Kein Ende in Sicht

Wilhelm Schreyeck und Georg Link, die Vorsitzenden der Arbeitsagenturen Reutlingen und Balingen, werfen im Interview einen detaillierten Blick auf den aktuellen Stellenboom in Neckar-Alb – und machen bei aller Euphorie deutlich: Ein Selbstläufer ist er nicht.

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Haben den regionalen Arbeitsmarkt im Blick: Wilhelm Schreyeck (r.) und Georg Link

Herr Schreyeck, Herr Link, der Arbeitsmarkt in Baden-Württemberg boomt, noch nie war die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten so hoch wie heute. Wie sieht die Situation in Neckar-Alb aus?
Schreyeck: Auch in den Landkreisen Reutlingen und Tübingen erleben wir derzeit eine Rekordbeschäftigung. Dabei gibt es jedoch Unterschiede zwischen den beiden Landkreisen.

Welche?
Schreyeck: Im Landkreis Tübingen hat die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zwischen 2005 und 2016 mit einem Plus von 19,6 Prozent wesentlich stärker zugenommen als im Landkreis Reutlingen, wo wir ein Plus von 14 Prozent verzeichnet haben. Der Landkreis Tübingen liegt damit auch deutlich über dem baden-württembergischen Landesschnitt von 16 Prozent, der Landkreis Reutlingen leicht darunter.

Link: Im Zollernalbkreis hatten wir im selben Zeitraum einen Zuwachs von 12 Prozent. Wir beobachten eine sehr hohe Einstellungsbereitschaft bei den Unternehmen, der Stellenzugang ist so hoch wie seit vielen Jahren nicht mehr. Wir haben 2016 in dieser Hinsicht selbst das Nachkrisenjahr 2011 noch einmal übertroffen. Gleichzeitig befindet sich die Arbeitslosigkeit auf dem niedrigsten Stand seit fast 25 Jahren.

Wie würden Sie den Stellenboom in Neckar-Alb charakterisieren?
Link: Besonders hervorheben würde ich vor allem die Tatsache, dass sich der Stellenzuwachs in allen drei Landkreisen nicht nur auf einzelne Bereiche beschränkt, sondern im Grunde in sämtlichen Branchen seinen Niederschlag findet.

Gibt es dennoch auch Branchen, in denen vom Stellenboom nur wenig zu spüren ist?
Link: Eine solche Branche ist uns tatsächlich in allen drei Landkreisen aufgefallen: der Bereich der Finanzdienstleistungen. Die Gründe hierfür sind bekannt: Die Filialnetze der Banken werden ausgedünnt, das Geschäft verlagert sich immer mehr in Richtung Onlinebanking und es wird folglich nicht mehr so viel Personal benötigt wie noch vor einigen Jahren.

Schreyeck: Deshalb ist der Bereich der Finanzdienstleistungen auch die einzige Branche, in der nach unseren Prognosen – sofern sich die aktuelle geopolitische und wirtschaftliche Situation nicht deutlich verändert – die Beschäftigtenzahl auch mittelfristig tendenziell bestenfalls stagnieren oder sogar weiter zurückgehen wird.

"Der Stellenboom bietet vor allem Chancen für die Gutqualifizierten." (Wilhelm Schreyeck)

In welchen Branchen gibt es momentan die meisten freien Stellen?
Schreyeck: Sowohl im Landkreis Reutlingen als auch im Landkreis Tübingen sind die meisten freien Stellen derzeit im Bereich der Rohstoffgewinnung, -produktion und -fertigung sowie im Handwerk gemeldet. Im Landkreis Reutlingen folgt auf Platz zwei der Bereich kaufmännische Dienstleistungen/Handel, im Landkreis Tübingen hingegen der Bereich Gesundheit/Soziales. Auch im Bereich Verkehr/Logistik und im wissenschaftlichen Bereich gibt es in beiden Landkreisen derzeit viele offene Stellen. Rund 80 Prozent aller freien Stellen in den beiden Landkreisen sind für Fachkräfte (Meister bzw. Techniker), Spezialisten oder Experten (in der Regel Akademiker). Der Stellenboom bietet also vor allem Chancen für die Gutqualifizierten.

Link: Im Zollernalbkreis gibt es schwerpunktmäßig in der metallverarbeitenden Industrie viele freie Stellen, vor allem für Fachkräfte in gehobener Stellung. Auch in den Bereichen Handwerk, Lebensmittel, IT und Elektro ist die Nachfrage der Unternehmen sehr hoch. In diesen Bereichen tun wir uns zunehmend schwerer, die freien Stellen schnell zu besetzen.

