Deutschland ringt um seinen energiepolitischen Kurs – und der Mittelstand muss damit umgehen. Corinna Enders, Chefin der Deutschen Energie-Agentur, spricht im Interview darüber, wo Baden-Württemberg bei der Energiewende steht und was Deutschland von seinen europäischen Nachbarn lernen kann.
Die Dena versteht sich bei der Energiewende als Vermittlerin zwischen Politik und Praxis. Corinna Enders steht seit drei Jahren an der Spitze des bundeseigenen Unternehmens.
Foto: HoffotografenWNA: Frau Enders, der Iran-Konflikt treibt die Energiepreise in die Höhe. Beschleunigen solche Krisen die Energiewende – oder legen sie gerade ihre Schwächen offen?
Corinna Enders: Teils, teils. Die momentane Energiekrise legt Schwächen offen und erhöht den Druck, auf erneuerbare Energien zu setzen. Der Iran-Konflikt zeigt, wie abhängig Deutschland und Europa von fossilen Energieträgern sind. Das Gute ist: Gleichzeitig wächst auch in der Bevölkerung das Bewusstsein für die Bedeutung alternativer Energiequellen, gerade mit Blick auf Unabhängigkeit und Kosten. Diese Akzeptanz hilft, die Energiewende zu gestalten.
Neben dem Preis ist die verlässliche Verfügbarkeit von Energie für Privatpersonen wie für Unternehmen zentral. Wie steht es derzeit um Deutschlands Versorgungssicherheit?
Die Versorgungssicherheit beim Strom ist aktuell hoch. Bei Gas und Öl haben wir zwar weiterhin eine hohe Importabhängigkeit, sind aber weitaus diversifizierter aufgestellt, als es häufig in der Öffentlichkeit dargestellt wird. Laut Bundeswirtschaftsministerium droht derzeit keine Mangellage bei Gas oder Öl. Klar ist aber auch: Der Ausbau erneuerbarer Energien bleibt entscheidend, um Energie verlässlich bereitzustellen. Wind, Sonne und Wasserkraft sind heimische Energiequellen. Genau das macht sie so wichtig.
Die Politik denkt in kürzeren Zeitfenstern als die Wirtschaft
Corinna Enders
Was ist Ihr Eindruck: Berücksichtigen die politischen Debatten über die Energiewende die Realität der Unternehmen in ausreichendem Maße?
Der Eindruck, dass sie es nicht tun, entsteht manchmal – vor allem in Fällen, in denen die Politik sehr schnell Ziele formuliert, die Umsetzung in der Praxis aber Zeit, Planungssicherheit und Investitionen benötigt. Unternehmen denken in Investitionszyklen von 10 oder 20 Jahren, die Politik oft in deutlich kürzeren Zeitfenstern. Gleichzeitig wäre es aber falsch, die Energiewende und die Wirtschaft gegeneinanderzustellen. Insgesamt ist die Energiewende ein weltweiter Trend – mit enormen Zuwachsraten etwa in China, was auch deutschen Unternehmen Chancen eröffnet. Wenn Deutschland und Europa als Standort stark bleiben wollen, dürfen wir nicht den Anschluss verlieren. Klar ist aber auch, dass bestimmte Unternehmen weiterhin bei den Energiepreisen entlastet werden müssen.
Zuletzt gab es viel politisches Hin und Her in der Energiepolitik. Wie soll ein Betrieb verlässlich planen, wenn sich die Spielregeln ständig ändern?
Das sehe ich genauso – gerade hinsichtlich der Rahmenbedingungen gab es in den vergangenen Jahren einfach zu viel Unsicherheit. Und für Unternehmen ist Planungssicherheit natürlich extrem wichtig. Politische Schwankungen kann ein Betrieb nicht beeinflussen. Aber Unternehmen können sich robuster aufstellen: zum Beispiel mit Investitionen in mehr Energieeffizienz, einem guten Energiemanagement oder indem sie bei Beschaffung und Eigenversorgung breiter denken. Wichtig sind auch Investitionen, die sich nicht nur unter einem einzigen denkbaren Szenario rechnen. Wer flexibel plant und nicht alles auf eine Karte setzt, bleibt auch dann handlungsfähig, wenn sich die Spielregeln wieder ändern.
