Wasserstoff ist vielfältig einsetzbar. WNA hat sich bei Unternehmen in der Region umgehört, welche Chancen sie in der Schlüsseltechnologie für ihre Geschäftsmodelle und Betriebsabläufe sehen.

IHK Reutlingen, Tübingen und ZollernalbAuf der Erde liegt Wasserstoff fast ausschließlich chemisch gebunden vor – zum Beispiel in Wasser oder in Kohlenwasserstoffen. Foto: Corona Borealis Studio - shutterstock.com

Gute Ideen braucht das Land. Für die Frage der zukünfigen Energiegewinnung gilt diese Devise mehr denn je, nicht erst seit Beginn des Ukraine-Kriegs. Obwohl die Energiewende bereits vor über einem Jahrzehnt beschlossen wurde, gelingt es Deutschland noch immer nicht, umwelt- und klimafreundliche Energie in ausreichender Menge zu erzeugen und zu speichern. Als hoffnungsvollster Anwärter für die Lösung des Problems gilt Wasserstoff. Dieses Gas kann mittels Elektrizität aus Wasser gewonnen werden. Geschieht dies klimaneutral, spricht man von grünem Wasserstoff. Bereits heute wird Wasserstoff als Energieträger zur Stromerzeugung in Autos mit Brennstoffzellen oder bei der Herstellung von Düngemitteln eingesetzt. Die WNA-Redaktion hat sich mit der Simerics GmbH, der Avat Automation GmbH, der Schmidlin Labor + Service GmbH & Co. KG und der Schwörer Haus KG über die Bedeutung des Thema Wasserstoffs für ihre Geschäftsmodelle und Betriebsabläufe unterhalten.

IHK Reutlingen, Tübingen und ZollernalbFoto: PR

"Die Unterstützung durch die Politik ist da."

Dirk Ortlieb, Geschäftsführer der Simerics GmbH, Rottenburg

Software für Strömungsverhalten von Wasserstoff

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Simerics GmbH

Auch in Neckar-Alb haben Betriebe die Zeichen der Zeit längst erkannt und das Thema Wasserstoff rückt immer mehr ins unternehmerische Blickfeld. So auch bei der im Jahr 2014 gegründeten Firma Simerics in Rottenburg am Neckar. Das kleine Unternehmen mit fünf Beschäftigten hat eine Software entwickelt, mit deren Hilfe Physiker und Ingenieure in der Entwicklung und Konstruktion strömungs- und wärmetechnische Fragen beantworten können. „Unsere Software simuliert Strömungen in und an Werkstücken aller Art – von Windkraftanlagen bis hin zu Herzklappen“, sagt Geschäftsführer Dirk Ortlieb. „Sie kann überall verwendet werden, wo Gase und Flüssigkeiten strömen und fließen. Mit ihr lassen sich Neuentwicklungen analysieren und Fehler ausmerzen.“ Auch das Verhalten von Wasserstoff könne so beobachtet werden. „In den kommenden Jahren erwarten wir einen Boom dieses Geschäftsfelds“, so Ortlieb. Hersteller von Brennstoffzellen und Ventilen seien hier mögliche Kunden, erklärt der studierte Maschinenbauingenieur.

Baden-Württemberg ist ein Schwachwindland
Das Thema Wasserstoff sieht der 53-Jährige in der Politik angekommen: „Die Unterstützung durch die Politik ist da. Es gibt diverse Förderprogramme – sie müssen für kleine Unternehmen aber noch leichter zugänglich gemacht werden. Für Firmen wie uns ist der administrative Aufwand kaum zu bewältigen“. Im bundesweiten Vergleich sieht Ortlieb die Region Neckar-Alb anderen Regionen gegenüber allerdings im Nachteil. „Baden-Württemberg ist ein Schwachwindland und kann in dieser Hinsicht nicht mit nördlichen Bundesländern mithalten. Und auch Schiffe, die in Zukunft Flüssiggas liefern werden, kommen logischerweise über die Nordsee an. Hier muss noch die nötige Infrastruktur entstehen, um sowohl den Wasserstoff als auch das Gas in den Süden zu liefern. Da in der Industrie durchaus das Bestreben da ist, mit Wasserstoff zu arbeiten, besteht die Gefahr, dass Firmen in Zukunft nach Norddeutschland abwandern.“ Um eine solche Entwicklung zu verhindern, müsse das Pipelinenetz schnell ausgebaut werden.

Wasserstoff ins Netz bringen

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„Unsere Region ist in dieser Hinsicht noch relativ abgekoppelt."