Wilhelm Schreyeck, geboren in Meßstetten, ist seit Juli 2013 Leiter der Agentur für Arbeit Reutlingen. Sie ist die zuständige Arbeitsagentur für die Landkreise Reutlingen und Tübingen. Zuvor stand der 61-Jährige an der Spitze der Arbeitsagenturen in Konstanz und Lörrach.

Der Beschäftigungsaufbau in Neckar-Alb hält nun schon einige Jahre an. Geht es jetzt immer so weiter?
Link: Prognosen sind immer schwierig, im Moment sehen wir aber tatsächlich kein Ende dieses Trends. Da sich Märkte zyklisch entwickeln, ist aber natürlich auch klar, dass irgendwann zwangsläufig der Zeitpunkt kommen wird, an dem die positive Entwicklung wieder nachlässt. Ich denke jedoch, die regionale Wirtschaft hat aus der Krise 2009/2010 gelernt, ist schlagkräftig und wäre auch auf einen solchen Fall vorbereitet.  

Schreyeck: In unserer Einschätzung der regionalen Beschäftigungsentwicklung für die nähere Zukunft bis Ende 2018 gehen wir davon aus, dass es in allen drei Landkreisen von Neckar-Alb in sämtlichen wichtigen Branchen einen weiteren Stellenzuwachs geben wird. Ausnahme: die bereits erwähnten Finanzdienstleistungen.  

Viel diskutiert wird die Frage, wie sich die Arbeitswelt im Zuge des technologischen Wandels verändern wird. Lässt sich abschätzen, wie sich die Digitalisierung konkret auf den Arbeitsmarkt in Neckar-Alb auswirken wird?
Schreyeck: Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit hat dazu kürzlich eine sehr interessante Studie veröffentlicht. Darin sind detailliert für die einzelnen baden-württembergischen Landkreise die möglichen Folgen der Digitalisierung für den regionalen Arbeitsmarkt dargestellt. Die Kernfrage: Wie viel Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in den einzelnen Landkreisen könnten durch Computer oder computergesteuerte Maschinen ersetzt werden? 

"In den Landkreisen Reutlingen und Zollernalb könnten mehr Arbeitsplätze wegfallen als im Landkreis Tübingen." (Georg Link)

Zu welchen Ergebnissen kommt die Studie?
Schreyeck: Für Neckar-Alb kommt sie zu dem Ergebnis, dass der Anteil der Beschäftigungsverhältnisse, die mit einem sehr hohen Substituierbarkeitspotenzial von über 70 Prozent konfrontiert sind, in den Landkreisen Reutlingen und Zollernalb deutlich über dem baden-württembergischen Landesschnitt liegt. Im Landkreis Tübingen liegt der Anteil leicht darunter. Folgt man den Ergebnissen der Studie, könnten in den Landkreisen Reutlingen und Zollernalb im Zuge der Digitalisierung also deutlich mehr Arbeitsplätze wegfallen als im Landkreis Tübingen.

Warum ist das so?
Link: Die Unterschiede lassen sich durch die jeweilige Wirtschaftszweigstruktur der Landkreise erklären. In den Landkreisen Reutlingen und Zollernalb dominieren das verarbeitende Gewerbe und damit Produktionsberufe. In diesen Berufen lassen sich Menschen in der Regel leichter durch Maschinen ersetzen als etwa in Dienstleistungsberufen, die im Landkreis Tübingen den stärksten Wirtschaftszweig bilden. Andererseits entstehen durch die Digitalisierung aber auch wieder neue Beschäftigungsmöglichkeiten.

Schreyeck: Die Herausforderung ist, für jeden Landkreis eine passende Strategie zu finden, um Arbeitsplätze in Zeiten der Digitalisierung dauerhaft zu sichern. Das betrifft etwa auch Fragen der Berufsausbildung und der Weitebildung. Uns allen muss klar sein: Die Unternehmen, die Arbeitnehmer, wir als Arbeitsagenturen, wir alle müssen uns angesichts des technologischen Wandels weiterentwickeln. Ein Selbstläufer ist und bleibt der Stellenboom nicht.   

Was bedeutet die Digitalisierung der Arbeitswelt für die Arbeit der Arbeitsagenturen?
Schreyeck: Wir machen uns bereits seit geraumer Zeit Gedanken darüber, wie wir unser Aufgabenportfolio verändern müssen, um die Entwicklungen in Sachen Digitalisierung adäquat begleiten zu können. Eine unserer zentralen Überlegungen dabei: Es reicht nicht mehr aus, dass Erwerbspersonen lediglich zu Beginn ihres Erwerbslebens oder im Falle der Arbeitslosigkeit eine Beratung durch uns erhalten. Die Anforderungen an uns verändern sich, damit gleichzeitig die Arbeitsinhalte. Also müssen wir uns so aufstellen, dass eine lebensbegleitende berufliche Beratung erfolgen kann. In diesem Bereich sehen wir für die nächsten Jahre ein sehr wichtiges Handlungsfeld.

