Corona und die Folgen

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Auch wenn die Wirtschaft langsam wieder anläuft: Die Auswirkungen des Coronavirus stellen gerade Einpersonen- und Kleinunternehmerinnen und -unternehmer vor existenzielle Herausforderungen. Was sind momentan ihre größten Probleme? WNA hat sich umgehört.


Olaf Müller,

Impuls Sprachentraining, Pfullingen
Branche: Sprachentraining

"Wir bieten Fremdsprachentraining für Firmen an. Unser normales Arbeitsvolumen beträgt rund 100 bis 120 Kurse à 90 Minuten pro Woche. Unsere Kunden liegen im Umkreis von bis 50 Kilometer von Reutlingen entfernt. Wir sind drei Gesellschafter in der GbR und beschäftigen – je nach Auftragslage – fünf bis zehn Freiberufler. Unser Umsatz liegt in guten Monaten so bei 30.000 bis 40.000 Euro.

Seit Mitte März haben wir einen Umsatzeinbruch von circa 85 bis 90 Prozent. Die Landesverordnung vom 16. März hat unsere Bildungsstätte geschlossen. Wir versuchen händeringend auf Skype oder ähnliches umzustellen. Das gelingt jedoch nur ansatzweise bei den Einzeltrainings. Gruppenkurse sind zur Zeit so gut wie nicht zu leisten. Unsere Fixkosten sind zum Glück nicht so hoch wie bei vielen anderen Betroffenen. Wir bezahlen unseren Freiberuflern momentan auch kein Honorar mehr.

Das kommende Maßnahmenpaket für Selbständige und Kleinunternehmer halte ich für völlig unzureichend und im Kern geht es auch an den Nöten der Menschen in den Kleinunternehmen vorbei. Die Aufnahme von Krediten ist für viele mit Sicherheit kein gehbarer Weg. Diese müssen zum einen zurückbezahlt werden. Wovon? Zum anderen machen da die Banken nicht bedingungslos mit, auch wenn sich nun über die KfW etwas tut. Einmalzahlungen von ein paar Tausend Euro sind für viele ein Tropfen auf den heißen Stein, davon lassen sich nicht einmal ansatzweise Fixkosten – geschweige denn Entlohnung der betroffenen Personen – bezahlen.

Während Beamte zu 100 Prozent weiter bezahlt werden und Arbeitnehmer wenigstens Kurzarbeitergeld in Höhe von 60 bis 67 Prozent ihres Nettogehalts bekommen, erhalten wir so gut wie nichts. Im Prinzip liegen die Maßnahmen, die uns direkt und konkret helfen würden, auf der Hand:

  • Es muss eine Art Kurzarbeitergeld für Selbständige geschaffen werden, ansonsten gehen die Leute in die Insolvenz und stehen perspektivisch vor dem finanziellen Abgrund.
  • Die Besteuerung für Personengesellschaften muss für dieses Jahr geändert werden Hier benötigen wir mehr als Stundungen. Die müssen wie Kredite zurückbezahlt werden.
  • Wir benötigen eine steuerliche Flexibilität wie etwa das GmbH-Modell, in dem nicht ausbezahlte Gewinne in der Firma bleiben können und erst bei Auszahlung versteuert werden müssen. Zusätzlich benötigen wir höhere Freibeträge, um die Steuerlast so gut wie möglich zu senken.
  • Auch eine Beteiligung an den privaten und/oder gesetzlichen Krankenversicherungskosten, die wir Selbständige im Gegensatz zu Arbeitnehmern zu 100 Przent tragen, wäre eine sehr konkrete Hilfe.

Es gibt sicherlich noch viele weitere sinnvolle Maßnahmen. Diese sollten gesammelt  und in den politischen Entscheidungsfindungsprozess eingebracht werden."