Corinna Enders vor der Tübinger Jakobuskirche. Dort hat sie in ihrer Jugend viel musiziert: Sie spielt Geige und Fagott.
Foto: Anne FadenIm Jahr 2011 beschloss Deutschland den Atomausstieg. Heute wird wieder über Technologien wie Small Modular Reactors diskutiert. Sind sie eine ernsthafte Option für unsere Energieversorgung?
Die Diskussion verfolgen wir in der Dena natürlich, auch wenn wir selbst nicht an dem Thema arbeiten. Klar ist vor allem: Vieles ist noch völlig offen. Zum Beispiel die Frage nach den tatsächlichen Kosten dieser Kraftwerke oder die Frage der Endlagerung. Deshalb kann ich aktuell keine seriösen Einschätzungen treffen. Hinzu kommt, dass es derzeit bei den Betreibern von Atomkraftwerken kein Interesse an der weiteren Erzeugung von Atomenergie in Deutschland gibt. Außerdem könnten neue Atomkraftwerke kurzfristig keinen relevanten Beitrag zum Klimaschutz leisten.
Gerade im Mittelstand ist Klimaschutz aus einer Verantwortungsethik heraus schon lange ein Thema. Gleichzeitig sagen viele Betriebe: „Wir können nicht immer mehr schultern.“ Haben wir hier die Belastungsgrenze erreicht?
Ich denke, viele Unternehmen empfinden tatsächlich eine hohe Belastung. Deshalb ist es verständlich, dass die Frage nach der Zumutbarkeit gestellt wird. Im Mittelstand ist Klimaschutz kein Add-on, sondern Teil unternehmerischer Verantwortung – oft aus Überzeugung und aus wirtschaftlicher Vernunft. Die eigentliche Belastungsgrenze entsteht dort, wo Tempo, Vorgaben und Rahmenbedingungen nicht zusammenpassen. Deshalb braucht es verlässliche Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie und Unterstützung bei Investitionen. Dann kann Klimaschutz auch eine echte Chance für Innovation, Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit sein.
Baden-Württemberg ist bei der Energiewende Vorreiter
Corinna Enders
Wenn Sie heute eine mittelständische Firma führen würden: Was wären Ihre ersten drei To-dos in Sachen Energie – trotz der unsicheren Rahmenbedingungen?
Das hängt natürlich stark von der Branche ab. Grundsätzlich würde ich mir aber zuerst anschauen, wo sich durch mehr Energieeffizienz Kosten einsparen lassen. Nach unseren Erkenntnissen gibt es hier in vielen Unternehmen noch große Potenziale. Unterstützen kann dabei zum Beispiel auch die „Initiative Energieeffizienz- und Klimaschutz-Netzwerke“, deren Geschäftsstelle wir als Dena im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums betreiben. Ein zweiter Punkt wäre die Prüfung der eigenen Stromversorgung: Kann man eventuell selbst Strom erzeugen, etwa mit Photovoltaik auf dem Dach? Wie sehen bestehende Lieferverträge aus? Und lassen sich Beschaffungsstrategien flexibler gestalten? Außerdem würde ich die Themen Energiekosten, Klimaziele und Wettbewerbsfähigkeit stärker in strategische Entscheidungen und Investitionen einbeziehen, um sich langfristige Standortvorteile zu sichern.
Wenn Sie auf Baden-Württemberg schauen: Ist das Land ein Treiber der Energiewende?
