Beschäftigung von Menschen mit Behinderung

Gelebte Inklusion

Viele Menschen mit Behinderung können und wollen arbeiten. Zwei Betriebe aus der Region berichten, wie Inklusion in ihrem Arbeitsalltag gelebt wird – und gelingt.

Inklusion im BetriebWin-win-Situation: Isepos-Geschäftsführer Martin Singer (links) mit seinem Mitarbeiter Johannes Bayer. Foto: PR

Rund 10,4 Millionen Menschen in Deutschland leben laut Statistischem Bundesamt mit einer Schwerbehinderung. Knapp die Hälfte davon ist berufstätig oder auf der Suche nach einer Beschäftigung. Nicht immer ist eine Behinderung sichtbar: So werden etwa auch Autismus, schwere Depressionen oder Diabetes mellitus als Schwerbehinderung eingestuft. Während für Beschäftigte mit körperlichen Einschränkungen unter Umständen bauliche Veränderungen im Betrieb vorgenommen werden müssen, benötigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit psychisch-seelischen Belastungen oft individuelle Rahmenbedingungen, damit für sie barrierefreies Arbeiten möglich ist.

IHK Reutlingen, Tübingen und ZollernalbFoto: PR

„Wir haben gelernt, dass es ein paar Dinge gibt, auf die wir achten müssen.“

Dr. Heike von Raven, Geschäftsführerin Merz Medizintechnik GmbH, Reutlingen

Offenheit ist wichtig
Dr. Heike von Raven, Geschäftsführerin der Merz Medizintechnik GmbH in Reutlingen, bildete 2019 erstmals eine junge Frau mit Asperger-Autismus zur Groß- und Außenhandelsmanagerin aus. „Eine tolle Auszubildende, mit zwei, drei Besonderheiten – aber die hat bekanntlich jeder Mensch“, sagt sie. Geholfen habe ihr zu Beginn der Zusammenarbeit, sich selbst gründlich über die Behinderung zu informieren. Denn auch wenn Offenheit auf beiden Seiten die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ist, so war es Heike von Raven vor allem eine Hilfe zu wissen, dass es Menschen mit Asperger-Autismus wichtig ist, im Arbeitsalltag nicht besonders hervorzustechen.

Die größte Veränderung für das zehnköpfige Team betraf die bisherige Arbeitsweise. „Wir arbeiten normalerweise mit mehreren Leuten in einem Büro. Doch Hintergrundgeräusche, Telefonklingeln und ähnliches können für Menschen mit Asperger-Autismus auf Dauer belastend sein. Daher war klar, dass unsere Auszubildende einen eigenen Raum benötigt“, berichtet Heike von Raven. Auch in der alltäglichen Kommunikation mussten sich die Beschäftigten ein wenig umstellen. „Wir haben durch unsere Auszubildende gelernt, dass es ein paar Dinge gibt, auf die wir  bei der Zusammenarbeit achten müssen. Wir können ihr  zum Beispiel Arbeitsaufträge nicht über den Schreibtisch zurufen, sondern gehen nun eben zwei Räume weiter, um sie persönlich mit ihr zu besprechen.“ Für Heike von Raven sind das jedoch „alles lösbare Probleme“ und kein Grund, Menschen mit Behinderung keine Chance zu geben. Im Gegenteil: Auch dieses Jahr stellt sie wieder einen Auszubildenden „mit Besonderheit“ ein.

IHK Reutlingen, Tübingen und ZollernalbFoto: PR

„Es geht nicht darum, welche Schwächen ein Mensch hat, sondern welche Stärken.“

Martin Singer, Geschäftsführer Isepos GmbH, Wannweil

Beide Seiten profitieren
Martin Singer, Geschäftsführer der Isepos GmbH in Wannweil, beschäftigt in seinem elfköpfigen Team drei Mitarbeiter mit psychischer oder körperlicher Schwerbehinderung. Vor kurzem wurde er dafür mit dem Ehrenpreis des 1. Inklusionspreises des Landkreis Reutlingen ausgezeichnet. Vorgeschlagen für die Auszeichnung hat ihn sein Mitarbeiter Johannes Beyer. Kurz vor Ende seines Lehramtsstudiums an der Universität Tübingen erkrankte Beyer an Multipler Sklerose. Aufgrund einer schnell fortschreitenden Lähmung in den Beinen ist er seitdem auf einen Rollstuhl angewiesen. Bei der Isepos GmbH, Spezialist für die Entwicklung und Produktion von Steuerungslösungen für den Sonder- und Serienmaschinenbau, hat er als Quereinsteiger im Bereich Kommunikation und Marketing eine neue berufliche Chance bekommen.

Sein Chef reagierte mit Freude, aber auch mit Verwunderung auf den Inklusionspreis. Ginge es nach Martin Singer, bräuchte es solche Auszeichnungen erst gar nicht. „Es geht nicht darum zu schauen, welche Schwächen ein Mensch hat, sondern welche Stärken –
und wie man aus den Stärken das Maximum rausholen kann. Davon profitieren sowohl der Arbeitgeber als auch der Arbeitnehmer.“ Deshalb zögerte er auch nicht lange, als der Freundeskreis Mensch e. V. 2018 bei ihm anfragte, ob er sich vorstellen könne, in seinem Betrieb einen Außenarbeitsplatz für eine Frau mit einer seelisch-psychischen Schwerbehinderung einzurichten.

Keine Angst
Dabei hat er die Erfahrung gemacht, dass man auch als kleiner Betrieb keine Angst vor bürokratischen Hürden haben muss. „Man erhält gute Unterstützung über soziale Träger wie etwa die Bruderhaus Diakonie oder den Freundeskreis Mensch e. V. Diese suchen händeringend nach Betrieben, die Außenarbeitsplätze für Menschen mit Behinderung anbieten“, sagt Martin Singer. Der Unternehmer ist überzeugt, dass auch die Betriebe selbst von der gelebten Inklusion profitieren – nicht zuletzt weil sie sich damit auch eine weitere Zielgruppe bei der Fachkräftegewinnung erschließen, die zuvor vielleicht nicht in ihrem Blickfeld lag. /

(Dieser Artikel erschien in der WNA-Ausgabe 5/2022.)

IHK-Beratungsstelle Inklusion

Inklusion bedeutet „Einschluss“ und geht deutlich über den früher verwendeten Begriff der Integration hinaus: Integration beschreibt die Eingliederung von Menschen mit Behinderung in bestehende Strukturen. Demgegenüber geht es beim Konzept der Inklusion vor allem darum, die regulären Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten des allgemeinen Arbeitsmarktes für Menschen mit Behinderung so zugänglich zu machen, dass sie die gleichen Wahlmöglichkeiten und Perspektiven haben wie Menschen ohne Behinderung.

Unternehmen, die planen, Menschen mit Behinderung auszubilden oder zu beschäftigen, sind bei der IHK-Beratungsstelle Inklusion an der richtigen Stelle. Sie berät kostenfrei zu den Beschäftigungs- und Fördermöglichkeiten. Mehr Informationen.