Dr. Klaus Schmid, Leiter des Bereichs Forschung und Entwicklung bei der Avat Automation GmbH, Tübingen

AVAT Automation GmbH

Ortswechsel: In Tübingen hat die AVAT Automation GmbH ihren Sitz und beschäftigt rund 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das Unternehmen unterstützt Energieversorger bei der Steuerung und Automatisierung dezentraler Energiesysteme. „Wasserstoff als Energieträger spielt für die Energieversorger eine immer größere Rolle“, berichtet Dr. Klaus Schmid, Leiter des Bereichs Forschung und Entwicklung. „So soll zukünftig überschüssige Wind- und Solarenergie in Form von Wasserstoff gespeichert werden. Dabei helfen wir unseren Kunden.“ Mittels Elektrolyse kann aus Wasser unter Abspaltung von Sauerstoff grüner Wasserstoff hergestellt werden.

Region droht den Anschluss zu verpassen
Nachholbedarf sieht Schmid bei Überlegungen, die etwa den Aufbau eines Wasserstoffnetzes in Neckar-Alb betreffen. „In dieser Hinsicht ist unsere Region noch relativ abgekoppelt. Zum einen steht die Bevölkerung hier in Süddeutschland der Windkraft oftmals noch skeptisch gegenüber. Zum anderen sind die Bestrebungen, aus dem Erdgasnetz ein Wasserstoffnetz zu machen können, noch wenig fortgeschritten.“ Wenn die Region in diesem Aspekt nicht den Anschluss verpassen wolle, müsse ein Umdenken stattfinden.

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„Idealerweise sorgt eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach für den notwendigen elektrischen Strom, damit grüner Wasserstoff erzeugt werden kann“

Ralf Winterstein-Schmidlin, Besitzer und Geschäftsführer der Schmidlin Labor + Service GmbH, Dettingen an der Erms

Wasserstoff-Generatoren

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Schmidlin Labor + Service GmbH & Co. KG

Bei der 1994 gegründeten Firma Schmidlin in Dettingen an der Erms vertreiben fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Gasgeneratoren, darunter auch Wasserstoffgeneratoren. „Diese kommen in der Pharma-, Chemie-, Medizin- und Automotivebranche sowie in Forschungsinstituten zum Einsatz. Vorwiegend vertreiben wir die Geräte der Schweizer Firma VICI“, sagt Ralf Winterstein, seit zwei Jahren Inhaber und Geschäftsführer. „Mit unseren Wasserstoffgeneratoren wird durch elektrische Energie Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff zerlegt. So können wir Wasserstoff sicher und nachhaltig produzieren.“ Die Zusammenarbeit mit den Kunden beschränkt sich allerdings nicht nur darauf. „Wir beraten sie auch beim Einsatz und übernehmen den Service, falls Probleme mit einem der Geräte auftauchen sollten. In diesem Fall stellen wir den Kunden dann ein Mietgerät zur Verfügung und analysieren den defekten Generator.“

Generatoren erzeugen vor Ort Wasserstoff
Mithilfe der Generatoren können Unternehmen Wasserstoff direkt vor Ort aus Wasser gewinnen. „So kann auf den riskanten Transport in Flaschen verzichtet werden“, ergänzt der 53-jährige studierte Maschinenbauingenieur. Der generierte Wasserstoff wird unter anderem zum Test von Brennstoffzellenkomponenten benutzt. „Idealerweise sorgt eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach für den notwendigen elektrischen Strom, damit grüner Wasserstoff erzeugt werden kann“. Weitere Anwendungsfelder sieht Ralf Winterstein bei der Energieversorgung von Gebäuden.

Wasserstoff erzeugen

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„Es braucht klare Ansagen von Land und Bund, damit Unternehmen hinterher auch nicht im Regen stehen"

Johannes Schwörer, Geschäftsführer SchwörerHaus KG, Hohenstein

Schwörer Haus KG

Auf effiziente Energieverwertung achtet man auch in Hohenstein bei der Firma Schwörer Haus. Das Fertighausunternehmen mit eigenem Sägewerk beschäftigt rund 1.500 Mitarbeiter. „Das Sägewerk bedarf einer Wärmeerzeugungsanlage zur Holztrocknung. Mitte der 1990er-Jahre wurde das Biomassekraftwerk komplett erneuert und produziert seitdem mit zwei Turbinen auch Strom“, erklärt Geschäftsführer Johannes Schwörer. Da der Standort aber nur rund ein Viertel des produzierten Stroms benötigt, macht man sich Gedanken über eine Nutzung der überschüssigen Energie. „Wir könnten durch Methanisierung auch Wasserstoff erzeugen und damit etwa den Schwerlastverkehr klimaneutral betreiben. Auch die chemische Industrie benötigt Wasserstoff. Hier sind wir noch in Gesprächen mit anderen Firmen“, so der 55-Jährige. Rentabel sei das Ganze aber nur bei einem weiterhin hohen Gaspreis. Deshalb warte man zunächst noch etwas ab, bevor man investiere. „Wir Firmen brauchen klare Ansagen von der Politik, damit Unternehmen hinterher nicht im Regen stehen, wenn sie sich für die Wasserstoffproduktion entscheiden“.

