24 Stunden Neckar-Alb

Die Region Neckar-Alb einmal rund um die Uhr. Non-Stop. Die Redaktion von "WNA | Wirtschaft Neckar-Alb" war in Echtzeit mit dabei - einmal 24 Stunden im Takt mit der Wirtschaftsregion und den Menschen bei der Arbeit. Mehr als ein Schulterblick, sondern eine Hommage!

0 Uhr: Vier Äpfel für die Nacht

Notdienst zur Geisterstunde: Wenn es nachts klingelt, ist Apotheker Uli Bazlen bereit. Die Medikamente reicht er durch die Klappe.

Mitternacht. Geisterstunde. Alles schläft? Nicht ganz. Die Bahnhof-Apotheke in Reutlingen hat heute Notdienst. Autos fahren vor. Leute kommen und gehen.

Am Eckhaus bildet sich zur nächtlichen Stunde sogar eine kurze Schlange. Neben der Eingangstür der Apotheke scheint Licht durch eine offene Klappe. Dahinter steht Apotheker Uli Bazlen, grüßt freundlich und nimmt die Bestellungen durch die Notdienstklappe entgegen. Ein Kunde bekommt ein Schmerzmittel für sein krankes Kind, einer Kundin mit Blasenentzündung erspart er den Gang ins Krankenhaus. „Das waren gerade dringende Fälle. Manchmal kommen Kunden aber auch mitten in der Nacht wegen einer Packung Taschentücher oder Kondome“, erzählt Bazlen. Egal wie groß oder klein die Probleme sind – der Apotheker hilft gerne. „Ich bin ja sowieso da“, schmunzelt er. Kurz nach zwölf lichtet sich die Schlange am Notschalter wieder. Uli Bazlen zieht sich in den Aufenthaltsraum zurück. Der ist gemütlich mit Couch, Tisch und Fernseher eingerichtet.

Mit einem Ohr immer wach

In einer ruhigen Nacht kann er hier auch mal ein Stündchen schlafen. „Mit einem Ohr bin ich aber immer wach.“ Ab halb zwei ist meistens weniger los und oft bleibt es bis sechs Uhr früh ruhig. „Wenn es an der Klappe klingelt, stehe ich aber sofort parat.“ Angst habe er keine. In zwanzig Jahren wurde er noch nie ausgeraubt oder bedroht. Im Gegenteil: „Viele Kunden entschuldigen sich sogar dafür, dass sie nachts kommen und sind dankbar, dass ich ihnen helfe.“ Die Bahnhof-Apotheke in Reutlingen hat alle 26 Tage Notdienst. Uli Bazlen teilt sich den 24-Stunden-Notdienst, der heute auf einen Sonntag gefallen ist, mit seinem Chef Christos Paralis, der die Bahnhof-Apotheke seit 2010 führt.

Welche Apotheke in der Region Neckar-Alb Notdienst hat, kann man im Internet nachschauen oder den Tageszeitungen entnehmen. Alle Apotheken müssen sich an den Notdiensten beteiligen. Für Uli Bazlen ist die Nacht noch jung: Ein paar Stunden Notdienst liegen noch vor ihm. Gestärkt hat sich der Apotheker – ganz vorbildlich – mit zwei Äpfeln. Und zwei liegen noch für die Nacht bereit.

1 Uhr: Nachtschwärmer willkommen

Sabine Ost hat alle Hände voll zu tun: Auch das Brötchenaufbacken darf nachts nicht zu kurz kommen. Foto: Brunner

Nachtschicht an der Tankstelle: Stundenlang in Magazinen schmökern, ab und zu was Süßes snacken und ausgiebig am Nachtschalter plaudern? Weit gefehlt!

Es gibt viel zu tun für Sabine Ost: Lagerware „abkisten“, also von der Verpackung befreien, Mindesthaltbarkeitsdaten kontrollieren, Regale auffüllen, Ware fürs Bistro aufbacken und belegen und natürlich für die Kundschaft da sein. „Als ich hier angefangen habe, hätte ich nicht gedacht, wie vielfältig die Aufgaben sind“, erzählt sie. „Man ist Tankwart, Nahversorger, Bäcker und Gastwirt in einem.“

Keine Zeit für Kinkerlitzchen

Seit zehn Jahren ist sie bereits hier beschäftigt. Zuvor war sie selbstständig mit ihrem Mann. Dann kam die Scheidung und sie stand alleine da mit ihrer Tochter. „Das war eine harte Zeit und ich musste lang nach Arbeit suchen“, erinnert sie sich. An der Tankstelle fand sie schließlich eine Anstellung und ist inzwischen rundum glücklich und zufrieden. Ein mulmiges Gefühl hat sie nicht, so ganz allein bei Nacht: „Hier ist alles gut gesichert und es gibt die Videoüberwachung.“ Außerdem ist keine Zeit für solche Kinkerlitzchen. Die Kaffeemaschine muss gereinigt und die Rauchwaren aufgefüllt werden und die ersten Brötchen müssen in den Ofen. Erzählt wird nebenher und mit Unterbrechungen: Kundschaft geht vor. Die Nachtklientel ist unterschiedlich: Taxifahrer, Nachtschwärmer oder Leute, die noch einmal mit dem Hund rausgehen kommen vorbei. Die meisten wollen einen Imbiss oder Zigaretten. Manchmal erlebt man aber auch kleine Dramen. Einmal, berichtet Ost,  stand eine junge Frau im Winter pitschnass und verzweifelt vor dem Sichtfenster und fragte nach Handtüchern. Sie war mit dem Fahrrad in der Echaz gelandet, die an der Tankstelle vorbeifließt. Reinlassen durfte sie die Tankwärtin aus Sicherheitsgründen nicht, doch sie half mit Papierhandtüchern und tröstenden Worten aus und spendierte einen heißen Kaffee. „Ein paar Tage später kam sie wieder und bedankte sich sehr dafür. Das war schon rührend.“

