Sind Photovoltaik und Solarthermie noch sinnvoll?

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Besonders im Südwesten lohnt es sich angesichts vieler Sonnenstunden, in Solarthermie oder Photovoltaik zu investieren. Zumindest beim Strom ist das trotz sinkender Einspeisevergütung und aktuell niedriger Öl-und Gaspreise finanziell rentabel – sagt Tobias Kemmler, Leiter der Klimaschutz-Agentur im Landkreis Reutlingen gGmbH, im Interview. 

Herr Kemmler, lohnt sich denn für Privatleute eine Investition in die Solarstromerzeugung immer noch?
Tobias Kemmler: Auf jeden Fall. Wer seinen Strom mittels Photovoltaik selbst erzeugt, ist grundsätzlich unabhängiger von Strompreisschwankungen. Hinzu kommt, dass eine Solarstromanlage angesichts niedriger Zinsen eine empfehlenswerte Geldanlage ist. Auf dem Dach ist das Ersparte deutlich besser angelegt als unter der Matratze.

Gilt das auch für die Solarthermie, also der Erwärmung von Brauchwasser durch die Sonne?
Anlagen, die die Wärme der Sonne direkt umsetzen, sind inzwischen relativ günstig. Wetterbedingt kann zwar nicht die gesamte Warmwassererzeugung solarthermisch erfolgen, mit einem passend ausgelegten Speicher lässt sich jedoch ein Deckungsgrad von rund 60 Prozent erreichen.

Kann man mit solar erwärmtem Wasser auch heizen?
Ja, das ist möglich. Es gibt Kombianlagen, die auch Heizungswärme erzeugen, ihr Anteil an installierten solarthermischen Anlagen steigt. Neben einer größeren Kollektorfläche benötigen sie auch ein größeres Speichervolumen. In Deutschland gab es 2015 schon mehr als zwei Millionen Solarheizungen.

Wenn ich mir eine Solaranlage kaufen möchte: Worauf muss ich achten?
Egal, ob für die Strom- oder die Warmwassererzeugung: Zunächst sollte der Hausbesitzer oder die Hausbesitzerin die Eignung des Daches und des Hauses prüfen lassen. Dafür können sie zu uns in die kostenlose Erstberatung kommen. Wir informieren anbieterneutral. Nach einer Sichtung auf dem Papier folgt dann ein Vor-Ort-Termin, beispielsweise im Rahmen eines Gebäude-Checks.

Nehmen wir an, ich entscheide mich für eine Investition in eine dieser Anlagen. Wie finde ich einen seriösen, kompetenten Installationsbetrieb?
Am besten ist es, wenn der Betrieb Referenzen vorweisen kann. Eine Empfehlung durch Hausbesitzer, die schon eine Anlage haben installieren lassen, ist ebenfalls wertvoll. Wenn möglich, schauen Sie sich die Installation vor Ort an und sprechen Sie mit den Betreibern. Als neutrale Agentur können wir zwar keine Einzelempfehlung aussprechen, Interessierte erhalten bei uns jedoch eine Liste mit einschlägigen Fachbetrieben, die solche Arbeiten ausführen können. Entsprechende Foren im Internet bieten zum Teil weitergehende Hilfestellungen.

Bekomme ich finanzielle Unterstützung beim Kauf einer Solarthermie- oder Photovoltaikanlage?
Ja. Für die reine Warmwasserbereitung gibt es 50 Euro pro Quadratmeter Fläche, mindestens aber 500 Euro, für die Kombination mit Kühlung oder Heizung sind es 140 Euro und mindestens 2.000 Euro. Fördergeber ist das BAFA, das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle. Bei Photovoltaikanlagen heißt die Förderung Einspeisevergütung: Die erzeugte und ins Netz eingespeiste Kilowattstunde wird mit einem festen Betrag gemäß dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) vergütet; das spielt die Investitionen im Laufe der Zeit wieder herein.

Es gibt doch aber immer weniger Geld für die Einspeisung von Strom aus Privathaushalten ins Netz. Ist das nicht Augenwischerei?
Die Einspeisevergütung ist nicht mehr das wichtigste finanzielle Argument für die Photovoltaik. Selbst erzeugter Strom macht unabhängiger von den Strompreisen der Energieversorger: Auch hier liegt Sparpotential. Und je größer dieser Anteil wird, desto mehr lohnt es sich. Deshalb ist es besser, zeitweilige Stromüberschüsse zu speichern und später selbst zu verbrauchen.

