Rechtsextremismusforscherin Prof. Dr. Léonie de Jonge

„Die demokratische Kultur muss aktiv verteidigt werden“

Léonie de Jonge ist Professorin am neuen Institut für Rechtsextremismusforschung an der Universität Tübingen. Im Interview spricht sie über die Verteidigung der Demokratie als kollektive Aufgabe, die Rolle der Medien beim Aufstieg der extremen Rechten – und sie erklärt, warum es gefährlich ist, wenn demokratische Parteien rechtspopulistische Positionen übernehmen. 

Porträtfoto von Léonie de JongeLéonie de Jonge forscht und lehrt zu politischen Akteuren und Ideologien. Am Tübinger Institut für Rechtsextremismusforschung gibt es je eine Professur für Politikwissenschaften, Medien-/Kommunikationswissenschaften, Erziehungswissenschaften und – ab März 2026 – für sozialwissenschaftliche Antisemitismusforschung. Das Tübinger Institut sieht sich der kritischen Rechtsextremismusforschung verpflichtet und lehnt Ansätze ab, die die Gesellschaft in eine „gute Mitte“ und problematische „Ränder“ unterteilen. Foto: PR

WNA: Frau de Jonge, seit dem Jahr 2017 ist mit der AfD erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder eine Partei am rechten Rand des Parteiensystems dauerhaft im Bundestag vertreten. Ist das im Juli 2025 offiziell eröffnete Institut für Rechtsextremismusforschung eine Reaktion darauf?
de Jonge: Nein, die Gründung des Instituts geht auf eine Handlungsempfehlung des zweiten NSU-Untersuchungsausschusses des baden-württembergischen Landtags aus dem Jahr 2019 zurück. Er hatte angeregt, an einer Hochschule in Baden-Württemberg eine zentrale Einrichtung zur Erforschung und Dokumentation rechtsextremer Strukturen zu schaffen. Rechtsextremismus ist kein neues Phänomen. Durch den Aufstieg der AfD und den internationalen Erfolg von extrem rechten Bewegungen hat das Thema in den vergangenen Jahren aber deutlich an gesellschaftlicher und politischer Relevanz gewonnen.

Wie definieren Sie in Ihrer Forschung den Begriff Rechtsextremismus? 
Am Institut arbeiten wir interdisziplinär mit spezifischen Zugängen. In der Politikwissenschaft arbeiten wir meist mit dem Begriff „extreme Rechte“, manchmal auch „rechtsaußen“. Beide Begriffe umfassen Ideen, Parteien und Bewegungen am rechten Rand des politischen Spektrums, die Ungleichheit als „natürlich“ oder wünschenswert ansehen und die nicht den Prinzipien der liberalen Demokratie folgen. Diese Ungleichheit kann kulturelle, wirtschaftliche, ethnische, religiöse oder andere Aspekte betreffen. Gemeinsame Themen der extremen Rechten sind die Ablehnung von Migration und der Europäischen Union, wobei migrationsfeindliche Positionen den zentralen gemeinsamen Nenner darstellen. Hinzu kommen in fast allen EU-Ländern zunehmend Anti-Gender-Haltungen: Sie richten sich gegen die Gleichstellung der Geschlechter und sprechen Frauen, Transpersonen und Homosexuellen Rechte ab.

Rechtsextremismus ist kein neues Phänomen

Léonie de Jonge

In vielen unserer Nachbarländer sind Rechtsaußenparteien schon deutlich länger erfolgreich als in Deutschland. Was sind aus politikwissenschaftlicher Sicht die Gründe dafür?
Die Beantwortung dieser Frage ist sehr komplex, man muss jedes Land einzeln und mit seinen spezifischen Besonderheiten betrachten. Vergleichen wir Deutschland zum Beispiel mit den Niederlanden: Die rechtspopulistische PVV von Geert Wilders trat dort bereits 2006 ins Parlament ein und die niederländische Gesellschaft scheint dem Aufstieg der extremen Rechten insgesamt recht gelassen gegenüberzustehen. Diese Gelassenheit hat dazu beigetragen, dass extrem rechte Positionen in den Niederlanden schneller normalisiert werden konnten. In Deutschland ist die Situation anders: Aufgrund seiner Geschichte schien es lange besonders widerstandsfähig gegenüber rechtsextremen Parteien und Bewegungen. Das hat den dauerhaften Aufstieg der Rechtsaußenparteien lange aufgehalten. Bis heute ist ein großer Teil der deutschen Bevölkerung bereit, für die Demokratie auf die Straße zu gehen und sich aktiv gegen rechtsextreme Strömungen zu stellen – wie etwa nach den Enthüllungen des Onlinemagazins Correctiv zur AfD im Jahr 2024. 