Jeder ist in erster Linie Mensch

Ost ist aus Überzeugung freundlich und hilfsbereit: „Das kommt in der heutigen Gesellschaft viel zu kurz. Und die Kunden wissen es zu schätzen, wenn sie nicht einfach wortlos abgefertigt werden. Viele sind es gar nicht mehr gewohnt, dass man ihnen freundlich begegnet. Aber ich finde das einfach wichtig. Dabei ist es mir egal, wie die Leute aussehen oder welche Hautfarbe sie haben. Jeder ist doch in erster Linie einfach Mensch.“



2 Uhr: Kiste um Kiste um Kiste

Ende noch nicht in Sicht: Mehrere Dutzend gelbe Kisten warten noch darauf von Christiane Frauenfeld aufs Band gestülpt zu werden. Foto: Brunner

Von wegen stille Post! Im Briefzentrum Reutlingen rumoren riesige Maschinen rund um die Uhr. Christiane Frauenfeld ist mittendrin und hat alles fest im Griff.

„Stoffeingabe“ an der Integrierten Lese- und Videocodiermaschine (ILVM) im Briefzentrum Reutlingen. Mit Schwung nimmt Christiane Frauenfeld gelbe Kisten voller Briefe vom Behälterwagen und stülpt sie auf das Transportband. Schnell muss es gehen, denn die ILVM liest und codiert 44.000 Briefe in der Stunde. Das blitzschnelle Einziehen der Briefe verursacht ein ganz schönes Getöse. „Während der Arbeit merkt man das nicht. Nur wenn man hinterher im Auto sitzt, rauscht es manchmal in den Ohren noch ein Weilchen nach“, sagt Frauenfeld. Seit 1997 arbeitet sie hier und immer nachts, weil es mehr Geld gibt. „Dafür lege ich viel Wert auf Freizeit“, erklärt die Teilzeit-Sortierkraft. Sie arbeitet immer nur von April bis Dezember, dann macht sie lange Urlaub, zum Teil auch unbezahlt.

Stülpen und stapeln

Alle zehn Minuten wechselt sie ans Ende der Maschine, wo sie die mit Barcode codierten Briefe zurück in gelbe Kisten steckt. Immer wieder hält die Maschine an und Frauenfeld muss nachsehen, wo der Fehler liegt. Oft ist es nur ein Lesefehler: eine Adresszeile ist verdeckt, weil die Anschrift nicht genau ins Sichtfenster passt und das Problem ist nach wenigen Sekunden behoben. Nur bei größeren Störungen muss ein Betriebstechniker ran.

Dann geht es wieder zügig voran – Kiste um Kiste um Kiste. „Es ist schon sehr anstrengend“, räumt Frauenfeld ein. Und bestimmt ist es schrecklich eintönig? „Naja, Spaß ist was anderes, aber es ist schon ok.“ Unzufrieden wirkt die taffe Tübingerin jedenfalls nicht. Um halb drei wechselt sie die Station. „Wir bleiben nie zu lange an einer Stelle. Das ist ganz gut, dadurch hat man doch ein wenig Abwechslung und die Schicht geht schneller rum.“ Flotten Schrittes geht es zur Gangfolgesortiermaschine. Hier werden die Briefe so sortiert, dass die Zusteller sie in der Reihenfolge ihrer Laufroute entsprechend mitnehmen können.

Stop, ein Brief ist aufgerissen

Auf einmal bleibt die Maschine stehen. Ein Brief ist aufgerissen. Der kommt in eine Extrakiste und wird gesondert behandelt. „Ein anderer Mitarbeiter versucht den Umschlag durch Kleben noch zu retten und versendet ihn eingeschweißt in einer Plastikfolie mit einem Entschuldigungsschreiben“, berichtet Frauenfeld. Mehr kann man da wohl nicht machen. Es gilt auch hier das Postgeheimnis.

3 Uhr: Hoffentlich passiert nichts

Voll da. Wenn der Notruf eingeht, schaltet Rainer Knoll in der Integrierten Leitstelle sofort von null auf hundert. Foto: Brunner

Sofort voll bei der Sache sein, auch wenn die Lider schwer werden: Kein Problem für die Profis von der Integrierten Leitstelle.

Gerade ist es ruhig in der Integrierten Leitstelle des Zollernalbkreises in Balingen. „Zum Glück. Klar, wenn viel los ist, vergeht die Zeit schneller, aber es ist doch erfreulicher, wenn wenig passiert“, sagt Rainer Knoll. Von 20 Uhr bis sechs Uhr früh muss der Rettungsassistent heute Nacht mit seinem Kollegen Werner Horn die Stellung halten, Rettungsdienst, Feuerwehreinsätze, Krankenfahrten und den Hausnotrufdienst im gesamten Zollernalbkreis von hier aus koordinieren.

