Adidas-Manager Claus-Peter Mayer

„Alles kommt aus dem Sport“

Seit über 30 Jahren ist Claus-Peter Mayer bei Adidas. Im Interview spricht der Manager über große Sportmomente, Wettkampfgeist im Arbeitsalltag, globale Trends – und er erklärt, warum sein Geburtsort Bad Urach immer noch Heimat für ihn ist.

Porträtfoto von Claus-Peter MayerAdidas-Manager Claus-Peter Mayer ist seit seiner Jugend in zahlreichen Sportarten aktiv. Wenn er nicht unterwegs ist, lebt er mit seiner Frau und den beiden Kindern in Nürnberg. Foto: PR

WNA: Herr Mayer, Sie haben Ihr komplettes bisheriges Berufsleben bei Adidas verbracht. Was macht das Unternehmen für Sie so besonders?
Mayer: Adidas ist einfach ein sehr spannendes Unternehmen, eine sehr spannende Marke, die sich im Laufe der Zeit auch immer weiterentwickelt hat. Das Unternehmen dahinter ist gleichzeitig ein klasse Arbeitgeber, der mir viel ermöglicht hat. Meine Karriere war nie geplant. Auch wenn mal andere Firmen angeklopft haben, war mir die Option bei Adidas immer die liebste. Und so hat es sich ergeben, dass ich seit 1991 für das Unternehmen unterwegs bin.

Eine lange Zeit. An welche Momente erinnern Sie sich besonders gerne?
Besonders war sicherlich, 2014 in Rio im Stadion zu sein und nur 20 Meter vom WM-Pokal entfernt zu sitzen, der dann später an die deutsche Fußballnationalmannschaft überreicht wurde. Wobei: Das 7:1 gegen Brasilien im Halbfinale derselben WM war vielleicht das noch größere Erlebnis. Aber auch bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi hatten wir eine sehr spannende Zeit. Wir saßen genau neben der Anlaufspur der Skispringer – beeindruckend. Es gab allerdings auch tolle Momente fernab der großen Sportereignisse. Ein ganz persönlicher großer Erfolg war für mich, einen der größten Fußballvereine der Welt, Manchester United, anzusprechen und es nach einer zwölfmonatigen Verhandlungsphase zu schaffen, dass er mit uns zusammenarbeitet. 

Ein besonderer Moment war, 2014 nur 20 Meter vom WM-Pokal entfernt zu sitzen

Claus-Peter Mayer

Was ist für Sie der Kern der Marke Adidas?
Adidas ist Sport und im Kern wahrscheinlich Fußball. Fußball und Adidas haben sich immer sehr miteinander entwickelt –von dem Moment an, als unser Gründer 1954 mit auf der Spielerbank saß und die Deutschen mit den Adidas-Schraubstollen-schuhen in Bern Fußballweltmeister wurden. Das ist nach wie vor das, was uns ausmacht: der Gedanke, Athleten Produkte an die Hand zu geben, mit denen sie ihre Bestleistung bringen können. Natürlich ist das Business heute nicht mehr nur Sport, aber alles kommt aus dem Sport.

Leben Sie diesen sportlichen Ehrgeiz, der zu Bestleistungen führt, auch im Unternehmen?
Ja, wir haben sehr viele Beschäftigte, die „competitive“ unterwegs sind, wie man heute so sagt. Sie sind oft wettbewerbsorientiert, auch im persönlichen täglichen, sportlichen Leben. Wir haben im Headquarter in Herzogenaurach, aber auch an unseren anderen großen Standorten die Möglichkeit, alle Sportarten dieser Welt auszuüben. Am Hauptsitz befindet sich das wahrscheinlich größte Firmen-Gym Bayerns: mehrere Fußball- und Tennisplätze, 50-Meter-Schwimmbecken, Padel-Tennisplätze, Basketballanlagen. Hier wird intensiv Sport getrieben, im Grunde von morgens bis abends, ohne dass natürlich die Arbeit darunter leidet. (lacht) Manche Kolleginnen und Kollegen lieben unsere internen sportlichen Challenges – auch unser oberster Boss Bjørn Gulden. Er hat Spaß daran, auch jemanden mal ein bisschen herauszufordern, etwa bei einem Fünfkilometerlauf. Wir pushen uns gegenseitig. 

