Interview mit Kathrin Schulte-Südhoff

„Viele Kostenfaktoren bleiben hoch“

Kathrin Schulte-Südhoff ist seit drei Monaten Präsidentin der Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank in Baden-Württemberg, die in der Region mit einer Filiale in Reutlingen vertreten ist. Im Interview spricht sie über die Inflation, Voraussetzungen für Investitionen und den digitalen Euro. 

Porträtfoto von Kathrin Schulte-SüdhoffKathrin Schulte-Südhoff ist seit 2005 bei der Bundesbank tätig. Die Deutsche Bundesbank ist die Zentralbank Deutschlands und Teil des Europäischen Systems der Zentralbanken. Sie ist unter anderem für die Stabilität der Währung und das Funktionieren des Geld- und Zahlungsverkehrs verantwortlich. Foto: Katrin Probst Photography

WNA: Frau Schulte-Südhoff, Sie stehen seit Juli an der Spitze der Bundesbank in Baden-Württemberg. Welche Themen haben Sie in den ersten Wochen besonders beschäftigt?
Schulte-Südhoff: Die ersten Wochen standen vor allem im Zeichen des Kennenlernens: meiner neuen Aufgabe, der Teams in der Hauptverwaltung und in den Filialen sowie unserer regionalen Partner. Inhaltlich beschäftigen uns derzeit vor allem die konjunkturelle Lage, die Auswirkungen des Iran-Konflikts auf den exportorientierten Wirtschaftsstandort und die Investitionszurückhaltung vieler Unternehmen. Und natürlich die große Frage: Wie wirken Geldpolitik, Finanzierungsbedingungen und wirtschaftliche Perspektiven ganz konkret auf die Betriebe im Land?

Viele verbinden die Bundesbank vor allem mit Geldpolitik und Leitzinsen. Welche weiteren Aufgaben übernimmt sie – und warum sind sie für Unternehmen wichtig?
Die Geldpolitik ist zentral – aber sie ist nicht alles. Ein gutes Beispiel ist das Bargeld. Gemeinsam mit den Geschäftsbanken sorgen wir dafür, dass die Menschen und Unternehmen zuverlässig mit Bargeld versorgt werden. Gleichzeitig arbeiten wir an einem sicheren und effizienten digitalen Zahlungsverkehr mit. Dazu kommen weitere Aufgaben: Wir sind in der Bankenaufsicht aktiv, analysieren Risiken für die Finanzstabilität und stellen wichtige Daten zur wirtschaftlichen Entwicklung bereit. Für Unternehmen ist das ganz konkret relevant. Denn sie brauchen stabile Banken, funktionierende Zahlungswege, verlässliche Informationen und Vertrauen in die Währung.

Inflationsrate und Preisniveau sind zwei unterschiedliche Dinge

Kathrin Schulte-Südhoff

Die Inflationsrate schwankt, zuletzt lag sie wieder auf dem Niveau von April. Warum haben dennoch viele Betriebe und Verbraucher das Gefühl, dass alles immer teurer wird?
Das hat vor allem damit zu tun, dass wir zwei Dinge unterscheiden müssen: die Inflationsrate und das Preisniveau. Wenn die Inflationsrate – so wie im Mai und Juni dieses Jahres – sinkt, heißt das erst einmal nur: Die Preise steigen langsamer als vorher. Es heißt aber nicht, dass die Preise wieder auf das Niveau von vor zwei oder drei Jahren zurückgehen. Viele Waren und Dienstleistungen sind heute eben deutlich teurer als vor der starken Inflationsphase. Hinzu kommt: Besonders sichtbar sind Preissteigerungen dort, wo Menschen regelmäßig Geld ausgeben – etwa für Lebensmittel, Energie, Handwerksleistungen oder Mobilität. Für Unternehmen ist die Situation ähnlich. Auch wenn sich manche Kostensteigerungen zwischenzeitlich abgeschwächt haben, bleiben viele Kostenfaktoren hoch, zum Beispiel Löhne, Energie oder Vorprodukte.