Josefine Zunzer,
Coole Klamotte, Balingen

Branche: Einzelhandel

"Als ich am 18. März mein Geschäft schließen musste, war alles so unfassbar. Tausend Gedanken beschäftigen mich seither: meine Angestellten, Kollektionen, der Umsatz, meine gesamte Existenz. Über Social Media habe ich versucht, den Kontakt zu meinen Kunden zu halten, habe Versand, Lieferservice und Abholung an der Tür möglich gemacht, um das Geschäft irgendwie am Laufen zu halten. Es waren so  viele bürokratische Hürden, die gemeistert werden mussten.

Auch für mein Unternehmen herrscht Existenzangst. Obwohl ich das alles wahrnehme und mich bemühe, ist mein Geschäft gefährdet. März und April sind die umsatzreichsten Monate im Jahr - ein finanziell nicht ausgleichbarer Verlust trotz Unterstützung der L-Bank und Kurzarbeit. Ich schaue achtsam, wo die außergewöhnliche Situation mich und meine Angestellte hinführt.

Das Unternehmen habe ich alleine aufgebaut, im Sommer steht das zehnjährige Jubiläum an. Ob und wie es weitergeht? Ich weiß es nicht."


Wolfgang Belser,
Injoy, Balingen
Branche: Fitnessstudio

"Schon vor Corona gehörten Online-Kurse zu unserem Portfolio. Jetzt ist es die einzige Leistung, die wir für unsere Mitglieder erbringen können. Die meisten zeigen sich solidarisch und bezahlen ihren Beitrag auch während der Schließung weiter. Im Gegenzug bieten wir diverse Gutschriften und Gutscheine an, die sie später nutzen können. Die Einbußen sind enorm, auch weil wir keinen weiteren Umsatz mit Getränken oder über den Shop haben. Von der KfW haben wir eine Kreditzusage, die Soforthilfe steht noch aus, sie würde aber nur zwei Wochen reichen."


Anette Ganter,
LOGO! dasKreativbüro, Albstadt
Branche: Werbeagentur

"Corona verändert jetzt sehr viele Lebensbereiche und Bedürfnisse. Wir müssen uns anpassen, umdenken, flexibel sein. Und es braucht es kreative Lösungen. Als Full-Service-Werbeagentur haben wir das Glück, einige größere Projekte auf dem Tisch zu haben und sie jetzt "in Ruhe" bearbeiten zu können. Erkenntnisse aus der aktuellen Lage möchten wir dabei möglichst gleich mit einbeziehen. Parallel dazu entwickeln wir neue Konzepte für unsere Kunden. Seit dem Shutdown fehlen allerdings auch neue, längerfristige Aufträge – da ist die Überbrückungs-Soforthilfe eine wertvolle Maßnahme.

Außerdem haben wir 2017 eine Eigenmarke mit Produkten und Souvenirs aus unserer Heimat(-Stadt) gegründet. In unserem dazu gehörenden Ladengeschäft überbrücken wir die ungewohnte Situation durch Lieferservice, Päckchenversand sowie kreative Geschenkideen - kommuniziert über unsere Webseite albstadtliebe.de und diverse Social-Media-Kanäle. Es ist eine ungewohnte, herausfordernde Zeit. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass es mit positiver und flexibler Einstellung immer irgendwie weitergeht."


Heiko Steiner,
Steinerplus GmbH, Pfullingen
Branche: Messebau

"Anfang März waren wir eine der ersten Branchen, die der Shutdown getroffen hat – und sind sicher noch am längsten davon betroffen. Denn wenn der Einzelhandel und die Gastronomie längst wieder öffnen dürfen, werden Großveranstaltungen wie Messen weiterhin untersagt sein. Wir haben Lösungen für uns gefunden mit der Situation umzugehen: Im Moment ergeben sich Aufträge in unserem Segment gewerbliche Inneneinrichtung wie Ladenbau und Objekt Design. Das hält uns über Wasser, ist aber nicht kostendeckend. Obwohl wir mindestens ein halbes Jahr kein Kerngeschäft haben werden, bereiten wir uns aktiv auf den Tag X vor. Das kostet momentan richtig Geld, weil ich nicht hundert Prozent auf Kurzarbeit setze. Gleichzeitig versuche ich, dass wir hier als Team durch die Krise kommen.