„Zwischen drei und fünf ist die schwierigste Zeit“, gesteht Knoll ein, doch wirklich müde wirken weder Knoll noch Horn. Vielmehr gelassen. Nachtschicht gehört eben zur Routine und mit ein paar Tassen Kaffee geht es eigentlich ganz gut, sind sich die zwei einig. Langweilig wird es den beiden nicht. Alarmpläne und Telefonnummern aktualisieren, Ausrückbereiche neu zuordnen, neue Einsatzfahrzeuge anlegen – es gibt zwischen den Rettungseinsätzen viel Arbeit, die gemacht werden muss, um den Dienstbetrieb auf dem Laufenden zu halten.

Dann geht ein Notruf ein: Ein Patient muss geholt werden. Rainer Knoll ist sofort voll da. Er alarmiert ein Rettungsfahrzeug, weist über sein Headset den Fahrer an, wo er hin soll und kontaktiert die entsprechende Klinik, um den Verletzten anzumelden. Zugleich dokumentiert er jeden Einsatzschritt genau. Das ganze dauert nicht einmal eine Minute. Beeindruckend. „Das ist es, worauf es als Disponent ankommt“, erläutert Knoll. „Egal, was man gerade macht, ob man in die Datenpflege vertieft ist oder Dienstpläne schreibt, wenn ein Notruf eingeht, muss man gleich von null auf hundert sein.“

Hobby zum Beruf gemacht

Seit 23 Jahren ist Knoll bereits dabei. Was treibt ihn an? Er lächelt und zuckt nonchalant mit den Schultern. Als Weltverbesserer oder „Held des Alltags“ sieht er sich nicht. „Ich bin bei der Feuerwehr seit ich zehn bin. Irgendwann habe ich dann das Hobby zum Beruf gemacht. Ich mach’s halt gern. Warum genau? Darüber habe ich eigentlich noch nie nachgedacht.“ Rettungsassistent ist kein Job für jedermann. Rainer Knoll scheint er auf den Leib geschneidert. Wer um vier Uhr morgens Hilfe braucht, ist froh, dass hier rund um die Uhr zwei Profis sitzen. Das Warum ist dabei sicherlich erstmal egal.

4 Uhr: Raus aus den Federn

Stimmt alles? Wolfgang Schiller checkt die Qualität der Druckbögen für die WNA.

Ist für die Redaktion die heiße Phase der WNA-Produktion vorbei, beginnt diese für Wolfgang Schiller in der Druckerei Leibfarth & Schwarz. Und das noch vor dem ersten Hahnenschrei.

Nur einmal im Monat muss der gelernte Schriftsetzer richtig früh aus dem Bett. Immer dann, wenn am Abend zuvor Redaktionsschluss war und die Seiten fertig sind. „Jetzt beginnt quasi eine just-in-time-Produktion“, sagt Schiller, „jeder Arbeitsschritt muss sitzen, sonst verzögert sich der Druck und damit die Auslieferung des Magazins.“ Deshalb schließt er morgens um vier als erster die Türen der Druckerei in Dettingen/Erms auf. „So habe ich einen zeitlichen Puffer, falls etwas schiefläuft, eine Maschine den Dienst versagt oder ein Rechner nicht hochfährt. Mich stört die frühe Stunde nicht, ich bin ein Morgenmensch.“

Wolfgang Schiller fährt die Rechner hoch. Seine Aufgabe an diesem Morgen in der Druckvorstufe: Bis spätestens um zehn muss der Proof, ein Testdruck der WNA, fertig sein. Denn der wird wiederum in der IHK gebraucht: Ein Korrektor klopft ab der Mittagszeit vor dem Druck alle Texte auf Rechtschreibfehler, Typografie und Stil ab. Noch ist es still, die großen Druckmaschinen nebenan sind aus. Gut so, Wolfgang Schiller muss sich konzentrieren. Er zieht sich die Seiten vom Server, bearbeitet die Fotos, checkt, ob auch wirklich alle Anzeigen drin sind, fügt Seitenzahlen ein und erstellt die pdf-Dateien für den Druck.

Zeit zum "Ausschiessen"

Nun macht er sich ans „Auschiessen.“ Sechzehn Seiten werden auf Druckbögen so angeordnet, dass der bedruckte Bogen nach dem Falzen hinterher die richtige Reihenfolge der Seitenzahlen ergibt. Kunterbunt und verdreht sieht das Erzeugnis aus: Seiten über Kopf, Seite 2 neben Seite 15. Gefalzt und geheftet ergibt es die logische Ordnung. „80 Seiten sind ideal“, sagt der Schriftsetzer, „das ergibt dann fünf Bögen à 16 Seiten, die einfach weiterverarbeitet werden können. So muss später beim Heften die Maschine nicht wieder neu eingestellt werden.“

Bis der Proof fertig sein wird, braucht es noch seine Zeit, trotzdem ist schon viel geschafft. „Die erste Arbeitsstunde zwischen Nacht und Tag ist sehr produktiv“, So der Frühaufsteher. Vielleicht müsste man einfach mal anders denken. Statt dreimal auf die Snooze-Funktion des Weckers zu drücken, husch, raus aus den Federn. Und noch bevor alle anderen zur Arbeit gewackelt sind, hat Wolfgang Schiller das halbe Pensum schon erledigt. Besser noch: Während die Kollegen in die Mittagspause gehen, ist er schon auf dem Weg nach Hause.

5 Uhr: Mit Schwung in den Tag

Ist frühes Aufstehen gewohnt: Thomas Scholz moderiert alle paar Wochen die Morgensendung im SWR4-Radio. Foto: Walker

Radio-Moderatoren setzen sich ans Mikro und quatschen los? Von wegen. Jede Sendung muss akribisch vorbereitet sein, auch frühmorgens. Ein Einblick in die Arbeit von Thomas Scholz – in aller Herrgottsfrühe.

