Schriftsteller Peter Prange

Der Geschichtenerzähler

IHK Reutlingen, Tübingen und ZollernalbFoto: Gaby Gerster

68er gegen Nazis, Freiheit gegen Sicherheit und Kunst gegen Moral: Der Tübinger Autor Peter Prange mag den Widerspruch, besonders bei Frauenfiguren in seinen Romanen. Sein Sujet ist die Geschichte, verpackt in fesselnde Erzählungen.

WNA: Aktuell laufen die Dreharbeiten für die zweite Staffel der ARD-Serie „Unsere wunderbaren Jahre“, die auf Ihrem gleichnamigen Roman basiert. Wie fühlt sich das an?
Prange: Das ist ein bisschen so, als würde man durch seine eigenen Träume spazieren. Ich war bei den Dreharbeiten der ersten Staffel dabei, hatte auch eine Minirolle, sogar mit Text. Wenn man durch die Kulissen läuft, ist es schon sehr seltsam, dass das, was man sich ausgedacht hat, die eigene Fantasiewelt, sich auf einmal materialisiert.

Kennen Sie einen Autor, der sagt: „Die Verfilmung ist ja viel besser als mein Buch“?
(lacht) Nein, es gibt natürlich eine Menge Abweichungen, die durch den Medienwechsel bedingt sind. Eine Verfilmung verhält sich zur Romanvorlage wie ein Klavierauszug zu einer voll orchestrierten Symphonie. Die Fülle der Details kann im Film nicht vollständig umgesetzt werden. Ich empfehle den Zuschauern, den Vergleich zu machen. Lesen und schauen – am besten in dieser Reihenfolge. Dann kann sich jeder sein eigenes Bild machen.

Ihr Roman erzählt eine Familiengeschichte – von der Einführung der D-Mark bis zu ihrem Ende im Jahr 2002. Über welches Jahrzehnt haben Sie am liebsten geschrieben?
Über die späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre. Das war die Zeit, in der ich erwachsen wurde und in der mein politisches Interesse erwachte. Ich habe das Ende des Wirtschaftswachstums erlebt und kann mich an die erste Rezession erinnern, die auch Einschnitte in unser Familienleben gebracht hat. Ich komme aus keinem reichen Haushalt, meine Eltern hatten ein kleines Bettengeschäft. Wir leisteten uns aber einen Luxus: Wie hielten ein Pferd. Und das stand auf einmal zur Disposition. Auch die politischen Veränderungen waren in meiner Heimatstadt zu spüren. Wir liefen protestierend durch das kleine Altena. Zum ersten Mal, so glaubte ich, hatte ich eine politische Stimme.

Es geht auch um den Bruch mit der Nazi-Vergangenheit und um Studentenrevolten. Ist es einfacher, sich von der Kriegsgeneration zu befreien als von 68er-Eltern?
Der sanfte Zwang, der von den 68ern ausging, war sicher weniger schlimm als das Regiment der Kriegsgeneration mit ihren starren Regeln und Tabus. Bei den 68ern war alles verhandelbar. Aber natürlich musste man sich auch dort anpassen. Wer keine langen Haare trug, gehörte schlicht nicht dazu. Die sanfte Form des gesellschaftlichen Einflusses war darum nicht weniger wirksam als die rigide aus den Zeiten davor. Aber natürlich war sie besser, weil man sich aus ihr befreien konnte.