Baden-Württemberg ist in einigen Bereichen klar Vorreiter. Bei der Wärmewende etwa war das Land mit der verpflichtenden Planung früh dran. International hat Baden-Württemberg mit der sogenannten „Under 2 Coalition“ eine Klima-Kooperation und Projekte mit 183 nicht staatlichen Akteuren angestoßen. Gleichzeitig hat das Land viele energieintensive Branchen. Was fehlt, sind zwei Dinge: der schnelle Netzausbau und leistungsfähige Stromtrassen in den Süden Deutschlands. Baden-Württemberg ist ein Motor der Energiewende – und gleichzeitig eines der Bundesländer mit den größten Herausforderungen auf dem Weg zur Klimaneutralität.
Hintergrund
Im Jahr 2025 kamen rund 55 Prozent des Stroms in Deutschland aus erneuerbaren Energiequellen. Das ist ein neuer Rekordwert.
Die Stromtrasse „Suedlink“ soll ab Ende 2028 Windstrom aus Norddeutschland für rund zehn Millionen Haushalte nach Süddeutschland bringen – über eine Länge von fast 700 Kilometern und größtenteils unterirdisch. Man rechnet mit einer Übertragungskapazität von vier Gigawatt.
Sie waren einst bei den Vereinten Nationen tätig. Was hat Sie dort mit Blick auf die Umsetzung von Klimapolitik am meisten überrascht?
In meiner Zeit als Vertreterin bei den Vereinten Nationen in Kenia habe ich die Notwendigkeit für Klimaschutz noch viel deutlicher erlebt. Das Land ist den Folgen des Klimawandels sehr viel unmittelbarer ausgesetzt als Europa, beispielsweise durch verheerende Dürreperioden. Beeindruckt hat mich, dass Kenia gleichzeitig ein Land ist, das sich mit über 90 Prozent erneuerbaren Energien am Energiemix selbst versorgt. Damit ist es auch ein Vorreiter.
Was machen andere Länder beim Thema Energie pragmatischer oder konsequenter als Deutschland? Wo können wir uns etwas abschauen?
Abschauen und nachmachen funktioniert nicht einfach so: Länder unterscheiden sich in ihrem Energiemix, ihren Industriestrukturen und politischen Systemen. Gute Ideen müssen immer übersetzt werden. Trotzdem ein paar Beispiele: Dänemark zeigt, wie schnell Windenergie geplant und genutzt werden kann. Norwegen hat konsequent den Verkehr elektrifiziert. Spanien hält den Strompreis niedrig und hat es geschafft, sich beim Strom weitestgehend unabhängig zu machen. Wir haben in Deutschland aktuell stabile politische Mehrheiten, einen vergleichsweise sicheren wirtschaftlichen Rahmen mit ordentlicher Infrastruktur, guter Forschung und Ausbildung – darauf sollten wir aufbauen und den Standort nicht schlechtreden. Und wir haben den Faktor Europa: Ihn müssen wir noch stärker nutzen.
Letzte Frage: Sie sind in Tübingen aufgewachsen. Wie stark fühlen Sie sich der Region heute noch verbunden?
Auch wenn ich seit dem Jahr 1997 nicht mehr in Tübingen lebe und mein Lebensmittelpunkt inzwischen in Berlin ist, so ist die Stadt nach wie vor meine Heimat. Meine Eltern leben in Tübingen und ich selbst bin noch regelmäßig dort, auch um Freunde aus der Schulzeit zu treffen. /
(Dieses Interview erschien in der WNA-Ausgabe 6+7/2026.)
Vita
Corinna Enders, geboren 1977 in Berlin, ist in Tübingen aufgewachsen.
Nach einem Jurastudium in Deutschland und Italien begann ihre berufliche Laufbahn zunächst als Anwältin. Anschließend wechselte sie in das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit.
2018 übernahm Corinna Enders die Geschäftsführung der Zukunft – Umwelt – Gesellschaft (ZUG) gGmbH in Berlin und baute deren Bundesgesellschaft auf.
Seit 2023 ist sie Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur GmbH (Dena) in Berlin.
Zudem ist Enders Mitglied des erweiterten Präsidiums des Wirtschaftsforums der SPD.
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