5 Uhr, SWR in Tübingen: Ein bestens gelaunter Thomas Scholz öffnet die Tür. Der Moderator hat in dieser Woche die Frühschicht und begleitet die Hörer mit der regionalen Morgensendung des SWR4 in den Tag. Bis seine Sendung um sechs losgeht, hat er noch alle Hände voll zu tun. Zwar hat er seine Sendung schon am Tag zuvor vorbereitet. Damit er auf dem neuesten Stand ist, muss er jetzt noch checken, was nachts in der Region und in der Welt passiert ist. Die Liste im Nachrichten-Pool scheint unendlich lang, Scholz dagegen klickt sich routiniert durch die Flut. Er hat einen geschulten Blick dafür, was für ihn interessant ist. Kein Wunder: Insgesamt landen täglich circa 2.000 Meldungen in dem SWR-System, da muss es immer schnell gehen. 

5.15 Uhr, Thomas Scholz ist immer noch unentschlossen. Soll er einen Beitrag über Griechenland oder doch lieber über die Atomverhandlungen bringen? Da betritt Redakteurin Anette Hübsch den Raum. Sie arbeitet Scholz während seiner Sendung zu, recherchiert Fakten zu Themen, die kurzfristig ins Programm müssen, kontaktiert Ansprechpartner, verfasst Interviewfragen. Zu diesem Zeitpunkt ebenfalls schon am Computer sitzt Nachrichtenredakteur Jürgen Leibfarth. Er moderiert im Frühprogramm die regionalen Nachrichten immer zur halben Stunde.

Es wird hektisch

5.30 Uhr, Thomas Scholz entscheidet sich. „Ich nehme die Atomverhandlungen, die sollen heute zum Abschluss kommen.“ Und schon tippt er los und schreibt seine Anmoderation zu einem Audio-Beitrag, den er später ins Programm einspielt. In der Zwischenzeit wird es nebenan hektisch. Techniker Jörg Heinkel hat entdeckt, dass einer der Computer, der für die Sendung benötigt wird, seinen Dienst versagt. Zum Glück ist es nur ein kleiner Hänger und der Rechner läuft kurze Zeit später wieder zuverlässig.

Kurz vor sechs, Thomas Scholz sitzt immer noch an seinem Platz. „Hier klebe ich fest, bis das Wetter reinkommt, in der Regel vier Minuten vor sechs. Das schreibe ich dann noch um und dann muss ich schnell ans Mikrofon.“ Viel Puffer bleibt da nicht. Heute ist es besonders eng, das Wetter kommt später als sonst. Als sich Scholz noch am Mikrofon einrichtet, mahnt Anette Hübsch: „So langsam solltest du dich setzen.“

Kurz nach sechs, Thomas Scholz übernimmt das Mikrofon. Er setzt seine Radiostimme auf und wünscht den Menschen vom Neckar bis zum Bodensee, von der Schwäbischen Alb bis zum Nordschwarzwald einen guten Morgen – natürlich mit einem Lächeln, das die Hörer zwar nicht sehen, aber in jedem Fall hören können.

6 Uhr: Sie nennen es Rohstoff

Männer im Abfallgeschäft. Carmelo Gulisano und Heiko Quattlender (linkes Bild) sorgen frühmorgens für die Planung. Die Abfallsammlung vor Ort machen Rolf Henne, André Möck und Karol Banasiak (von links). Fotos: Steinhilber

Wir sind verwöhnt: Der Müll wird eigentlich immer abgeholt. Ganz gleich, was auf der Welt gerade so los ist. Ist halt so? Na ja, auch hier gilt: Gute Planung ist die halbe Miete.

Über Dusslingen hängt dunkle Nacht. Ein schwacher Dreiviertelmond steht halbhoch über dem Steinlachtal. Im Tiefschlaf noch das Entsorgungszentrum des Zweckverbandes Abfallverwertung, indes sich auf dem gleichen Gelände 300 Meter steinlachabwärts die Kollegen aus der Abfallsammlung für den Arbeitstag rüsten. Es sind die Männer der ALBA Neckar-Alb GmbH & Co. KG, eines Entsorgungs-Unternehmens, das sich schon über 70 Jahre lang als „zuverlässiger Partner“ der Kommunen, der Industrie, des Gewerbes und privaten Haushalte versteht. Seit 2007 gehört es mehrheitlich zur weltweit operierenden ALBA Group.

Noch Zeit für einen Plausch

Vor dem Büro-Container stehen acht schwere dunkelblaue ALBA-Entsorgungsfahrzeuge in Reih und Glied. Noch ist Zeit für einen kurzen Plausch, für eine Zigarette, einen Kaffee. Ganze 15 Minuten lang. Keiner der Männer achtet mehr auf die an die Containerwände gepflasterten Mitteilungen und Hinweise. Alle schon gelesen: die „Spielregeln für erfolgreiche Zusammenarbeit“, den ALBA-Slogan „Wir nennen es Rohstoff“, Sicherheitsvorschriften, Zeitungsausschnitte, allgemeine Informationen. Stehend, sitzend, eine Tasse in der Hand, verbreiten die Müllwerker gute Laune.