Für den Herbst haben wir bereits Anfragen von Neukunden. Sollten Messen dann wieder erlaubt sein, kommen wir mit zwei blauen Augen durch die Krise. Von den großen Versprechungen der Politik fühle ich mich etwas im Stich gelassen, vor allem aber von meiner Hausbank, einer Großbank, die sich trotz 20-jähriger Zusammenarbeit und guten Geschäftsjahren die letzten Jahre nicht besonders kooperativ zeigt. Ganz anders die örtliche KSK. In dieser Zeit zeigt sich einfach, auf wen man sich verlassen kann, sei es im privaten oder im Geschäftsleben."


Barbara Muschler,
Muschler Mode & More, Mössingen
Branche: Einzelhandel

"Es gibt nun eine Zäsur zwischen der Zeit vor der Pandemie und der Zeit danach. Die Ängste und Sorgen aller Unternehmen, ob klein oder groß, lässt manche in einem Vakuum zurück. Der Unternehmermut, der uns alle irgendwann einmal dazu motiviert hat, lässt den einen oder anderen in einem Vakuum zurück. Vieles wird durch staatliche Hilfen abgefedert, aber die existenzielle Zukunftsfrage stellen wir uns trotzdem. Ich werde Vorbestellungen und Frühjahrsware drastisch reduzieren müssen und versuche, eine Mietminderung auszuhandeln. Wir müssen geduldig abwarten, wie der Kunde reagiert. Und dann agieren.

Wie groß der Einfluss der Corona-Krise auf die Wirtschaft, auf Prozessveränderungen und unser alltägliches Leben sein wird, weiß niemand. Durch die Schließung der meisten Betriebe, der Gastronomie und es Einzelhandels herrscht Stillstand. Plötzlich ist nichts mehr so wie es war."


Dieter Wetzel,
Hotel Schwanen, Metzingen
Branche: Hotellerie und Gastronomie

"Die Lage ist gelinde gesagt katastrophal. Erst hingen wir in der Luft, weil wir 55 Festangestellte haben und es für diesen Fall keinerlei Liquiditätshilfen gab. Nun müssen wir uns neu verschulden und Kredite aufnehmen, die wir bei relativ kurzer Laufzeit verzinst zurückzahlen müssen. Das hat mit Wirtschaftsförderung nichts zu tun, sondern eher mit einer Bestrafung, obwohl wir dazu beitragen, dass sich der Virus langsamer ausbreitet. Alle laufenden Rechnungen sind momentan gestundet. Aber wenn wir wieder öffnen dürfen, müssen diese auch bezahlt werden. Und sie können davon ausgehen, dass man uns nicht sofort das Hotel einrennen wird. Die Kontaktangst wird uns lange verfolgen.

Wir sind in einer absoluten Rezession. Aktuell haben wir ein Umsatz-Minus von 500.000 Euro. Im Vergleich zur Handelsware gilt bei uns: Das Zimmer, das ich heute nicht verkaufe, verkaufe ich nicht mehr zu einem späteren Zeitpunkt."


Claudia Leuze,
Hotel La Casa, Tübingen

Branche: Hotellerie und Gastronomie

"Was Ende Februar noch als schleichender Stornierungsprozess vorrangig internationaler Gäste begann, häufte sich seit Bekanntwerden der gesamten Corona-Dimension auch bei uns in minütlichen Stornierungen inländischer Buchungen. Damit stieg auch die Mitarbeiterfrustration. Diese Situation macht etwas mit uns, es verändert das Verhalten von Menschen. Wir sehen aktuell kein Ende des Tunnels, auch wenn inzwischen einige Betriebe wieder öffnen können. Die Verunsicherung wird spürbar und lange nachwirken, erst recht wenn Firmen sparsam wirtschaften müssen.