Und dennoch ist die AfD im aktuellen Bundestag die zweitstärkste Kraft.
Kein Land ist immun gegen Rechts. Historische Sensibilität und institutionelle Barrieren bieten Schutz, doch politische Opportunität, gesellschaftliche Resonanz und die Strategien der extremen Rechten können diese Schutzmechanismen unterlaufen. Die vergangenen Jahre machen deutlich, dass Deutschland erneut anfällig für den Aufstieg und die Normalisierung rechtsextremer Positionen ist – sofern demokratische Akteure nicht klar Haltung zeigen und die demokratische Kultur aktiv verteidigen.

Viele Demonstanten stehen auf der Wiese vor dem Berliner Reichstag. Einige von ihnen halten Transparente in ihren Händen.Rund 160.000 Menschen demonstrierten Anfang Februar 2025 in Berlin gegen eine Zusammenarbeit demokratischer Parteien mit der AfD und gegen einen befürchteten Rechtsruck. Foto: Mo Photography Berlin/shutterstock.com

Unter welchen Voraussetzungen werden rechte Parteien erfolgreich?
In der Forschung herrscht weitgehend Einigkeit, dass sowohl Nachfrage- als auch Angebotsfaktoren von Bedeutung sind. Einerseits braucht es einen Nährboden – also Wählerinnen und Wähler, die für die Ideologie dieser Parteien empfänglich sind. Andererseits braucht es Parteien, die diese potenzielle Nachfrage in reale Stimmen umwandeln können. Die Nachfrage nach Rechtsaußenparteien entsteht oft in Zeiten von Wählerunzufriedenheit und wachsender Politikverdrossenheit. Langzeitstudien zeigen, dass sich die Einstellungen europäischer Bürgerinnen und Bürger zu Themen wie Einwanderung in den vergangenen zwanzig Jahren kaum grundlegend verändert haben. Das bedeutet: Der Aufstieg der Rechtsaußenpolitik lässt sich nicht allein über eine wachsende Nachfrage erklären.

Sondern? 
Das Angebot aufseiten der Parteien spielt eine entscheidende Rolle. Viele Rechtsaußenparteien sind professioneller geworden, besser organisiert als früher und haben gelernt, mit Rückschlägen bei Wahlen umzugehen. Zudem profitieren sie vom Erfolg ähnlicher Bewegungen in anderen Ländern. Ereignisse wie der Brexit oder die erneute Wahl Donald Trumps haben gezeigt, dass rechte Parteien und Positionen in großen Teilen Europas zunehmend salonfähig werden. 

In den sozialen Medien sind Clips der AfD sehr erfolgreich. Haben Tiktok und Co. zum Aufstieg der Partei beigetragen?
Die sozialen Medien tragen zweifellos zum Erfolg der extremen Rechten bei, ihre Rolle sollte aber nicht überbewertet werden. Sie ermöglichen Politikerinnen und Politikern, direkt mit ihren Wählerinnen und Wählern zu kommunizieren, kurze und platte Botschaften zu verbreiten und traditionelle Medien als Filter oder Gatekeeper weitgehend zu umgehen. Die AfD und andere Rechtsaußenparteien haben das Potenzial der sozialen Netzwerke früh erkannt und nutzen es gezielt, um Gleichgesinnte zu erreichen, insbesondere junge Wähler zu mobilisieren und sich zugleich als Gegner des „Establishments“ zu inszenieren. Dennoch sind die sozialen Medien nicht die alleinige Ursache für den Aufstieg der AfD. 

