Reformstau, Wachstumsschwäche, Bürokratie: Deutschland diskutiert über viele Probleme. Wirtschaftsethiker Prof. Dr. Nils Goldschmidt, Leiter des Tübinger Weltethos-Instituts, erklärt im WNA-Gespräch, woran es aus seiner Sicht in diesen Debatten fehlt – und warum wir wieder stärker darüber sprechen sollten, wie Wohlstand überhaupt entsteht.
Als Direktor des Weltethos-Instituts in Tübingen möchte Nils Goldschmidt Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft stärker miteinander ins Gespräch bringen. Sein zentrales Thema: Wie lassen sich wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftlicher Zusammenhalt verbinden?
Foto: Philipp Sigle/Weltethos-InstitutWNA: Herr Professor Goldschmidt, Sie beschäftigen sich mit Wirtschaft und Ethik. Können sich Unternehmen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten hohe moralische Ansprüche überhaupt leisten?
Goldschmidt: Gerade dann. Ethik ist kein Luxusartikel für gute Zeiten, den man bei schlechter Konjunktur aus dem Sortiment nimmt. Allerdings heißt verantwortliches Handeln nicht, jede gute Absicht ungeachtet ihrer Kosten zu verwirklichen. Ein Unternehmen muss auch wirtschaftlich gesund bleiben, investieren und Arbeitsplätze sichern. Gewinn ist nichts Unanständiges. Er ist eine notwendige Bedingung – aber kein moralischer Freibrief. Entscheidend ist nicht, ob ein Unternehmen Gewinne macht, sondern wie. Eine Wirtschaftsethik, die das nicht versteht, bleibt aseptisch, weil sie vermeidet, knietief durch die Realität zu waten. Aber ohne das geht es nicht.
Viele Unternehmerinnen und Unternehmer haben das Gefühl, dass sie wenig Wertschätzung erfahren. Täuscht dieser Eindruck?
Unternehmen erscheinen in öffentlichen Debatten tatsächlich häufig eher als Profiteure auf Kosten anderer, denn als Orte, an denen Menschen Ideen entwickeln, investieren und Risiken tragen. Allerdings wäre es zu einfach, nur über fehlende Wertschätzung zu klagen. Die Erwartungen an Betriebe haben sich zu Recht erweitert. Gleichzeitig gilt aber auch: Wer wirtschaftlichen Erfolg grundsätzlich unter Verdacht stellt, darf sich nicht wundern, wenn immer weniger Menschen bereit sind, unternehmerische Risiken eingehen.
Wer Erfolg unter Verdacht stellt, darf sich nicht über fehlenden Unternehmergeist wundern
Nils Goldschmidt
Sprechen wir zu selten darüber, wie Wohlstand überhaupt entsteht?
Ja. Wir diskutieren eher leidenschaftlich darüber, wie Wohlstand verteilt werden soll. Wohlstand hat aber eine Vorgeschichte: Ar-beit, Ideen, Investitionen und Innovationen. Und für diese Vorgeschichte brauchen wir faire Regeln, Wettbewerb und gesellschaftliche Akzeptanz. Eine Wirtschaft, deren Ergebnisse dauerhaft als ungerecht wahrgenommen werden, verliert ihre Legitimität. Manchmal denke ich, dass wir auch deshalb so viel über Verteilung reden, weil es viel zu verteilen gibt. Problematisch wird es, wenn dabei vor allem die eigenen Ansprüche im Mittelpunkt stehen und diejenigen aus dem Blick geraten, die Unterstützung wirklich brauchen.
Sie beschreiben die Soziale Marktwirtschaft als eine Ordnung der Freiheit und Verantwortung. Wo gerät dieses Gleichgewicht ins Wanken?
Wir sprechen gerne über Freiheit und etwas weniger gerne über die Verantwortung, die zu ihr gehört. Bürgerinnen und Bürger wünschen sich Wahlfreiheit, möchten aber möglichst vor jeder unangenehmen Folge geschützt werden. Unternehmen fordern Freiräume, erwarten in Krisen jedoch mitunter rasch staatliche Hilfe. Und der Staat reagiert mit immer detaillierteren Regeln. Zugespitzt: Wir hätten gerne die Freiheit des Unternehmers, die Sicherheit des Beamten und im Krisenfall die Solidarität aller. Diese Rechnung geht auf Dauer nicht auf.