Unruhe: Zwei fehlen

Noch ist es nicht 6.15 Uhr, Arbeitsbeginn, als sich unter den in dunkelblau-gelbe Schutzkleidung geschlüpften Profis Unruhe breit macht. Zwei ihrer Kollegen haben sich krank gemeldet: zwei Männer eines Teams, Fahrer und Müllwerker. Heiko Quattlender, Leiter der Kommunalabfuhr, und sein Stellvertreter Daniel Haug sind gefordert, besprechen sich mit den Fahrern und teilen schließlich die Tour auf zwei Teams. Alles eben doch Routine. Die Irritation löst sich auf, die gute Laune kehrt zurück.

Pünktlich um 6.30 Uhr werden die Motoren angeworfen, machen sich sechs zehn Tonnen schwere Pressmüll-Fahrzeuge Richtung Reusten, Rottenburg, Kirchentellinsfurt und Dettenhausen auf, um dort Bio- und Restabfälle und Sperrmüll abzufahren. André Möck, 30, steuert seinen Laster ins Ammertal, heute mit Rolf Henne, 47, und Karol Banasiak, 22, an der Schüttvorrichtung. Auf der Durchgangsstraße in Reusten beginnen sie einen ziemlich flotten Job: Reusten, Altingen, Reusten. Aber da hat die Uhr schon sieben geschlagen.

7 Uhr: Bitte einsteigen

Motor an und los: Busfahrer Norbert Grüninger ist bereit für die Fahrt zurück nach Gammertingen.

Baustellen, Berufsverkehr, lärmende Schüler: Als Busfahrer braucht man starke Nerven. Die hat Norbert Grüninger und obendrein noch eine Menge Spaß an der Arbeit.

Seine erste Tour startet Norbert Grüninger heute um 5.40 Uhr in Gammertingen. Um halb sechs holt er seine Kasse für den Fahrerplatz aus dem Schließfach, checkt den Dienstplan für den Tag und geht in eine große Halle, wo die Busse der Hohenzollerischen Landesbahn über Nacht geparkt sind. Dort steht ein 18 Meter langer Gelenkbus mit 53 Sitzplätzen, den Grüninger gleich lenken wird. „Zusätzlich dazu rechnen wir circa 70 Stehplätze.  Taschen und Rücksäcke planen wir auch ein, sonst wird es am Ende eng“, erklärt der Routinier. Bis zu 400 Kilometer fährt er täglich. Da kommt eine Jahresfahrleistung von ungefähr 50.000 Kilometern zusammen. Seit 20 Jahren ist Norbert Grüninger Busfahrer. Und das mit Leidenschaft. Ein letzter Rundgang um den Bus, ein prüfender Blick durch die Sitzreihen, dann startet er den Motor des Ungetüms. „Früher war ich als Lkw-Fahrer tätig, kenne also die Größe. Außerdem biegt sich das Gelenk des Busses in einer Kurve wie eine Ziehharmonika“, erklärt Grüninger, und fährt besonders geschmeidig um die nächste Ecke. Was heute noch vor ihm liegt, weiß er nicht. „Kein Tag gleicht dem anderen.“ Schnee und Glätte, ein Unfall oder der normale Berufsverkehr machen es dem Busfahrer manchmal schwer, seinen Fahrplan einzuhalten. Er selbst lenkt sein Gefährt sicher durch den Verkehr: Der Verband Baden-Württembergischer Omnibusunternehmen hat ihn schon dreimal für sicheres und unfallfreies Fahren ausgezeichnet.

„Wir schaffen das“

Zu Stoßzeiten sind die Busse der Linie 400 von Gammertingen über Trochtelfingen und Unterhausen nach Reutlingen proppenvoll. Schüler wollen pünktlich die umliegenden Schulen erreichen, Berufspendler oftmals in Reutlingen Züge nach Tübingen oder Metzingen erwischen. Wenn Fahrgäste unruhig werden, weil sie Angst haben, ihren Anschluss zu verpassen, bleibt Grüninger ganz gelassen. „Wir schaffen das“, gibt er stets zur Antwort. In den meisten Fällen behält er Recht und kommt pünktlich an. Denn klemmt es an der einen Stelle, flutscht es dafür ein paar hundert Meter weiter. 

In die Stadt hinein läuft es rund

Dank schönstem Frühlingswetter und freien Straßen rollt es heute die Alb hinunter. Für Verzögerung sorgt erst die neue Tempo-30-Zone durch Unterhausen. „Da hinke ich hinterher und kann die Abfahrtszeiten an den nachfolgenden Haltestellen nicht mehr einhalten.“ Die Fahrgäste, die in Reutlingen einen Anschluss bekommen müssen, verzeihen es ihm heute. In die Stadt hinein läuft es nämlich wieder rund. Beinahe nach Fahrplan stellt Grüninger seinen Bus um kurz nach sieben am Reutlinger Omnibusbahnhof ab. Er ist zufrieden. Ein kurzes Päuschen, dann geht die Fahrt wieder zurück nach Gammertingen.

8 Uhr: Ran an die Maschine

Alles richtig? Noah Vöhringer prüft vorher genau die Einstellungen am Dreh-Fräszentrum. Foto: PR

Ein 17-Jähriger darf eine 280.000 Euro teure Maschine fahren? Das ist kein Traum, sondern Realität. In der Lehrwerkstatt von Groz-Beckert. Ein Blick über die Schulter.