Porträtfoto von Claus-Peter MayerHat schon als Student bei Adidas gearbeitet: Claus-Peter Mayer. Foto: PR

Adidas zählt zu den bekanntesten deutschen Marken. Inwiefern spiegelt sich das im internationalen Geschäft wider?
Ich würde sagen, es spiegelt sich immer weniger wider. Deutschland ist unsere Heimat, unser Hauptstandort. Doch gleichzeitig machen wir weniger als fünf Prozent unseres Umsatzes in Deutschland. Wir sind eine globale Marke, die mit Athleten aus der ganzen Welt verbunden ist. Am Headquarter sind rund 5.800 Menschen beschäftigt, die aus rund 100 Nationen stammen. Wir sind eine sehr global aufgestellte Mannschaft und betreiben Business mit quasi allen Ländern dieser Welt.

Genießen deutsche Marken im globalen Wettbewerb heute noch einen Vertrauensvorsprung?
Für uns spielt das weniger eine Rolle, eben weil wir als sehr international wahrgenommen werden. Ich bin überzeugt davon, dass wir in Deutschland immer noch Branchen haben – etwa den Maschinenbau –, in denen wir führend sind, gerade im mittleren Neckarraum. Dort sitzen Weltmarktführer, die eine tolle Position haben und hohes Ansehen im Ausland genießen. Ich denke, wir sollten unseren Wirtschaftsstandort und uns selbst weniger kritisieren.

Bei Sportbekleidung geht es immer auch um Lifestyle. Wie setzen Sie Trends? 
Zumeist setzen wir keine Trends, wir greifen sie auf. Wir halten die Augen und Ohren offen, entwickeln neue Dinge, sehen, wie diese ankommen und beobachten, wohin sich bestimmte Trends entwickeln. Unsere Aufgabe ist es, Trends aufzunehmen und daraus das Business zu gestalten. 

Die Modewelt wird immer mehr „casual“ – davon profitieren wir

Claus-Peter Mayer

Und wie und wo checken Sie, in welche Richtung sich etwas entwickelt? 
Wenn ich für meinen Verantwortungsbereich Südeuropa spreche, sind Italien und Frankreich die Länder, in denen Trends als erstes spür- und sichtbar sind. In der Regel bei jungen Frauen und in der Regel in den großen Städten. Und schon sind wir in Paris und Mailand. Wir haben enge Kontakte zu Streetwear-Fashion-Händlern. Sie liegen zwar auch nicht immer richtig, aber dort erfahren wir oft am frühesten, was läuft, was nicht und was als Nächstes kommen könnte. Und natürlich beobachten wir die gesamte Social-Media-Landschaft. Der Erfolg des Sneakers „Campus“ begann beispielsweise mit einigen Tiktok-Videos, die viral gegangen sind und eine Welle ausgelöst haben.

Nach über 70 Jahren endet im Jahr 2027 die Partnerschaft von Adidas mit der deutschen Fußballnationalmannschaft. Wie traurig sind Sie darüber?
Viele unserer Beschäftigten in Deutschland haben wirklich ein bisschen persönlich gelitten. Es schmerzt uns auch als Unternehmen, gar keine Frage – aber eher aus emotionaler Sicht. Das ist einfach Teil des Business und kein Riesendrama. Für das Geschäft sind die großen Fußballvereine wichtiger, die ständig präsent sind und nicht nur alle zwei Jahre ein großes Turnier spielen. So haben wir jetzt beispielsweise Liverpool zu uns geholt. Das Portfolio muss stimmen. Und trotzdem tut es noch ein bisschen weh. Natürlich hoffen wir, dass Deutschland im Sommer in drei Streifen Weltmeister wird, und wünschen der Mannschaft viel Erfolg. 
 