Nils Goldschmidt in Tübingen, wo er seit 2025 das Weltethos-Institut leitet. Es wurde 2012 gegründet und versteht sich als Forschungs- und Bildungszentrum für Wirtschaft, Ethik und Gesellschaft.
Foto: Philipp Sigle/Weltethos-InstitutBürokratie, Energiepreise und Fachkräftemangel dominieren die Debatte über Deutschlands Wachstumsschwäche. Übersehen wir weitere Ursachen?
Die genannten Probleme sind teilweise Symptome einer tieferen Schwäche: Deutschland fällt es oft schwer, Entscheidungen zu treffen und Vorhaben umzusetzen. Wir haben eine Kultur der Risikovermeidung entwickelt. Neue Technologien prüfen wir zunächst daraufhin, was alles schiefgehen könnte. Das ist nicht falsch. Wer aber nur Risiken vermeidet, verhindert irgendwann auch Fortschritt. Deutschland ist ein reiches, starkes Land und nicht dem Untergang geweiht. Wohlstand ist allerdings kein Dauerauftrag. Wir brauchen kluge Reformen, aber keine populistischen Dystopien. Die aktuelle Reformagenda der Bundesregierung zeigt meines Erachtens in die richtige Richtung.
Bildung ist für Sie eine Voraussetzung einer funktionierenden Wirtschaftsordnung. Wie gut vermitteln unsere Schulen wirtschaftliche Zusammenhänge?
Sehr unterschiedlich. Ökonomische Bildung ist in Deutschland ein föderaler Flickenteppich und es hängt sehr viel von der jeweiligen Lehrkraft ab. Baden-Württemberg hat mit dem Fach Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung grundsätzlich einen guten Weg eingeschlagen. Ein Fach allein genügt aber nicht. Es braucht qualifizierte Lehrkräfte, genügend Unterrichtszeit und gute, unabhängige Lehrmaterialien.
Welches wirtschaftliche Grundwissen sollten wir jedem jungen Menschen mit auf den Weg geben?
Junge Menschen sollten verstehen, wie eine Marktwirtschaft und insbesondere die Soziale Marktwirtschaft funktioniert. Ökonomische Bildung braucht fachliches Verständnis und ethische Reflexion. Unsere Schulbuchstudie zeigt, dass junge Menschen teilweise sehr früh zu politischen und moralischen Urteilen aufgefordert werden, ohne zuvor die ökonomischen Grundlagen kennengelernt zu haben. Es sollte aber zuerst darum gehen, junge Menschen zu befähigen, ihr wirtschaftliches Leben selbstbestimmt zu führen und mitgestalten zu können.
Eine freie Gesellschaft lebt vom Streit
Nils Goldschmidt
Welche Rolle können Unternehmen dabei übernehmen?
Besonders Gymnasien reagieren gelegentlich reflexhaft ablehnend auf Partner aus der Wirtschaft. Sie sorgen sich, Betriebe könnten Werbung in die Schule tragen. Das ist sicher nicht völlig unbegründet, rechtfertigt aber keine Abschottung. Unternehmen können konkrete Erfahrungen vermitteln: Wie entstehen Entscheidungen? Was bedeutet Verantwortung für Beschäftigte? Was ist, wenn eine Investition scheitert? Das lässt sich aus keinem Schulbuch vollständig lernen.
Die Soziale Marktwirtschaft gilt als Erfolgsmodell. Welches ihrer Grundprinzipien wird am häufigsten missverstanden?
Das größte Missverständnis ist, sie als Kombination aus möglichst freiem Markt und nachträglicher sozialpolitischer Reparatur zu verstehen: Der Markt produziert, der Sozialstaat räumt auf. Die Idee ist aber anspruchsvoller. Schon die Märkte müssen so geordnet sein, dass Wettbewerb möglich bleibt, Macht begrenzt wird und Verantwortung nicht abgeschoben werden kann. Das Soziale beginnt nicht mit der Grundsicherung, sondern bei einer Ordnung, die Teilhabe und faire Chancen ermöglicht. Umgekehrt bedeutet „sozial“ nicht, jeden Arbeitsplatz und jedes Geschäftsmodell dauerhaft zu erhalten. Eine konservierende Politik schützt oft weniger die Schwachen als etablierte Interessen. Die Soziale Marktwirtschaft war immer auch ein Friedensprojekt: der Versuch, Freiheit und Zusammenhalt miteinander zu versöhnen.