Besonders elementar seien in Zukunft regionale Kooperationen zwischen Firmen. „Wir haben hier in der Region Unternehmen, die Wasserstoff produzieren und Unternehmen, die Wasserstoff verbrauchen. Deshalb müssen wir uns in Zukunft besser vernetzen, um dies effizienter koordinieren zu können“, sagt Johannes Schwörer.

IHK Reutlingen, Tübingen und ZollernalbDirk Ortlieb ist Geschäftsführer der Simerics GmbH in Rottenburg.
IHK Reutlingen, Tübingen und ZollernalbMit ihrer Software simuliert Die Firma das Verhalten von Flüssigkeiten und Gasen in und an Werkstoffen.
IHK Reutlingen, Tübingen und ZollernalbDr. Klaus Schmid ist Leiter des Bereichs Forschung und Entwicklung bei der Avat Automation GmbH in Tübingen.
IHK Reutlingen, Tübingen und ZollernalbDas Unternehmen versorgt Hersteller von Gasmotoren, Anlagenbauer und Service-Dienstleister mit Steuerungssystemen und unterstützt Energieversorger bei dezentralen Energiesystemen.
IHK Reutlingen, Tübingen und ZollernalbRalf Winterstein ist Besitzer und Geschäftsführer der Schmidlin Labor + Service GmbH & Co. KG in Dettingen an der Erms.
IHK Reutlingen, Tübingen und ZollernalbHier vertreiben fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Gasgeneratoren, darunter auch Wasserstoffgeneratoren.
IHK Reutlingen, Tübingen und ZollernalbJohannes Schwörer (links) ist Geschäftsführer der Schwörer Haus KG in Hohenstein. Felix Schwörer (rechts) ist Pressesprecher im Unternehmen.
IHK Reutlingen, Tübingen und ZollernalbAls einer der größten Fertighaushersteller im deutschsprachigen Raum überlegt die Firma von der Alb, in Zukunft grünen Wasserstoff zu produzieren.

Die ersten Schritte auf dem Weg in eine deutsche Wasserstoffwirtschaft sind gemacht. Auch Unternehmen in Neckar-Alb wollen jetzt loslegen. Die Politik muss nun die richtigen Anreize setzen und Firmen entsprechend unterstützen. /

Hintergrund

H2 ist die chemische Bezeichnung für molekularen Wasserstoff. Das Gas ist das leichteste Element im Universum und besitzt deshalb die Ordnungszahl 1 im Periodensystem der Elemente.

Grüner Wasserstoff wird unter Verwendung von klimaneutral produziertem Strom mittels Elektrolyse hergestellt.

Grauer Wasserstoff wird klimaschädlich unter der Entstehung von CO2 produziert.

Blauer Wasserstoff wird ebenso hergestellt, hier wird das CO2 allerdings gebunden und nicht in die Atmosphäre abgelassen.

Türkiser Wasserstoff wird durch die Pyrolyse von Methan hergestellt. Hier entsteht als Nebenprodukt fester Kohlenstoff.

An sich ist Wasserstoff unter Normalbedingungen immer ein farb- und geruchloses Gas. Die unterschiedlichen Farben sind nur symbolisch gewählt und werden zur Unterscheidung der Produktionsprozesse verwendet.

Dr. Tobias Adamczyk

Dr. Tobias Adamczyk

Innovation und Umwelt
IHK-Zentrale
Position: Technologietransfermanager / Institut für Wissensmanagement und Wissenstransfer (IHK-IWW)
Schwerpunkte: Technologietransfer, Kooperationen, Wirtschaft und Wissenschaft, Fördermittelberatung, Patente, TRIZ, Koordinierung der landesweiten TechnologietransfermanagerInnen (EFRE), IHK-Netzwerk Innovation, IHK-Netzwerk virtuelles Kraftwerk Neckar-Alb, Netzwerk Technologietransfermanager-BW, IHK-Netzwerk Wasserstoff
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