Eine Anpassung an rechte Positionen stellt keine effektive Gegenstrategie dar

Léonie de Jonge

Was ist eine weitere Ursache?
Die klassischen Medien spielen weiterhin eine entscheidende Rolle – insbesondere wenn es darum geht, den Rechtsaußenparteien öffentliche Aufmerksamkeit und Legitimität zu verleihen. Ohne die Verstärkung durch traditionelle Medien wäre die Reichweite der AfD in den sozialen Netzwerken deutlich begrenzter. Zudem darf man nicht vergessen: Soziale Medien können keine gesellschaftlichen Tendenzen erzeugen, sie spiegeln sie wider. 

Die CDU hat ihre Positionen zu Migration und Asyl jüngst verschärft. Kann sie damit die AfD schwächen?
Es gibt keine empirischen Belege dafür, dass Imitation die Zustimmung zur extremen Rechten senkt. Im Gegenteil: Zahlreiche Studien zeigen, dass eine Anpassung an rechte Positionen – etwa ein strikter Migrationskurs – keine effektive Gegenstrategie darstellt. Die Wählerinnen und Wähler bevorzugen in solchen Fällen meist das „Original“ gegenüber der Kopie. Akkommodierende Strategien können das politische Feld für die extreme Rechte sogar weiter vorbereiten, ihre Themen legitimieren, normalisieren und in den Mainstream tragen. Es gibt keine Zauberformel im Umgang mit der extremen Rechten, aber demokratische Parteien und Medien spielen eine bedeutsame Rolle: Sie bestimmen, welche Themen auf die politische Agenda gelangen und welche Akteure sichtbar werden. Medien und Parteien sollten daher klare Leitlinien entwickeln, wie sie mit extremen Parteien umgehen – wann also etwa Aussagen zitiert oder Interviews geführt werden und wann nicht. 

Wie sollten sich die demokratischen Parteien Ihrer Meinung nach verhalten? 
Die demokratischen Parteien müssen ihre Rolle neu definieren: rechte Wählerinnen und Wähler ernst nehmen, aber nicht die Narrative der extremen Rechten übernehmen. Stattdessen sollten sie eigene, positive Visionen entwickeln, auf ihren Grundwerten aufbauen und etwa Einwanderung als wirtschaftliche Herausforderung diskutieren, ohne die kulturellen Bedrohungsszenarien der Rechten zu übernehmen. Die demokratischen Parteien müssen eigene Erzählungen stärken, anstatt den Konflikt auf das Terrain der extremen Rechten zu verlagern. Darüber hinaus ist eine gesamtgesellschaftliche Reaktion notwendig: Klare Verhaltensregeln zum Schutz demokratischer Grundwerte – in Politik, Medien und zivilgesellschaftlichen Institutionen – müssen deutlich machen, wo die Grenze der Toleranz gegenüber Intoleranz liegt, und diese konsequent verteidigen. Die Verteidigung demokratischer Institutionen und Werte ist eine kollektive Aufgabe – von politischen Akteuren, den zivilgesellschaftlichen Organisationen, der Wissenschaft und allen Bürgerinnen und Bürgern. Nur durch gemeinsame Anstrengungen aller Beteiligten kann die Demokratie langfristig stabilisiert und gefestigt werden. /

(Dieses Interview erschien in der WNA-Ausgabe 12/2025+1/2026.)

Vita

Prof. Dr. Léonie de Jonge wurde 1990 in Ettelbrück (Luxemburg) geboren. Sie studierte Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen in den USA und Großbritannien. 2019 promovierte sie an der University of Cambridge zum Erfolg und Misserfolg von Rechtsaußenparteien in den Beneluxländern.

Danach war sie bis 2024 Professorin für Europäische Politik und Gesellschaft an der Uni Groningen in den Niederlanden. Seit Januar 2025 ist sie Professorin für Rechtsextremismusforschung am gleichnamigen Institut der Universität Tübingen.