Hintergrund
Nils Goldschmidt ist Autor einer Schulbuchstudie des Zentrums für Ökonomische Bildung in Siegen. Sie ging der Frage nach, wie wirtschaftliche Themen in Schulbüchern vermittelt werden.
Die Soziale Marktwirtschaft gilt als deutsches Erfolgsmodell. Der Begriff wurde 1947 vom Nationalökonomen Alfred Müller-Armack geprägt. Politisch umgesetzt wurde das Konzept ab 1948 vor allem durch den späteren Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard. Es verbindet wirtschaftliche Freiheit mit sozialem Ausgleich.
Aus welchem Grund ist gesellschaftlicher Zusammenhalt auch wirtschaftlich wichtig?
Wirtschaft braucht Vertrauen. Unternehmen müssen sich auf faire Regeln und politische Entscheidungen verlassen können. Beschäftigte müssen darauf vertrauen, dass Leistung anerkannt wird und Veränderungen nicht einseitig zu ihren Lasten gehen. Unsere Studie mit dem Roman-Herzog-Institut aus dem vergangenen Jahr vergleicht 171 Länder und zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Zusammenhalt und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. Vertrauen, verlässliche Institutionen und die Fähigkeit, Konflikte friedlich auszutragen, sind also auch wirtschaftliche Ressourcen. Zusammenhalt bedeutet dabei nicht Harmonie. Eine freie Gesellschaft lebt vom Streit. Entscheidend ist, dass wir zu gemeinsamen Lösungen finden. Nur so bleibt eine pluralistische Gesellschaft handlungsfähig.
Wenn Sie eine wirtschaftspolitische Debatte in Deutschland verändern könnten: Welche wäre das?
Ich würde die Art verändern, wie wir über Reformen sprechen. Eine Reform ist nicht schon deshalb gut, weil sie im Gutachten überzeugt. Sie muss auch verstanden werden, als fair gelten und in der Gesellschaft genügend Akzeptanz finden. Politik und gute Expertengremien wie die Alterssicherungskommission müssen Zielkonflikte benennen, Folgen erklären und auch Zumutungen aussprechen. Sie müssen aber ebenso zuhören, Interessen abwägen und Kompromisse ermöglichen. Der Kompromiss ist nicht der Verrat an einer guten Lösung.
Was sollten Unternehmerinnen und Unternehmer gerade jetzt in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht aus den Augen verlieren?
Unternehmertum lebt von der Vorstellung, dass etwas Neues entstehen kann. Pessimismus wirkt bisweilen intellektuell eindrucksvoll, ist unternehmerisch aber wenig produktiv. Vielleicht sollten Unternehmerinnen und Unternehmer etwas bewahren, das in Deutschland gelegentlich fast unseriös wirkt: Zuversicht. Nicht den naiven Glauben, dass alles gut wird – sondern den Mut, daran zu arbeiten, dass es gut werden könnte. /
(Dieses Interview erschien in der WNA-Ausgabe 8+9/2026.)
Vita
Nils Goldschmidt, geboren 1970 in Höxter, ist Wirtschaftswissenschaftler und Theologe. Er studierte Wirtschaftswissenschaften und Katholische Theologie an der Universität Freiburg.
Nach Stationen an der Universität der Bundeswehr München und der Hochschule für angewandte Wissenschaften München wechselte er 2013 an die Universität Siegen. Dort ist er Professor für Kontextuale Ökonomik und ökonomische Bildung sowie Vorstand des Zentrums für ökonomische Bildung.
Seit 2014 ist Goldschmidt Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft, seit 2024 gehört er dem Deutschen Ethikrat an.
Im Februar 2025 übernahm er zudem die Leitung des Weltethos-Instituts an der Universität Tübingen.
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