„Das ist ein Dreh-Fräszentrum, das muss ich jetzt programmieren“, erklärt Noah Vöhringer. Der junge Mann ist Auszubildender bei Groz-Beckert, Hersteller von Nadeln für Textilmaschinen in Albstadt-Ebingen. Der 17-Jährige tippt einige Befehle in den Bildschirm, der an seiner Maschine installiert ist. Doch das Computerprogramm ist nicht alles. Zuvor hat der Auszubildende im zweiten Lehrjahr seine Werkzeuge vermessen. Jetzt vergleicht er die Daten im Computer mit dem, was nach der Messung auf Papier ausgedruckt wurde: „Es könnte ja sein, dass ich mich vertippt habe“, sagt der frühere Realschüler. „Wenn es nicht stimmt, gibt es einen Crash in der Maschine.“ Und der muss möglichst vermieden werden, sonst könnten beispielsweise die bis zu 1.000 Euro teuren Werkzeuge wie Bohrer oder Fräser geschrottet werden. Aber es darf auch mal Hilfe nötig werden, Vöhringer lernt ja noch. Sein Ausbilder Stefan Müller geht auch an das Messgerät und nimmt Korrekturen vor: „Jetzt passt es“, erklärt Müller.

Noah Vöhringer ist einer von 180 Auszubildenden beim größten Arbeitgeber in Albstadt-Ebingen. Alles in allem investiert das Unternehmen pro Jahr etwa vier Millionen Euro in die Ausbildung, in die je nach Lehrjahr zwischen 900 und 1.000 Euro liegende Ausbildungsvergütung, aber auch in ständig neue Maschinen. „Eine CNC-Maschine kann bis zu 280.000 Euro kosten“, erklärt Nicolai Wiedmann, verantwortlich für die Aus- und Weiterbildung bei dem 1852 gegründeten Familienunternehmen, das heute einen Umsatz von 571 Millionen Euro macht. Auf den Lohn- und Gehaltslisten stehen weltweit 7.700 Mitarbeiter, davon 2.100 in Albstadt.

Meister werden?

Vöhringer will auch später noch dazugehören – obwohl er ursprünglich ganz andere Pläne hatte. „Eigentlich wollte ich Zimmermann werden“, erzählt er. Doch nach einem Praktikum war für ihn klar: „Das macht Spaß, das mache ich weiter.“ Jetzt lässt er sich zum Industriemechaniker ausbilden.

Während er erzählt, ist es auch an seiner Maschine weitergegangen. Die verschiedenen Werkzeuge bewegen sich wie von Geisterhand auf das Werkstück zu und führen verschiedene Zerspanungstätigkeiten aus - der Auszubildende lernt, wie er eine komplexe Spezialschraube fertigen und prüfen muss. Nach der Lehre will er „erst mal Praxiserfahrung“ in anderen Abteilungen sammeln, später dann vielleicht noch den Meister machen: „Das sieht man dann."

9 Uhr: Katze vor, Katze zurück!

Julian Babea, der Mann für den Kran, mit seinem Arbeitsgerät. Foto: Steinhilber

9 Uhr auf der Baustelle. Hier ist eine deutsch-rumänische Kooperation zu bewundern, eine Kommunikation mit Katze und ein Kranführer, der in der Grube steht.

Die Wurster Bauunternehmung GmbH kennt man nicht nur in Grafenberg, wo sie in der Nürtinger Straße ihren Sitz hat. Wurster betreibt Baustellen an vielen Orten in der Region Neckar-Alb und darüber hinaus. Bauleiter Matthias Sauermann muss auch deshalb früh aufstehen, um rechtzeitig vor 7 Uhr in Neuffen einzutreffen. Derzeit tut sich dort in der Ortsmitte ein tiefes Loch auf. Arbeiter sind mit dem Fundament der Tiefgarage für drei Mehrfamilienhäuser, Wohnungen. Ladengeschäften und Gewerbeeinheiten, beschäftigt.

Was funktionieren muss

Die Grafenberger Firma, die den Rohbau organisiert, macht das nicht alleine. Die Arbeiter sind von Stephan-Bau, einem rumänischen Bauunternehmen, das von Wurster mit der Ausführung beauftragt wurde. Rumänisch ist in der Baugrube die vorherrschende Sprache. Und ein Rumäne ist Kranführer Julian Babea, 38, aus Prahova in der Walachei, ein ruhiger Zeitgenosse, dessen Deutschkenntnisse sich allerdings auf ganz wenige Worte beschränken. Gerade nur so viel versteht er, dass es reicht, die schweren Lasten seines Krans auf Zuruf punktgenau anzuheben und abzusetzen. Elf Rumänen schaffen auf der Baustelle. Und damit funktioniert, was funktionieren muss, läuft die Kommunikation gewöhnlich über einen rumänischen Vorarbeiter, der der deutschen Sprache mächtig ist. Aber auch wenn er einmal nicht da sein sollte, stellt das kein größeres Problem dar. Auf der Baustelle kennt jeder seinen Job. Auch Kranführer Babea hat von Wurster eine Einführung erhalten, sagt Sauermann. Babea weiß also genau, dass er den mit einer Last behängten Kran niemals über die Nachbarhäuser schwenken darf.

Es ist 9 Uhr, Babea befindet sich in der Baugrube bei seinen Kollegen und nicht etwa 37 Meter über dem Erdboden in der engen Kabine. Praktisch alles erledigt der Kranführer von hier unten aus. Mit einem Steuergerät in der Hand hört er auf die Kommandos seiner Kollegen – auch die der deutschen: Auf! Ab! Katze vor, Katze zurück! Schwenk links! Langsam!. „Mehr braucht ein Kranfahrer nicht zu verstehen“, erklärt Sauermann. Und Babea, der seinen Job gelernt hat, weiß, was er zu tun hat, steuert über Funk die Laufkatze (das Rollfahrwerk am Kranausleger), hebt die Last, und setzt sie wieder präzise ab.