Link: Bei der Betreuung der Arbeitslosen liegt unser Schwerpunkt schon heute mehr und mehr darauf, jene Menschen, die im Moment noch nicht von der positiven Stellenentwicklung profitieren, fit für den Arbeitsmarkt zu machen – zum Beispiel mit Qualifizierungsmaßnahmen oder Coachings. Wir verfügen auf diesem Gebiet über ein breites Angebot an Maßnahmen und setzen hier auch sehr viel Personal ein.

Schreyeck: Und können feststellen, dass sich diese intensive Betreuung am Ende tatsächlich auszahlt. Wir erzielen damit bessere Integrationsergebnisse in den Arbeitsmarkt.

Was können die Unternehmen tun, damit ihre Mitarbeiter bei der Digitalisierung mitgenommen werden?
Schreyeck: Ganz entscheidend ist die gute Ausbildung und Qualifizierung der Mitarbeiter! Es geht darum, dass Arbeitnehmer die Kompetenzen besitzen, die im Zuge des technologischen Wandels nachgefragt werden. Den Arbeitnehmern müssen also von Seiten der Unternehmen Möglichkeiten gegeben werden, ihre Kompetenzen zu erhalten und zu erweitern. Ihnen müssen Kompetenzen vermittelt werden, die ihnen helfen, sich den sich verändernden Bedingungen anzupassen. In diesem Zusammenhang sollten Unternehmen auch darüber nachdenken, wie sie Zeiten mit weniger Aufträgen nutzen können, um mit Weiterbildungsmaßnahmen in ihre Mitarbeiter zu investieren. Während der Weltwirtschaftskrise 2009/2010 hat das bei vielen Firmen gut geklappt.

Link: Ich denke, die Unternehmen müssen sich in Zukunft auch noch wesentlicher intensiver als in der Vergangenheit mit ihrem mittel- bis langfristigen Personalbedarf auseinandersetzen.

Georg Link, geboren in Lauffen a. N., leitet seit Dezember 2010 die für den Zollernalbkreis zuständige Arbeitsagentur Balingen. Der 44-Jährige arbeitete zuvor in der Agentur für Arbeit Villingen-Schwenningen sowie der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit in Stuttgart.

Viele Firmen würden gerne zusätzliche Mitarbeiter einstellen, finden aber das passende Personal nicht. Ihre Einschätzung: Wie wird sich das Problem des Fachkräftemangels in den kommenden Jahren entwickeln?
Schreyeck: Fakt ist: In den nächsten Jahren wird eine sehr große Anzahl an Facharbeitern und Fachkräften altersbedingt aus den Unternehmen der Region ausscheiden. Die dadurch entstehende „Lücke“ wird aber nur zu einem Bruchteil gefüllt werden können, da sich zu wenig junge Menschen für die duale Ausbildung entscheiden.

Link: Wenn Unternehmen angesichts dieser Tatsache nicht auf Anhieb den passenden Mitarbeiter finden, kann es sich für sie vielleicht auch lohnen, Jemanden einzustellen, der zwar nicht alle Stellenanforderungen erfüllt, in den man dann aber investiert. Wir als Arbeitsagentur können so einen Einarbeitungsprozess auch mit einer finanziellen Unterstützung begleiten.

Schreyeck: Insgesamt gilt: Es gibt nicht den einen Hebel, mit dem man den Fachkräftemangel oder Fachkräfteengpässe beheben kann. Wir benötigen vielmehr viele unterschiedliche Maßnahmen, die dann in der Gesamtheit greifen.

Link: Im Bereich der Arbeitsmarktpolitik sind sehr viele Akteure unterwegs. Um etwas zu erreichen, ist es deshalb wichtig, dass die einzelnen Akteure eng zusammenarbeiten und kooperieren. Das tun wir hier in der Region Neckar-Alb schon sehr lange, sowohl mit der IHK und der Handwerkskammer als auch mit anderen Unternehmensverbänden und Gewerkschaften.

Schreyeck: Genau das würde ich sogar als ein ganz besonderes Merkmal unserer Region hervorheben: Wir erleben hier eine sehr gute, sehr enge Zusammenarbeit der verschiedenen Institutionen. Alle ziehen an einem Strang und verfolgen ein ähnliches Ziel. Darauf können wir stolz sein und aufbauen.