Viele Betriebe hoffen auf sinkende Zinsen. Wie stark beeinflussen Leitzinsen Investitionsentscheidungen?
Zinsen beeinflussen ganz wesentlich, wie teuer eine Investition ist. Wenn Kredite teurer werden, schauen Unternehmen genauer hin: Lohnt sich eine Investition noch? Rechnet sie sich vielleicht erst später? Oder muss sie am Ende ganz verschoben werden? Aber Zinsen sind nicht der einzige Faktor. Unternehmen investieren vor allem dann, wenn die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen stimmen. Und wenn sie davon überzeugt sind, dass sich eine Investition langfristig rechnet. 

Um investieren zu können, brauchen Unternehmen bessere Rahmenbedingungen

Kathrin Schulte-Südhoff

Was muss wirtschaftspolitisch passieren, damit Unternehmen wieder mit mehr Zuversicht investieren?
Die Unternehmen in Deutschland brauchen vor allem bessere Rahmenbedingungen. Wir als Bundesbank schlagen hierfür schon lange verschiedene Maßnahmen vor: ein effizienteres Steuersystem, weniger Bürokratie, schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren, eine leistungsfähigere digitale Infrastruktur. Natürlich spielt auch der Arbeitsmarkt eine zentrale Rolle. Wir müssen mehr Menschen in Beschäftigung bringen, Qualifizierung stärken und Fachkräfte gewinnen.

Sie stehen im Austausch mit Betrieben aus ganz Baden-Württemberg. Welche Sorgen begegnen Ihnen in den Gesprächen besonders häufig?
Viele Unternehmen berichten derzeit von einer spürbaren Zurückhaltung – bei Investitionen, aber auch bei Aufträgen. Das trifft gerade den Mittelstand in Baden-Württemberg. Viele Betriebe hier sind stark exportorientiert und eng in internationale Lieferketten eingebunden. Wenn dann geopolitische Spannungen zunehmen, wichtige Auslandsmärkte schwächeln oder neue Handelshemmnisse drohen, sorgt das natürlich für Verunsicherung. Gleichzeitig sehe ich in der Region aber auch sehr viel Stärke. Viele Unternehmen sind innovativ, anpassungsfähig und nah an ihren Märkten. Und genau darauf lässt sich aufbauen.

Kommen wir zu einem anderen Thema: In der Bundesbank-Filiale in Reutlingen können bis heute D-Mark in Euro umgetauscht werden. Wird das Angebot noch genutzt?
Ja, wenn auch natürlich nicht mehr so stark wie in den Jahren direkt nach der Euro-Einführung. Oft stammen die D-Mark-Bestände aus Nachlässen, aus alten Spardosen, Schubladen oder Schränken. Das Schöne daran sind oft die Geschichten dahinter. Für viele Menschen ist die D-Mark eben nicht nur altes Bargeld, sondern auch ein Stück Erinnerung.

Die Europäische Zentralbank plant bis 2029 die Einführung des digitalen Euro. Warum brauchen wir ihn? 
Der digitale Zahlungsverkehr in Europa ist stark zersplittert. Es gibt keine europäische digitale Zahlungslösung, die im gesamten Euroraum einheitlich funktioniert. Ein großer Teil der Kartenzahlungen im Euroraum läuft zudem über außereuropäische Systeme. Diese einseitige Abhängigkeit macht Europa angesichts zunehmender geopolitischer Spannungen verwundbar. Mit dem digitalen Euro schaffen wir eine öffentliche, verlässliche Infrastruktur für digitales Bezahlen in europäischer Verantwortung. 