Hintergrund

Der Sneaker „Stan Smith“ ist der meistverkaufte Turnschuh von Adidas – noch vor dem derzeitigen Trendschuh „Samba“.

Adidas liefert seit 1970 den offiziellen Spielball für die Fußballweltmeisterschaften. Beim WM-Finale 1954 in Bern wechselte Unternehmensgründer Adi Dassler in der Halbzeit noch selbst die Stollen an den Schuhen der Spieler aus.

Die Adidas-Aktie ist etwas holprig ins neue Jahr gestartet, doch unterm Strich hat das Unternehmen in den vergangenen Jahren ein gutes Wachstum verzeichnet. Wo-ran machen Sie den Erfolg fest? 
Wir können meiner Ansicht nach für uns in Anspruch nehmen, dass wir die letzten 20, 30 Jahre einen guten Job gemacht haben, was die Marke und die Produktentwicklung angeht. Wir sind nachhaltig gewachsen, haben uns immer weiter global aufgestellt, haben Entwicklungszentren in verschiedensten Teilen der Welt. So bedienen wir etwa den chinesischen Markt inzwischen überwiegend direkt aus China heraus. Wir haben gute Partnerschaften geschlossen, agieren nicht zu kommerziell und haben so die Marke gut positioniert. Zudem haben wir uns progressiv in Richtung Lifestyle entwickelt. Die Modewelt wird immer mehr „casual“ – davon profitieren wir. Sogar Bankangestellte gehen mittlerweile in weißen Sneakern zur Arbeit. Aus dieser Entwicklung haben wir die richtigen Schlüsse gezogen und haben es geschafft, Menschen für die Marke zu begeistern.

Gibt es ein Produkt aus Ihrem Unternehmen, ohne das Sie niemals das Haus verlassen? 
Nicht wirklich, aber ich habe wahrscheinlich an 99 Prozent aller Tage Adidas-Schuhe an. Ich bin kein Sammler, habe kein Lieblingsmodell. Ich bewege mich mit dem Trend und ziehe auch immer wieder unsere neuesten Entwicklungen an – wir als Führungsmannschaft repräsentieren auch immer das, was wir gerade machen. Aus der Zeit, in der ich intensiv im Fußballsegment gearbeitet habe, habe ich eine kleine Sammlung an unterschriebenen Trikots zu Hause. Da wären sicherlich manche Menschen, die Fußball gern mögen, ein bisschen neidisch. (lacht)

Sie sind viel in der Welt unterwegs. Welche Rolle spielt Bad Urach noch für Sie?
Ich lebe in Nürnberg, habe aber auch eine kleine Wohnung in Paris, bin viel in Mailand, Madrid und Athen. Trotzdem habe ich einen starken Bezug zu meinem Geburtsort Bad Urach. Zum Jahresbeginn war ich dort, der Uracher Wasserfall war gefroren. Das gehört zum Schönsten, was man sich vorstellen kann. Leider lebt meine Mutter nicht mehr, sonst hätte ich wieder Käsespätzle von ihr bekommen, die muss ich inzwischen selber machen. Aber das klappt auch ganz gut. Ich bin gerne in der Region und fühle mich dort extrem wohl. /

(Dieses Interview erschien in der WNA-Ausgabe 2+3/2026.)

Vita

Claus-Peter Mayer wurde 1967 in Bad Urach geboren. Er studierte Sportmanagement und stieg 1995 bei Adidas ein, nachdem er dort bereits während seines Studiums gejobbt hatte.

Er arbeitete im Marketing der deutschen Adidas-Tochtergesellschaft sowie in globalen Funktionen in Portland (USA).

2010 kehrte er nach Deutschland zurück und wurde Vice President Global Sports Marketing Football. 2018 wurde Claus-Peter Mayer Senior Vice President Brand für Adidas Europe.

Seit Dezember 2023 ist er General Manager und Senior Vice President für Südeuropa und verantwortet das Geschäft in 16 Ländern mit 4 regionalen Zentren in Paris, Mailand, Athen und Saragossa.