Naturfotograf Stefan Christmann

Am Ende soll ein spannender Film laufen

Als einer der ganz wenigen Menschen weltweit überwinterte Stefan Christmann bereits zweimal in der Antarktis. Die Aufenthalte in der menschenfeindlichen Umgebung veränderten sein Leben.

IHK Reutlingen, Tübingen und ZollernalbDer Naturfotograf Stefan Christmann lebte insgesamt 26 Monate lang auf der deutschen Antarktis-Forschungsstation Neumayer III. Die Jahresdurchschnittstemperatur in der Antarktis liegt bei circa -12 Grad. An den meisten Tagen im Jahr fegen Stürme durch die Eiswüste. Foto: Stefan Christmann

WNA: Sie haben ein Jahr lang eine Kolonie von Kaiserpinguinen in der Antarktis begleitet und in der deutschen Antarktis-Forschungsstation Neumayer III gelebt. Was fasziniert Sie an den Vögeln?
Christmann: Wenn man sie zum ersten Mal sieht, ist man einfach hin und weg. Wenn ich es zusammenfassen müsste: Ein Vogel, der weder gut laufen noch fliegen kann und trotzdem seine Nische im lebensfeindlichsten Habitat der Welt besetzt, das erstaunt mich bis heute. Ich finde das zutiefst bemerkenswert und inspirierend für uns als Menschheit, weil Pinguine in der Gemeinschaft den größten Herausforderungen trotzen.

Der Lebensraum der Pinguine schmilzt. Manche sagen, in 30 Jahren könnte der letzte Kaiserpinguin gestorben sein. Ist die Antarktis noch zu retten?
Das hoffe ich sehr und es ist meine Arbeitsannahme. Wer nicht kämpft, hat schon verloren! Allerdings ist es so, dass sich in diesem Lebensraum Veränderungen einstellen werden, die wir nicht mehr aufhalten können. Wichtig ist, dass wir es schaffen, das 1,5-Grad-Ziel oder zumindest das 2-Grad-Ziel – es wurde ja schon abgeschwächt – einzuhalten. Dann können wir den Lebensraum der Pinguine so erhalten, dass sie nicht ganz ausgerottet werden. 30 Jahre halte ich für eine sehr pessimistische Annahme. Es gibt ernstzunehmende Modellrechnungen, die zeigen, dass wir, wenn wir das 2-Grad-Ziel verfehlen, im Jahr 2100 fast alle Kaiserpinguin-Kolonien verloren hätten. In die Polargebiete werden immer wärmere Wassermassen eingebracht, in der Arktis noch viel mehr als in der Antarktis. Das hat Auswirkungen auf die Stabilität des Meereises, auch auf die Bildung von neuem Eis, und das ist die Lebensgrundlage der Pinguine. Der Boden, auf dem sie stehen, auf dem sie ihre Partner suchen, auf den sie ihre Eier legen und auf dem sie ihre Küken aufziehen. Wenn dieser Boden schmilzt, werden sie kaum Bruterfolg haben.  

Kann der Einzelne überhaupt etwas tun, um die Klimakatastrophe abzuschwächen?
Das glaube ich sehr. Wenn wir uns die Pinguine anschauen: Ein Vogel allein kann nicht viel bewirken, aber wenn sich viele Vögel zu einem Huddle zusammentun, können sie schwerste Stürme überleben. Und jeder Einzelne schafft es dann, aus dem Blizzard lebend herauszukommen. Jeder muss sich an seine eigene Nase fassen und überlegen, wo sie oder er Energie und Rohstoffe einsparen kann. Wenn wir alle zusammen energetisch besser leben, kann das einen riesigen Effekt haben. Ich möchte die Politik aber nicht aus der Verantwortung nehmen, sie muss mit gutem Beispiel vorangehen. Wir Menschen müssen nachhaltiger leben, ohne dass es monetäre Anreize gibt, sondern einfach, weil es das Richtige ist. Das Fahrrad nehmen und das Auto stehen lassen, Lebensmittel, Kleider und Gebrauchsgegenstände bewusster konsumieren oder Dinge reparieren statt neu kaufen. Viele kleine Schritte, die für sich alleine genommen keinen großen Einfluss haben, können in der Gesamtheit etwas bewirken.