Sie waren 1968 erst 13. Wollten Sie zu den coolen Studenten gehören?
Das war absolut zwingend. Als Kleinster in der Klasse musste ich die größte Klappe haben. Sonst hätte ich ja gar keine Chance bei den Mädchen gehabt! Daher war es für mich eine gute Zeit, weil es auf große Klappe ankam. Mit der Sprache als Werkzeug konnte ich schon damals einigermaßen umgehen.
Nach Ihrer Dissertation in Tübingen waren Sie eine Weile als Unternehmensberater tätig. Wir sind Sie zur Literatur gekommen?
Ich habe beides parallel betrieben. Als ich vorwiegend Unternehmensberater war, meinte jemand zu mir: „Du betreibst ja einen Bauchladen“. Das hat mich betroffen gemacht. Ein Bauchladen gehörte nicht zu meinem Selbstbild. Und so suchte ich nach dem verbindenden Element. Ich schrieb Drehbücher, Romane, Sachbücher – und immer ging es um folgende vier Fragen: Wer ist der Held? Was ist sein brennendes Ziel? Welche Probleme stellen sich ihm in den Weg? Und wie geht er mit diesen Problemen um? Darum geht es bei jeder Geschichte und auch bei der Unternehmensberatung.  Insofern waren meine verschiedenen Tätigkeiten gar nicht so verschieden, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Jedes Unternehmen braucht also eine gute Geschichte?
Natürlich, schon immer, heute nennt man das Storytelling. Es reicht nicht aus, Vorzüge eines Produktes zu nennen, diese müssen erlebbar gemacht und in eine Geschichte gekleidet werden, um zu faszinieren und Emotionen zu wecken.

„Wer keine langen Haare hatte, gehörte nicht dazu.“

Peter Prange

Sie haben von Helden gesprochen, in ihren Büchern geht es aber oft um Heldinnen. Sind Sie ein Feminist?
Ich bin für ein Miteinander statt Gegeneinander der Geschlechter, und die Einteilung der Welt in „Ismen“ ist mir grundsätzlich suspekt. Dass ich Frauen das meiste in meinen Leben zu verdanken habe, liegt auf der Hand. Meine Mutter hat mich geboren, ich bin verheiratet mit einer Frau, meine Töchter sind Frauen, meine Heldinnen sind Frauen. Und was die Literatur angeht: Da bieten Frauenfiguren die interessanteren Geschichten. Wenn Männer so sind, wie sie gerne wären, zielstrebig und konsequent, sind sie furchtbar langweilig. Frauen erlauben sich viel mehr Emotionen, mehr Widersprüche. Das macht sie als Figuren spannender.

In Ihrem Sachbuch „Werte: Von Plato bis Pop“ führen Sie durch 2.000 Jahre europäische Geistesgeschichte. Angesichts des Kriegs in der Ukraine: Ist die europäische Idee gescheitert oder so stark wie nie, da sich die EU selten so einig zeigt wie zurzeit?
An beidem ist etwas dran. Niemand hat geglaubt, dass eine Seite aus der wechselseitigen Abhängigkeit in den Wirtschaftsbeziehungen ausbrechen könnte. Putin hat sich nun aus der rationalen Welt verabschiedet, indem er bereit ist, für die Verwirklichung seiner Ziele den ökonomischen Untergang Russlands zu riskieren. Selbst in den Zeiten des kältesten Krieges gab es zwischen den Blöcken einen verlässlichen Austausch von Waren gegen Geld. Das ist vorbei. Insofern ist Europa gescheitert. Andererseits haben wir uns als Wertegemeinschaft in dieser Stresssituation neu gefunden. Dass Deutschland zum Beispiel abhängiger von russischem Gas ist als andere Länder, wird von unseren Freunden anerkannt. Diese Solidarität ist Ausdruck einer Wertegemeinschaft, die sich unter dem äußeren Druck erstaunlich gefestigt hat.

Was können wir von unseren Vorfahren über den Umgang mit schwierigen, dramatischen Zeiten lernen?
Das ist wahnsinnig schwer, weil sich Geschichte nie wiederholt. Was sich wiederholt, sind jedoch manche Mechanismen. Ich beschäftige mich derzeit mit den 20er-Jahren, die gleichsam das Versuchslabor der Moderne waren. Ein Hauptwiderspruch damals wie heute ist der Widerspruch zwischen dem Streben nach Freiheit und dem Bedürfnis nach Sicherheit. Wir alle werden mit dem Drang nach Freiheit geboren. Wenn jedoch Gefahren drohen, sind wir zugunsten von Sicherheit bereit, auf Freiheitsrechte zu verzichten.