Ist die Speichertechnologie denn schon ausgereift?
Neue Batterien sind deutlich leistungsfähiger als bisherige Modelle. Mit der Installation eines Solarstromspeichers lässt sich die Eigennutzungsrate von solar erzeugtem Strom mehr als verdoppeln. Und das lohnt sich, denn Sonnenenergie vom Dach kostet nur etwa halb so viel wie Strom vom Versorger.

Wie viel Geld muss ich in einen Batteriespeicher investieren?
Wer sich einen Solarstromspeicher zulegt, erhält bis Ende 2016 20 Prozent Zuschuss von der Bundesregierung. Da die Förderrate danach halbjährlich geringer wird, lohnt es sich, schnell zuzugreifen. Die Preise für die Geräte sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken. Sie liegen für Privathaushalte aktuell zwischen etwa 5.000 Euro und 15.000 Euro, je nach Leistung und Speichertechnologie.

Welche Nachteile haben Solarstromspeicher?
Ich kann Ihnen keine nennen. Im Gegenteil: Wer sich eine solche Batterie zulegt, trägt dazu bei, Spitzen im Stromnetz abzubauen. Dies wiederum schlägt sich positiv auf die Strompreise nieder – zumindest sollte es das.

Böse Zungen behaupten, dass die Herstellung von Photovoltaikelementen mehr Strom verbraucht, als diese nachher erzeugen können. Stimmt das?
Nein, das ist nicht richtig. Die Paneele amortisieren sich nach aktuellem Stand energetisch in rund drei bis vier Jahren. Bei guter Pflege leben sie etwa 20 Jahre: Das ist genug Zeit, um entsprechenden Gewinn zu machen.

Sie geben das nächste Stichwort: Pflege der Anlage. Wie sieht es mit der Höhe der Wartungskosten aus? Solaranlagen sind auf dem Dach ja jeder Witterung ausgesetzt.
Einmal jährlich sollten Besitzer und Besitzerinnen ihre Solarthermie- oder Photovoltaikanlage durch einen Fachbetrieb warten lassen. Empfehlenswert ist es, mit dem Installationsbetrieb einen Wartungsvertrag abzuschließen. So kann die Anlage optimal funktionieren und die erwarteten Erträge bringen. Da dies die Lebenszeit der Anlage in der Regel verlängert, ist dieses Geld gut angelegt.

Gilt das nur für Photovoltaik oder auch für die Solarthermie?
Das gilt für beide Anlagen. Ebenfalls für beide Anlagenarten gilt, dass die Betreiberin oder der Betreiber zur Kontrolle einen Strom- bzw. einen Wärmemengenzähler installieren und regelmäßig – wir empfehlen: monatlich – die erzeugte Energiemenge ablesen sollte. Die Ergebnisse sollte er oder sie mit den Planungswerten vergleichen und in ihrem Verlauf verfolgen. So lassen sich Abweichungen rechtzeitig erkennen.

Kann ich Solaranlagen auch beim EWärmeG geltend machen?
Ja – und das ist ein weiteres Argument, das für diese Anlagen spricht. Wer in Baden-Württemberg lebt und seine veraltete Heizungsanlage austauschen will oder muss, muss nachher mindestens 15 Prozent der Wärmeenergie aus erneuerbaren Quellen beziehen. Dies besagt das EWärmeG, das Erneuerbare-Wärme-Gesetz Baden-Württemberg. Solarthermie und Photovoltaik zählen zu den Erfüllungsoptionen. Mit der Installation dieser Anlagen schlagen Hauseigentümer also zwei Fliegen mit einer Klappe.

Gibt es noch weitere Gründe, die für die Sonnenenergie sprechen?
Ich persönlich freue mich über jeden Liter Duschwasser, den die Sonne erwärmt hat. Auch selbst erzeugter, umweltfreundlicher Strom ist etwas Besonderes, da er unmittelbar keine klimaschädlichen Gase verursacht und ich genau weiß, woher er kommt. Auch wenn meine private Anlage nur ein kleiner Beitrag zu sein scheint: Viele Puzzleteile setzen das Bild „Klimaschutz“ zusammen. Eines Tages wird es keine Energiegewinnung aus fossilen Quellen mehr geben. Wer jetzt schon einen großen oder kleinen Schritt dahin geht, ist frühzeitig auf der sicheren Seite.

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