„Wir Menschen müssen nachhaltiger leben, einfach, weil es das Richtige ist.“

Stefan Christmann

IHK Reutlingen, Tübingen und ZollernalbFoto: Stefan Christmann

Sie haben ein BBC-Team für die Dreharbeiten zu „Wilde Dynastien“ begleitet. Was war dabei Ihr schönstes Erlebnis?
Danach werde ich oft gefragt. Wenn ich mich für einen der vielen prägenden Momente entscheiden müsste, so wäre es der Schlupf eines Kaiserpinguin-Kükens, den wir beobachten durften. Wie dieses hilflose Tier mit seinen nassen Daunen in diese absolut lebensfeindliche kalte Welt hineingeboren wird und sich zu einem zähen, widerstandsfähigen Tier entwickelt – das fasziniert mich nach wie vor.

Das Team hat einer Gruppe von Pinguinen aus einer Eisspalte geholfen und damit den Kodex der Naturfilmer gebrochen, niemals in die Natur einzugreifen. Wie kam es dazu?
Das war ein besonderes Beispiel. Wir haben uns die Frage gestellt, was passiert, wenn wir nichts tun, und was die positive Konsequenz wäre, wenn wir eingreifen. Vom Tod der Pinguine hätte kein anderes Tier profitiert, es gibt zu dieser Jahreszeit dort keine Jäger. Die Spezies hat eine sehr niedrige Reproduktionsrate von einem Ei pro Paar im Jahr. Durch unsere Rettungsaktion überlebten zwar nur ein paar Tiere mehr. Die wiederum bekommen aber auch wieder Nachwuchs und so weiter, um die Zahlen der Kolonie stabil zu halten. Das kommt nicht nur den Kaiserpinguinen zugute, sondern auch deren natürlichen Feinden. Der positive Einfluss auf das Ökosystem war viel größer, als wenn wir die Pinguine hätten sterben lassen.

Ist man als Naturfotograf gleichzeitig Naturschützer?
Jeder, der Naturfotografie mit Herzblut betreibt, ist irgendwie ein Naturschützer. Meiner Meinung nach müssen wir Fotografen aber schauen, dass wir minimalinvasiv in der Natur unterwegs sind. Es gibt einen schönen Ausspruch: Take nothing but photos, leave nothing but footprints. Manchmal sind allerdings schon Fußabdrücke zu viel. Es gibt Schutzgebiete, in die der Mensch nicht rein sollte.

Es gibt immer mehr Outdoor-Begeisterte, die die Wildnis lieben, sie aber auch mit ihrer Anwesenheit bedrohen. Wie blicken Sie auf diesen Trend?
Es ist toll, dass mehr Menschen die Natur wahrnehmen. Mir fällt jedoch negativ auf, dass sich dabei immer mehr Menschen in der Natur inszenieren, Absperrungen missachten, Tiere in Bedrängnis bringen, nur weil dort ein gutes Foto zu holen ist. Plattformen wie Instagram sind dabei ein zweischneidiges Schwert. Ich bin selbst auf Instagram, aber ich sehe, dass die Plattform oftmals nicht gut benutzt wird.

IHK Reutlingen, Tübingen und ZollernalbBrüten ist Männersache: Nach der Paarung und Eiablage verlassen die Weibchen die Männchen für rund zwei Monate, um sich im Meer satt zu fressen. Währenddessen kümmern sich die Männchen um die Eier und verlieren dabei rund die Hälfte ihres Gewichts. Sobald die Mütter zurückkehren, teilen sich die Paare die Kinderbetreuung. Foto: Stefan Christmann

