Blick in die Textilbranche

„Die Politik diskutiert an uns vorbei“

Kaum eine Branche reagiert so sensibel auf wirtschaftliche Unsicherheiten wie die Textilindustrie. WNA hat bei vier Unternehmerinnen und Unternehmern nachgefragt, wie die derzeitige Lage sie beeinflusst und was sie sich für die Zukunft wünschen.

Drei Schneiderpuppen in unterschiedlichen Formen und Farben vor grünem HintergrundGrafik: MicroOne/shutterstock.com
Porträtfoto von Martina BandteFoto: PR

„Viele sind nah am Unternehmer-Burn-out“

Geschäftsführerin der Karl Conzelmann GmbH + Co. KG, Albstadt

Die Lage ist angespannt. Statt Vertrauen erleben wir Unternehmerinnen und Unternehmer immer neue Regulierungen. Damit werden unsere Freiräume stark eingeschränkt. Zugleich ändern sich ständig die geopolitischen Bedingungen. Viele von uns sind nah am Unternehmer-Burn-out. 

Mittlerweile ist es unmöglich, wettbewerbsfähig zu sein, wenn man in Deutschland produziert. Unsere Antwort darauf sind langfristige, verlässliche Partnerschaften im Ausland. Sie haben uns durch die Corona-Zeit getragen. Aber die gegenwärtigen Bedingungen machen die Zusammenarbeit immer schwieriger. 

Herausfordernd ist die Situation auch im stationären Handel – dabei ist er für unsere Produkte zentral. Beim Kauf von hochwertiger Wäsche ist die persönliche Beratung entscheidend, die gibt es im Onlineshop nicht. Doch Händlerinnen und Händler haben mit fehlenden Fachkräften und hohen Personalkosten zu kämpfen. Und oftmals scheitert im Einzelhandel dann die Unternehmensnachfolge. Wo es wirtschaftlich tragfähig ist, versuchen wir die entstehenden Lücken mit eigenen Stores zu schließen. /

Wolfgang Grupp JuniorFoto: PR

„Unternehmertum muss wieder Spaß machen“

Wolfgang Grupp jun., Geschäftsführender Gesellschafter der Trigema W. Grupp KG, Burladingen

Im Branchenvergleich stehen wir solide da. Zwar spüren auch wir eine gewisse Konsumzurückhaltung – gerade im mittleren Preissegment wird genauer hingeschaut und auf günstigere Produkte zurückgegriffen. Insgesamt sind wir jedoch zufrieden. Das liegt nicht zuletzt an unserer Struktur: Von der Produktion bis zum Vertrieb sind wir breit und vergleichsweise autark aufgestellt. Diese Unabhängigkeit ermöglicht es uns, flexibel auf Veränderungen zu reagieren. 

Auch wir müssen natürlich mit den derzeitigen Produktionsbedingungen klarkommen: CO₂-Bepreisung, Bürokratiewahn, hohe Energiekosten. Ich wünsche mir, dass produzierende Unternehmen von der Politik gefördert und wertgeschätzt werden. Unternehmertum muss wieder Spaß machen. Das bedeutet, dass wir mehr Freiheit brauchen – und mehr Mut. Die Gefahr, Fehler zu machen, besteht. Dafür die Verantwortung zu übernehmen, gehört zum Unternehmertum dazu. /

Porträtfoto von Florian MeyFoto: PR

„Deutschland sollte von anderen lernen“

Florian Mey, Geschäftsführer der Mey-Unternehmensgruppe, Albstadt

Unsere Branche steht durch anhaltende Inflation, steigende Lohnkosten und spürbare Konsumzurückhaltung stark unter Druck. Gleichzeitig verliert der hochwertige stationäre Handel weiter Marktanteile. Dennoch werden modische, emotional aufgeladene Produkte weiterhin gekauft. Mit unserer Fashion-Kompetenz und einem konsequent vertikalen Ansatz in der Warensteuerung sehen wir uns gut positioniert und wettbewerbsfähig. 

Zugleich verschärfen sich die  Rahmenbedingungen: Wachsende Bürokratie bindet erhebliche interne Ressourcen und verursacht hohe Kosten. Deutschland sollte hier offener sein und von erfolgreichen internationalen Modellen lernen. 

Handlungsbedarf besteht zudem bei der kalten Progression. Inflationsbedingte Einkommenssteigerungen führen kaum zu realer Entlastung, während die Steuerlast steigt. Besonders betroffen ist die Mitte der Gesellschaft – jene Gruppe, die unsere Wirtschaft trägt und den privaten Konsum maßgeblich bestimmt. Eine Anpassung ist überfällig.

Porträtfoto von Arnd-Gerrit RöschFoto: PR

„Der industrielle Kern ist gefährdet“

Geschäftsführer der Gerhard Rösch GmbH und der Rökona Textilwerk GmbH & Co. KG, Tübingen

Bereits vor rund 20 Jahren haben wir konsequent auf eine Lokalisierungsstrategie gesetzt und unsere Lieferketten deutlich verkürzt. Das hat sich insbesondere während der Corona-Pandemie als großer Vorteil erwiesen.

Dennoch sind die Aussichten problematisch. Aus meiner Sicht gefährdet der anhaltende Mangel an bezahlbarer Energie den Industriestandort Deutschland. Unsere Kosten für Erdgas und Strom bestehen zu 50 Prozent aus Abgaben – das ist in Deutschland leider einzigartig und benachteiligt uns im internationalen Wettbewerb deutlich. 

Besonders kritisch sehe ich die CO₂-Steuer. Sie wird politisch als marktwirtschaftliches Instrument bezeichnet, führt aber in der Praxis vor allem zu höheren Kosten. Zielführender wäre es, Innovationen gezielt zu fördern und Produkte für den Weltmarkt zu entwickeln, die CO₂-Emissionen reduzieren. Insgesamt wird sowohl auf europäischer als auch auf Bundesebene an den Problemen vorbei diskutiert. Damit gefährdet die Politik den industriellen Kern Deutschlands. /

(Diese Statements erschienen in der WNA-Ausgabe 4+5/2026.)

 

Regionale Textilbranche

2.961 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte arbeiteten laut Statistischem Landesamt Baden-Württemberg im Jahr 2024 in der Region Neckar-Alb in der Textilindustrie. Das waren 27 Prozent weniger als noch 2007.

Vom 21. bis 24.04.2026 präsentieren sich 25 regionale Textilunternehmen mit dem IHK-Cluster Technische Textilien auf der Fachmesse Techtextil in Frankfurt am Main. Mehr zum Cluster.