"Es können Arbeitsplätze wegfallen"

Prof. Bernhard Boockmann, Arbeitsmarktexperte am Tübinger Institut für angewandte Wirtschaftsforschung, spricht im Interview über die Gründe für die momentane Rekordbeschäftigung und die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt.

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Bernhard Boockmann, Arbeitsmarktexperte am Tübinger Institut für angewandte WirtschaftsforschungFoto: PR

Herr Prof. Boockmann, was sind die Gründe für die momentane Rekordbeschäftigung in Neckar-Alb?
Ich denke, dass die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft eine wichtige Ursache für den Beschäftigungszuwachs ist. Wir können das zum Beispiel an der Entwicklung der Lohnstückkosten ablesen. Darunter versteht man die auf eine bestimmte Leistungseinheit entfallenden Arbeitskosten, also die personalbezogenen Herstellkosten pro produziertem Stück. Diese Lohnstückkosten sind in den letzten 15 Jahren merklich gesunken – in Baden-Württemberg sogar noch stärker als im Bund. Unterm Strich bedeutet das, dass die deutschen Unternehmen günstiger produzieren als ihre Wettbewerber in anderen Ländern. Folglich können sie ihr Waren- oder Dienstleistungsangebot verstärkt absetzen und es wird deshalb mehr Personal benötigt.  

Was haben wir in Deutschland anders gemacht als andere Länder?
Wir haben in jüngerer Vergangenheit viele institutionelle Änderungen im Bereich der Arbeitsmarktpolitik erlebt, denken Sie etwa an die Hartz-Gesetze oder andere Arbeitsmarktreformen. Sicher lässt sich der kontinuierliche Beschäftigungsaufbau nicht monokausal auf eine einzige Ursache zurückführen, es spricht jedoch viel dafür, dass diese Arbeitsmarktreformen bei aller Kritik – mittelbar und unmittelbar – zur guten Beschäftigungslage beigetragen haben und immer noch beitragen.

Wer profitiert vom Stellenboom?
Zunächst einmal Berufseinsteiger. Sie haben es im Vergleich zu früheren Zeitpunkten leichter, eine Stelle zu finden. Aber auch Kurzzeitarbeitslose profitieren: Wer arbeitslos wird, hat gute Chancen, relativ zügig eine neue Stelle zu finden. Eine Gruppe, die leider noch nicht vom Stellenboom profitiert, ist hingegen die Gruppe der Langzeitarbeitslosen. Bei der Integration dieser Gruppe in den Arbeitsmarkt beobachten wir bislang leider keine allzu großen Fortschritte, es sind deutschlandweit immer noch über eine Million Personen.

Ist die Digitalisierung eher eine Chance oder eher ein Risiko für den Arbeitsmarkt?
Die Digitalisierung ist insofern eine Chance für den Arbeitsmarkt, als dass sie uns neue Tätigkeitsfelder eröffnet. Gleichzeitig ist aber auch nicht von der Hand zu weisen, dass sie einen Strukturwandel einleitet, der für einzelne Beschäftigte zum Problem werden kann. Es gibt Studien, die einen Zusammenhang zwischen dem technologischen Fortschritt – beispielsweise festgemacht am Einsatz von Industrierobotern – und dem Verlust von Arbeitsplätzen nachweisen. Durch die Digitalisierung können also Arbeitsplätze oder vielleicht sogar ganze Berufsbilder, wie wir sie heute kennen, wegfallen. Wichtig ist, dass anstelle der wegfallenden Arbeitsplätze neue, den Erfordernissen der Digitalisierung angepasste Arbeitsplätze entstehen. Denn eins steht fest: Wir kommen an der Digitalisierung nicht vorbei.

"Wir kommen an der Digitalisierung der Arbeitswelt nicht vorbei." (Bernhard Boockmann)

Eine amerikanische Studie der Wissenschaftler Frey und Osborne kommt zu dem Ergebnis, dass mehr als die Hälfte der heute bestehenden Arbeitsplätze in den nächsten 20 Jahren verschwinden könnte. Ihre Einschätzung?
Ich empfinde die Schlussfolgerungen der Studie als zu dramatisch. Zumal man hinzufügen muss: Frey und Osborne beschäftigen sich mit dem Einsparungspotenzial, nicht mit tatsächlichen Einsparungen. Und ob das alles in dem Ausmaß kommt, wie es die beiden Forscher prognostizieren, darüber besteht in der Wissenschaft durchaus Uneinigkeit. Es gibt auch Studien, die zu weitaus weniger dramatischen Einschätzungen gelangen. Damit uns die Folgen des technologischen Wandels nicht vollkommen kalt erwischen, halte ich es ohnehin für wichtiger, sich Gedanken darüber zu machen, welche Berufe ein besonders hohes Risiko aufweisen, im Zuge der Digitalisierung zu verschwinden. 