Angst sitzt immer tief und ist nachhaltiger als positive Erlebnisse. Damit werden Gäste im großem Umfang noch lange ausbleiben - langfristig eine Kathastrophe für unsere Branche, die diese Branche tief bis ins Mark trifft. Welcher Betrieb bucht in nächster Zeit noch eine Tagung? Business relations findet auf Skype oder Webinaren eine Plattform. Internationale und nationale Gäste buchen nicht mehr Hotels im selben Umfang wie zuvor. Die Verunsicherung bleibt auch wenn Reisen wieder möglch sein wird. Sich zukünftig mit Freundenzu treffen und gemeinsam zu essen bietet für viele zu Hause mehr Sicherheitals als mit Maske, hygienisch einwandfreien Trennwänden und Abstandregelung im Restaurant. Diese Krise verändert mehr als wir uns im Moment vorstellen können."


Volker Heck,
Canadian Husky Wander- und Reiseausrüstung, Reutlingen
Branche: Einzelhandel

"Wir haben voll auf die stationäre Schiene gesetzt und das hat bisher auch gut funktioniert. Seit Mitte März haben wir null Einnahmen, die vier Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, die Monatsmiete ist gestundet. Es wird schwer, schnell auf alte Umsätze zu kommen. Daran wird der Webshop, den ich jetzt einrichte, vermutlich wenig ändern. Die Lieferanten nehmen keine Stornierungen an. Ich kann die Ware nur einlagern, aber momentan nicht bezahlen. Ich denke, wir kommen nur durch die Krise, wenn alle mitspielen, Abstriche machen und einander entgegenkommen."


Alexander Wütz,
Querfeldeinsport, Tübingen
Branche: Sportagentur

"Wer übernimmt in der Politik die Verantwortung dafür, dass Sportveranstaltungen wieder sicher sind und durchgeführt werden? Als Marketingberater im Sportsponsoring ist mir der Kern meines Geschäfts bis dahin untersagt. Man kann Sportevents digital verlängern – die physische Veranstaltung ist dennoch ein Hauptbestandteil. Für mich bedeutet das, dass viele Projekte, die schon vor der Unterschrift standen, auf nicht absehbare Zeit auf Eis gelegt sind. Obwohl ich kein eigentliches Kerngeschäft habe, telefoniere ich so viel wie noch nie. Über eine Facebook-Gruppe für Selbständige und Kleinunternehmer, die ich gegründet habe, versuchen wir uns mit Infos zu unterstützen, solidarische Hilfen zu organisieren, aber auch als politische Stimme zu sprechen.

Wir Soloselbständige müssen uns viel stärker als Lobby organisieren, damit unsere Belange überhaupt gehört werden. Helfen würde uns vor allem, wenn die Rückerstattungen zu viel geleisteter Vorauszahlungen schneller ausbezahlt würden. Das ist schließlich unser eigenes Geld. Da es bei einigen um mittlere fünfstellige Beträge geht, wäre das unbürokratischste Liquiditätshilfe. Wobei weitere Hilfsprogramme folgen müssen, wenn Veranstaltungen jetzt bis Ende August untersagt bleiben."


Ralph Gilg,
Hotel Leda, Haigerloch
Branche: Hotellerie und Gastronomie

"Bisher haben wir zu 90 Prozent von Geschäftsreisenden gelebt. Das ist wohl für die nächsten Jahre vorbei. Wenn der Betrieb wieder erlaubt ist, werden wir verstärkt versuchen, ganz normale Urlauber anzusprechen. Vielleicht ist ein Urlaub auf der Schwäbischen Alb nach Corona wieder eine Alternative. Dafür wäre wichtig, bei der Hotellerie die Provisionen der Buchungsportale auf fünf Prozent zu deckeln und in der Gastronomie die Mehrwerteuer auf sieben Prozent zu senken. Man muss jetzt kleine Betriebe fördern und das Steuersystem entsprechend reformieren."