Der antarktische Winter gilt als härtester überhaupt. Sie haben monatelang der Kälte und der Dunkelheit getrotzt. Wie hält man das aus?
Man sollte mit sich selbst gut auskommen, dafür ist die Fotografie als Hobby eine gute Grundlage. Viele Aufgaben zu haben, hilft, in der Einsamkeit zurechtzukommen. Mit anderen wenigen Menschen auszukommen, hilft auch. Bei der ersten Antarktis-Überwinterung waren wir zu neunt, bei der zweiten zu zwölft. Die Polarnacht dauert aber nur acht Wochen, und währenddessen ist es nicht immer ganz dunkel. Um die Mittagszeit nähert sich die Sonne dem Horizont und es gibt wahnsinnig tolle Farbenspiele – von Fast-Sonnenaufgängen bis zu Fast-Untergängen. Wenn man offen für diese Schönheit ist, kann man viel Kraft ziehen für viele kalte, dunkle Stunden. Man sieht Dinge, die nur wenige Menschen zu sehen bekommen. Das ist ein Privileg, für das es sich lohnt, Leidenszeit in Kauf zu nehmen.

Haben Sie Dinge vermisst?
In den letzten zwei Jahren haben wir mit der Pandemie  alle gespürt, was es bedeutet, isoliert zu sein. Was mir klar geworden ist: Mir haben nur Menschen gefehlt, meine Frau, meine Familie, meine Freunde.

Hat der Aufenthalt Ihre Sicht auf das Leben verändert?
Absolut. Er hat mich entschleunigt. Status und Besitz sind mir nicht mehr so wichtig. Ich habe ein neues Lebensziel: Wenn ich die Augen zumache, soll ein spannender Film laufen. Dafür tue ich alles. Und wenn ich diesen Film mit Sinn füllen kann, habe ich alles richtig gemacht.

Wie lange sitzen Sie normalerweise in der Wildnis und warten auf die Gelegenheit für das perfekte Foto?
Das können zwei Minuten sein  –oder zwei Monate. Man braucht Glück, aber auch eine gute Vorbereitung. Wenn man Tiere fotografieren will, muss man sie und ihre Gewohnheiten gut kennen.

Wie sieht der Alltag eines Naturfotografen aus?
Die Naturfotografie ist ein zweites Standbein. Ich entwickle Kameramodule für die Automobilindustrie und hierbei ist mein Alltag das Büro. Die Arbeit als Naturfotograf sieht ganz anders aus. Man muss sich früh aus dem Bett quälen, weil man vor Sonnenaufgang unterwegs seinsollte. Dann ist das Licht sehr schön und viele Tiere sind aktiv. Das ist sehr anstrengend. Nach drei Tagen brauche ich auch einen Tag Pause, um die Akkus wieder aufzuladen.

Nach Ihrem Antarktis-Abenteuer: Hat es für Sie überhaupt noch einen Reiz, sich etwa auf der Schwäbischen Alb auf die Lauer zu legen?
Natürlich! Derzeit wandere ich mit meiner Frau die „Löwenpfade“ auf der Alb ab, um wild wachsenden Frauenschuh zu entdecken. Seit meiner Studienzeit bin ich sehr begeistert von Orchideen. Es muss nicht immer das Ferne, Extreme sein, es gibt auch viele Perlen vor der Haustür. Ich fühle mich im Süden pudelwohl. /

(Dieses Interview erschien in der WNA-Ausgabe 8+9/2022.)
 

Vita

Stefan Christmann wurde 1983 in Koblenz geboren. Er studierte in Tübingen und verbrachte als Physiker erstmals 2011 bis 2013 15 Monate am eisigen Ende der Welt. Als Mitglied eines Filmteams der BBC verbrachte er im Jahr 2017 weitere 11 Monate in der Atka-Bucht, wo er den Brutzyklus einer Kaiserpinguinkolonie in nie zuvor gesehener Vollständigkeit fotgrafierte. Seine international ausgezeichneten Bilder erschienen in zahlreichen Magazinen, unter anderem im National Geographic Magazine und im Stern. Christmanns Buch „Die Gemeinschaft der Pinguine“ erzählt Geschichten aus zwei antarktischen Wintern. Der Fotograf lebt in Geislingen an der Steige.