10 Uhr: Hölderlin trägt grün

Selbst vor römischen Imperatoren scheint der Hipsterspuk nicht Halt zu machen. Die Schülerschar sammelt sich im Innenhof des Tübinger Schlosses. Stadtführerin Andrea Bachmann (l.) serviert Geschichte in Häppchen.

Platanensonnenschein, Neckarmauerpanorama, Frühlingsluftwehen. Bei Kaiserwetter präsentiert sich das Schokoladenseitentübingen. Perfekt für die obligatorische Stadtführung beim Ausflug der zehnten Klasse des Renninger Gymnasiums mit den italienischen Austauschschülern.

Überraschend brav und interessiert stellen sich die Eleven auf der beliebtesten Insel der Universitätsstadt im unförmigen Halbkreis um die Stadtführerin Andrea Bachmann. „Was wisst ihr von Tübingen?“, fragt sie. „Universitätsstadt“, antwortet ein kleiner Chor. Die Latte hängt tief für kommende Wissensabfragen. Leuchtend springt es ins Auge, Neonfarben für Schnürsenkel müssen immer noch sein. Mundgerechte Häppchen Tübinger Geschichte folgen, ansprechend serviert.

Verkrachte Existenz

Wo sich früher die Bürgerschaft unter Platanen am Sonntagsnachmittag ergehen konnte, schlappen nun Teenager im Gänsemarsch der Stadtkennerin hinterher. Ein paar gehen verloren, sie müssen mal. Am Hotspot jeder Tübingen-Begehung findet man sich wieder: Hölderlinturm. Der Bronze-Hölderlin vor der ehemaligen Dichter-Warte trägt grünen Bademantel. Vorstellbar: Der wahnsinnige Poet im grünen Homedress im heutigen Stadtbild. „Geradezu irrwitzig ist“, freut sich Bachmann, „dass trotz der herrschenden schwäbischen Schaffer-Mentalität eine verkrachte Existenz, einer, der es zu nichts gebracht hat und wenig geschafft hat, zur Identifikationsfigur einer ganzen Generation taugte und zu einem der berühmtesten Bewohner der Stadt wurde.“ Leistung muss sich wieder lohnen. Die Schüler schauen bedröppelt drein, die Lehrerin nickt bekümmert ob des tragischen Dichter-Schicksals. Nächste Station: Burse, Residenz der Philosophen.
 
Scholaren bewohnten einst das rosa Gebäude, ebenso alt wie die jungen Leute, die jetzt davor stehen. Anfang des 19. Jahrhunderts zog die Uni-Klinik ein. Die vielleicht gesündeste Erkenntnis, die hinter diesen Mauern entstand: Frische Luft und Sonnenlicht hilft bei der Genesung – deshalb die vielen Fenster. Dann ein wenig Studienberatung vor dem Evangelischen Stift („Stiftsstudenten wohnen kostenlos und werden verpflegt.“) und, vite, vite, das Schloss erstürmen. Rundumblick vom Schlossberg auf die anderen sechs Hügel Tübingens. „Wie Rom ist Tübingen auf sieben Hügeln erbaut, kann man sich gut merken“, sagt Andrea Bachmann.

Viel abgeladen

Genug der Aussicht, abwärts zum Rathaus. Die Aufmerksamkeit lässt auch nach. So viel ehrwürdige Geschichte auf jungen Schultern abladen, das gehört sich auch nicht. Stiftskirche: Entlassung der Schulklasse. Der Ort ist von der Stadtführerin, selbst Mutter von Kindern im adoleszenten Alter, weise gewählt: gegenüber hat die schwedische Modekette ihren Sitz.

11 Uhr: Designs weltweit

Bücher, Kataloge, Zeichnungen, Stoffproben: Das Atelier von Mathias Hoffmann ist Ausstellungsraum, Werkbank und Büro in einem.

Durch die Fensterfront eines alten Industriegebäudes erhascht man einen Blick auf Sofas, Gartenmöbel, Teppiche und eine Werkbank. Mittendrin: Designer Mathias Hoffmann am Telefon.

„Um elf Uhr vormittags telefoniere ich am ehesten mit Kunden in Asien, mittags dann Europa und spätabends mit amerikanischen Kunden.“ Bei Mathias Hoffmann gleicht kein Tag dem anderen. „Weil kein Projekt dem anderen gleicht“, lacht Hoffmann, der seit über 30 Jahren als Möbel-Designer tätig ist. Sein Atelier liegt in einem alten Industriegebäude am Kupferhammer hinter dem Tübinger Westbahnhof. Im Eingangsbereich stehen Korbmöbel, Gartenmöbel, Sofas und Teppiche: Prototypen und Ausstellungsstücke seiner Designs.  Durch eine große Sprossenglasschiebetür, die zwei große, hohe Räume voneinander trennt, kommt man in das großzügige Atelier. In einem Eck befindet sich ein Skizzenplatz mit zahlreichen Buntstiften, daneben ein großes Zeichenbrett. Hoffmanns liebste Werkzeuge: „Ich zeichne meine Modelle alle selbst, bevor ich sie digitalisiere.“ In der Mitte stehen die PC-Arbeitsplätze. „Ein wesentlicher Teil unserer heutigen Arbeit“, ergänzt er schmunzelnd. Besonders prägnant:  die große Bücherwand, die sich durch den Raum zieht, vom Boden bis zur Decke, voll mit Schätzen.