Welche Berufe könnten das sein? 
In erster Linie vermutlich Fertigungsberufe. Das sind die Berufe, bei denen Menschen am einfachsten durch Industrieroboter und computergesteuerte Maschinen ersetzt werden können. Aber auch bei Büroberufen und bei kaufmännischen Dienstleistungsberufen sind noch erhebliche Rationalisierungspotenziale vorhanden. Andererseits gibt es aber natürlich auch viele Berufsbilder, die vom technologischen Wandel profitieren und bei denen ein weiterer Beschäftigungsaufbau höchst wahrscheinlich ist.

Welche zum Beispiel?
Zum Beispiel die ganzen IT-Berufe. Ich bin sicher, in diesem Bereich werden nicht nur Hochqualifizierte, sondern auch beruflich Qualifizierte ohne Abitur beste Berufschancen haben, zum Beispiel als IT-Systemkaufmann. Generell ist ja der Dienstleistungsbereich jener Wirtschaftszweig, in dem die Beschäftigung in den vergangenen zehn Jahren besonders stark zugenommen hat – und dieser Trend wird sich mit Sicherheit fortsetzen. 

"Der Fachkräftebedarf wird in den kommenden Jahren steigen." (Bernhard Boockmann)

Viele Firmen wollen zusätzliche Mitarbeiter einstellen, finden aber das passende Personal nicht. Wie wird sich das Problem des Fachkräftemangels Ihrer Meinung nach entwickeln?
Man muss differenzieren: Wir haben auf der einen Seite den Markt der beruflich ausgebildeten Fachkräfte – also derer, die eine duale Ausbildung durchlaufen haben und die dann Meister oder Techniker geworden sind. Auf der anderen Seite gibt es das Segment der Hochschulabsolventen. Und in beiden Bereichen wird der Fachkräftebedarf in den kommenden Jahren steigen.

Warum?
Betrachten wir zunächst die Hochschulabsolventen. Sie werden für neue, im Zuge der Digitalisierung entstehende hochspezialisierte Tätigkeiten benötigt, bei denen der Arbeitnehmer ein möglichst breites Spektrum an Fähigkeiten und Kenntnissen mitbringen muss. Hochschulabsolventen bringen diese Fähigkeiten und Kenntnisse mit und verfügen darüber hinaus in der Regel über die Fähigkeit, sich schnell in neue Zusammenhänge einzuarbeiten. Es gibt allerdings Anzeichen dafür, dass der Mangel an Fachkräften, die eine duale Ausbildung durchlaufen haben, sogar noch größer sein wird.

Warum ist das so?
Immer mehr Schulabgängerinnen und Schulabgänger absolvieren ein Hochschulstudium und entscheiden sich gegen die duale Ausbildung. Wenn diese Entwicklung anhält, könnte sie für die Unternehmen zu einem großen Problem werden. Für die Firmen kommt es deshalb darauf an, Ausbildungsberufe noch attraktiver zu machen und noch stärker herauszustellen, dass Leute, die eine duale Ausbildung durchlaufen, ebenfalls hervorragende Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben – zumal die Option auf ein Studium nach der Ausbildung eine besonders interessante Perspektive bietet.

Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist aktuell auf einem Höchststand. Hat eigentlich auch die Zahl der atypischen Arbeitsverhältnisse zugenommen?
In der langfristigen Betrachtung hat die Bedeutung atypischer Arbeit zugenommen, aber wenn wir uns den aktuellen Beschäftigungszuwachs anschauen, ist bei der atypischen Arbeit nur wenig Dynamik zu erkennen, zum Beispiel bei den Mini-Jobs. Ihre Zahl ist seit der Einführung des Mindestlohns im Jahr 2015 sogar eher rückläufig. Deutschlandweit hat die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in den letzten zehn Jahren um ungefähr fünf Millionen Beschäftigte zugenommen.

Geht der Beschäftigungsaufbau jetzt immer so weiter?
Irgendwann haben wir das Arbeitskräftepotenzial natürlich ausgeschöpft, sodass sich die Erwerbsbeteiligung nicht weiter steigern lässt. Beliebig fortsetzen lässt sich der Beschäftigungsaufbau also nicht. Umgekehrt sehe ich jedoch auch keine Anzeichen für eine gegenläufige Entwicklung.