Wie wir es in der Pandemie sehen konnten.
Genau, oder in der Finanz- oder vor allem auch in der Migrationskrise. Bezogen auf die Situation in der Ukraine müsste allein unter dem Aspekt der Freiheit unsere Antwort lauten: Die Ukraine hat das Recht auf Selbstbestimmung, also starten wir sofort den totalen Boykott. Aber unser Sicherheitsbedürfnis sagt: Wir können es uns nicht leisten, auf russisches Gas zu verzichten. Dieses Austarieren widersprüchlicher Bedürfnisse ist sowohl individuelle Lebenskunst als auch die Kunst politischer Gestaltung.

„Es ist absurd, russische Künstler zu bestrafen.“

Peter Prange

IHK Reutlingen, Tübingen und ZollernalbFoto: Gaby Gerster

Alles, was russisch ist, hat derzeit einen schweren Stand, auch in der Kultur. Wie kann Versöhnung nach einem hoffentlich schnellen Ende des Krieges gelingen, wenn auf allen Ebenen Kontakte abgebrochen werden?
Das ist schwer zu beantworten. Einerseits wäre es verrückt, etwa Theaterstücke von Tschechow nicht mehr zu spielen, weil der Autor ein Russe war. Hinzu kommt ein generelles Problem: Wenn man an jeden Künstler die moralische Messlatte konsequent anlegt, kann man einen Großteil aller Kunstwerke auf den Müll werfen – weltweit. Künstler zeichnen sich in der Regel nicht durch Wohlanständigkeit aus, es gibt unter ihnen scharenweise Menschen, die den gängigen Moralvorstellungen in keiner Weise genügen: Betrüger, Frauenverachter, Alkoholiker, die aber Großes hervorgebracht haben. Sie alle zu boykottieren wäre das Ende der Kunst. Genauso absurd ist es, russische Künstler zu bestrafen, weil sie Russen sind. Es ist unerträglich, wenn sich russische Künstler mit Putin gemein machen. Alles in uns wehrt sich dagegen, ihre Kunst gutzuheißen. Aber: Sollen wir Kunst wirklich nach moralischen statt ästhetischen Kriterien bewerten? Das finde ich schwierig.

Sie leben in Tübingen, einem Ort voller Geschichte und Geschichten. Reizt es Sie, einen Roman über die Uni-Stadt zu schreiben?
Ich habe schon ein paar Mal darüber nachgedacht, aber ich glaube, ich kann es nicht. „Unsere wunderbaren Jahre“ spielt in meiner Heimatstadt Altena. Es war schon immer mein Wunsch, eine Geschichte zu schreiben, die an diesem Ort spielt. Im Bettengeschäft meiner Eltern habe ich privateste Geschichten gehört, mit denen ich mich vollgesogen habe. Ich kenne dort die Menschen darum so gut wie nirgendwo sonst. Hier in Tübingen kenne ich die Menschen zwar auch – aber nur so gut, um zu merken, wenn etwas falsch klingt, jedoch nicht gut genug, um mit ähnlich traumwandlerischer Sicherheit über sie zu schreiben wie über die Menschen in meiner sauerländischen Heimat. Und da ich hier im Schwabenland ausgesprochen gern lebe und ich es mir mit meinen inzwischen hier gefundenen Freunden nicht verderben möchte, lasse ich besser die Finger davon. /

(Dieses Interview erschien in der WNA-Ausgabe 5/2022.)

Vita

Peter Prange wurde 1955 in Altena (Sauerland) geboren. Nach seinem Studium der Romanistik, Germanistik und Philosophie, unter anderem in Tübingen, promovierte er mit einer Arbeit zur Sittengeschichte der Aufklärung. Neben Romanen schreibt er auch Sachbücher und Drehbücher. Seine Bücher wurden in insgesamt 24 Sprachen übersetzt und haben eine internationale Gesamtauflage von über drei Millionen Exemplaren. Der Durchbruch als Romanautor gelang Prange 1999 mit der Familiengeschichte „Das Bernstein-Amulett“. Sein Roman „Unsere wunderbaren Jahre: Ein deutsches Märchen“ wurde von der ARD verfilmt. Die zweite Staffel der Serie wird derzeit gedreht. Prange lebt mit seiner Frau in Tübingen.