Außenansicht der Bundesbank-Filiale in ReutlingenBlick auf die Bundesbank-Filiale in der Reutlinger Schulstraße. Hier können bis heute D-Mark in Euro umgetauscht werden. Insgesamt betreibt die Deutsche Bundesbank 31 Filialen in Deutschland. Die Zentrale befindet sich in Frankfurt am Main. Die baden-württembergische Hauptverwaltung hat ihren Sitz in Stuttgart. Foto: Walter Vorjohann

Wie wird der digitale Euro ganz praktisch funktionieren?
Der digitale Euro wird im gesamten Euroraum einheitlich nutzbar sein: mit einer App oder einer speziellen Zahlungskarte. Er wird ebenso wie das Euro-Bargeld gesetzliches Zahlungsmittel sein. Das heißt: Er muss im gesamten Euroraum akzeptiert werden. Zudem wird es eine Offline-Funktion geben. Damit sind Zahlungen vor Ort auch ohne Internetverbindung möglich – direkt von einem Gerät zum anderen. Digitale Zahlungen funktionieren also sogar bei einem Stromausfall.

Welchen konkreten Mehrwert hätte der digitale Euro für Unternehmen und speziell für den Handel?
Für Unternehmen und den Handel zählen vor allem Reichweite, Verlässlichkeit und Kosten. Mit dem digitalen Euro werden Händler und Unternehmen ihre Kunden im gesamten Euroraum über ein gemeinsames Bezahlverfahren erreichen können. Für die Händler sind gesetzlich begrenzte Gebühren vorgesehen. Sie werden aber voraussichtlich deutlich unter den Händlergebühren vieler etablierter Zahlungslösungen – etwa Kreditkartenzahlungen – liegen. Das kann Kosten im Zahlungsverkehr senken und die Verhandlungsposition des Handels gegenüber Zahlungsdienstleistern stärken.

Viele Menschen fragen sich, wie sicher ihre Daten beim digitalen Euro sind. Wie soll der Schutz der Privatsphäre mit der Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung vereinbart werden?
Der Datenschutz ist sogar eine der größten Stärken des digitalen Euro. Die Europäische Zentralbank und die nationalen Zentralbanken im Euroraum werden nur pseudonymisierte Daten sehen. Zusätzlich wird der europäische Gesetzgeber dem Eurosystem ausdrücklich verbieten, einzelne Nutzerinnen und Nutzer zu identifizieren. Auch beim digitalen Euro gelten aber natürlich die Regeln zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung: Banken und andere Zahlungsdienstleister erhalten die Daten, die sie für die Abwicklung von Zahlungen und gesetzlich vorgeschriebenen Prüfungen benötigen – wie heute bei Zahlungen über das Girokonto. Für jede weitergehende Nutzung brauchen sie die ausdrückliche Zustimmung ihrer Kundinnen und Kunden. Bei der Offline-Variante des digitalen Euro ist der Datenschutz besonders weitreichend: Nur die beiden beteiligten Parteien sehen die einzelne Zahlung. Um Missbrauch vorzubeugen, werden für Offline-Zahlungen Obergrenzen für Guthaben und Zahlungen gelten.

Wenn wir uns in fünf Jahren wieder treffen würden: Woran würden Sie Ihren Erfolg als Präsidentin der Bundesbank in Baden-Württemberg messen?
Vor allem daran, ob es uns gelungen ist, die Bundesbank in Baden-Württemberg weiter als verlässliche, kompetente und dialogorientierte Institution sichtbar zu machen. Die Bundesbank soll nicht nur als Institution wahrgenommen werden, sondern soll auch ansprechbar sein und verständlich machen, warum ihre Themen für den Alltag der Menschen und für die Wirtschaft relevant sind. /

(Dieses Interview erschien in der WNA-Ausgabe 10+11/2026.)

Vita

Kathrin Schulte-Südhoff wurde 1973 in Osnabrück geboren. Dort und in Paris studierte sie Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Anschließend absolvierte sie ein Rechtsreferendariat am Landgericht Darmstadt und erwarb einen Master of Law an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Nach einer Station in der Rechtsabteilung des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes kam sie 2005 zur Bundesbank. Dort arbeitete sie in verschiedenen Funktionen und Bereichen. Zuletzt leitete sie die Abteilung „Grundsatz und Revisionen III“.

Im Juli 2026 wurde Kathrin Schulte-Südhoff Präsidentin der Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank in Baden-Württemberg.