb bieten wir alle Stellen auch als Teilzeitstellen an – Leitungspositionen und Arbeitsplätze in der Produktion eingeschlossen. Wenn eine Stelle vom Zuschnitt her nicht passt, dann ändern wir das. Außerdem setzen wir auf flexible Arbeitszeiten zwischen 6 und 20 Uhr. So können unsere Beschäftigten auf Notfälle zu Hause reagieren. In der Produktion unterstützen wir die Flexibilität zusätzlich, indem wir unsere Fachkräfte zu echten Allroundern ausbilden, die auf jeder Position arbeiten können.  

Wenn Eltern trotz aller familiären Unterstützung keine Betreuungsmöglichkeit finden, aber im Betrieb anwesend sein müssen, dann dürfen sie die Kinder sogar mitbringen. Bei uns findet sich nicht nur Beschäftigung, sondern auch Hilfe – selbst der Seniorchef übernimmt schon mal eine Fahrt zum Fußballtraining. Wir können uns auch sonst unbürokratische Ideen gut vorstellen. Die Kommune steht immer wieder vor der Herausforderung, Lösungen für Betreuungsengpässe finden zu müssen. Warum nicht mal jemanden vom Bauhof abziehen, wenn im Kindergarten die Erzieherin ausfällt? Unkonventionell, aber sicher spannend für die Kinder. /

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Führung teilen

Andrea Langenbacher, Gleichstellungsbeauftragte bei der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Rottenburg am Neckar

Unser Leitbild in der Diözese Rottenburg-Stuttgart lautet: Wir dienen den Menschen. Das prägt auch unser Führungsverständnis. Wir nehmen Beschäftigte in ihren Lebenssituationen wahr. Um gute Standards für die Vereinbarkeit zu gewährleisten, ist das Bischöfliche Ordinariat seit 2002 durch das Audit „berufundfamilie“ zertifiziert.

Seither haben wir zahlreiche Maßnahmen entwickelt und Strukturen angepasst. Wir beschäftigen viele Teilzeitkräfte in großen Teams, die sich gegenseitig vertreten. Mit einem Arbeitszeitkonto, das auch mal ins Minus gehen darf, gestalten Beschäftigte ihre Zeit flexibel. Ab 50 Prozent Beschäftigungsumfang ist zudem Telearbeit für bis zur Hälfte der Arbeitszeit möglich. Auch Führung geht in Teilzeit: Beim „Topsharing“ teilen sich zwei Personen eine Vollzeitstelle je zur Hälfte, plus 10 Prozent für gemeinsame Aufgaben. Daneben gibt es vollzeitnahe Leitungspositionen mit einem Beschäftigungsumfang von bis zu 80 Prozent.

Trotzdem muss die Politik die Rahmenbedingungen verbessern: Gerade Frauen kämpfen mit Hürden wie der Steuerklasse V, gekürztem Elterngeld oder geringen Rentenbeiträgen für pflegende Angehörige.

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Hier hilft der „TigeR“

Eva Stephany, Personalleiterin bei der Solcom GmbH, Reutlingen

Solcom ist sprichwörtlich ein junges Unternehmen – mit einem hohen Anteil an jungen Mitarbeiterinnen. Wir mussten erkennen: Familiengründungen wirken sich auf den Betrieb aus, gerade wenn viele Frauen im Vertrieb und in Führungspositionen arbeiten. Hier müssen der Wiedereinstieg und die Kinderbetreuung besonders gut geplant sein. Deshalb haben wir 2020 eine betriebliche „TigeR“-Kita (Tagespflege in anderen geeigneten Räumen) gegründet, zusammen mit dem Tagesmütterverein Reutlingen und der Stadtverwaltung. Aktuell werden hier neun Kinder unter drei Jahren zwischen 7.30 Uhr und 17.30 Uhr mit einem Betreuungsschlüssel von 3:1 betreut. 

Zwei weitere Angebote ergänzen unser Konzept: zehn Tage bezahlter Sonderurlaub nach der Geburt eines Kindes für Väter beziehungsweise auch für Geschwister von Alleinerziehenden. Zudem gibt es bis zu 20 Tage Workation im Jahr, etwa um Familie im Ausland zu besuchen und von dort aus mobil zu arbeiten. 

Grundlage für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist für uns die Wertschätzung im Unternehmen. Was Eltern täglich leisten, verdient Respekt, Akzeptanz und Unterstützung – auch durch den Arbeitgeber. /

(Diese Statements erschienen in der WNA-Ausgabe 8+9/2026.)

 

Kontaktstelle Frau und Beruf Neckar-Alb

Die bei der IHK angesiedelte „Kontaktstelle Frau und Beruf Neckar-Alb“ unterstützt Betriebe beim Thema Vereinbarkeit. Mehr Informationen.