„Ich kreiere einen Platz“

Bekannt ist Mathias Hoffmann für seine Arbeiten für Rolf Benz. Sein Stil: moderne Möbel mit zeitlosem Charakter und klaren Linien. Auch viele Einrichtungen tragen seine Handschrift. Aktuell hat er ein Einrichtungskonzept für ein Hotel in Österreich entworfen. „Zunächst schaue ich mir die Räume an. Boden, Decke und Wände. Ganz wichtig sind die Lichtverhältnisse.“ Hoffmann profitiert von seiner langjährigen Arbeit und schöpft aus einem großen Erfahrungsschatz: „Ich biete kreative Lösungen und arbeite nicht nach Katalog.“ Im Fokus stehen auch die Menschen, die in den Räumen leben oder sich in den Gebäuden bewegen. „Ich kreiere einen Platz, wo man gerne hingeht, der den Menschen einfängt.“

Zusammen mit seiner Frau Ulrike Sárvári, die Textildesignerin ist, hat er vor kurzem das Unternehmen „by:“ gegründet. „Nach vielen Jahren der Designarbeit für Partner auf der ganzen Welt ergab sich der Wunsch für ein eigenes Label, um Produkte zu entwickeln und Ideen zu realisieren.“ Zum Portfolio gehören die Gestaltung und Entwicklung von Designideen für Wohnen und Objekte, der Vertrieb von einzigartigen Designobjekten und eine eigene Textilkollektion.

12 Uhr: Dieses Essen mundet

Mittags an der Ausgabe entscheidet es sich: Schmeckt den Kolleginnen und Kollegen bei Rösch das Essen, das der Koch Pascal Hestin zubereitet hat? Foto: Steinhilber


Kochen muss man schon können. Und für 100 Leute erst recht. Über die Kunst der Zubereitung und den Moment, wenn der Koch sieht: Es schmeckt!

Zwölf Uhr mittags, fünf Stunden hat Pascal Hestin, 52, in diesen Augenblick investiert. Schmeckt’s oder schmeckt’s nicht? Kommt bei den Leuten an, was er und seine Mitarbeiterin Cornelia Stüber in der Küche komponiert haben? Doch einem Koch, der sein Handwerk in einem französischen Sternerestaurant, der „Auberge du Kochersberg“ im elsässischen Landersheim, gelernt hat, muss man nicht sagen, was Qualität ist. Nur noch die Tester von Michelin könnten ihn aus der Ruhe bringen. Die aber interessieren sich nicht für das, was in der Firmenkantine des Tübinger Textilunternehmens auf den Teller kommt. Um gleich etwas richtig zu stellen: Bei Rösch sagt man „Casino“, weil es Seniorchefin Adelheide Rösch vor 15 Jahren so gewollt hat. „Das klingt doch feiner und hat Flair“, sagt Hestin, der hier schon so lange schmackhafte Mittagessen zubereitet, wie das Casino alt ist.

Nachtisch? Fehlanzeige!

Rinderhacksteak mit Pommes frites und Pfeffersauce, dazu Salat vom Büffet und Linsensuppe als Vorspeise stehen heute auf dem Speiseplan. Für die Vegetarier hat er einen weiß-grünen Spargelmix an Salzkartoffeln und Sauce hollandaise komponiert, wozu ebenfalls Salat und Suppe gereicht wird. Hestin steht hinter dem Tresen und bemisst großzügig die Portionen. Nachtisch? Fehlanzeige. Jedenfalls heute. Denn Montag, Mittwoch und Freitag ist Vorspeisetag. Nachtisch statt Vorspeise gibt‘s dienstags und donnerstags, also immer den D-Tagen.  „Beides zusammen ist einfach zu  viel“, stellt Hestin fest, „so viel Hunger hat doch niemand.“

Hestin und Stüber, die jetzt hinter der Kasse steht, sehen nur zufriedene Gesichter an den grünen, gelben und weißen Tischen. 3,80 Euro bezahlen die Mitarbeiter für ein Menü, 5 bis 5,30 Euro (wenn sie Fleisch wollen) Auswärtige.

Keine Frage, das Essen mundet. Hundert Portionen hat das Team vorbereitet. Das ist ein Erfahrungswert. „Ich weiß nie so genau, wie viel Leute kommen“, sagt Hestin, „aber gereicht hat es bisher immer.“ Knapp über 90 Essen schätzt er, gehen heute über den Tresen. Ein bis zwei Wochen vorher weiß er, was auf den Tisch kommt. Gutes Essen muss gut geplant sein. Ändert sich freilich das Angebot auf dem Markt, wird auch schon mal die Planung über den Haufen geworfen. Denn frisch und regionaler Herkunft muss sein, was im Casino serviert wird.

13 Uhr: Schrott ist Geld

Nur wenige Autos sind bei der Autoverwertung Möck in Tübingen zu sehen. Die meisten sind ruckzuck zerlegt und finden sich im Rohstoffkreislauf wieder. Foto: Walker

Wer denkt, ein Schrotthändler presst Altautos einfach zusammen und wirft sie auf einen großen Haufen, der irrt. Hinter der Verwertung von alten Fahrzeugen steckt System. 13 Uhr, ein Besuch bei der Autoverwertung Möck in Tübingen.

Wenn ein Autobesitzer seinen Wagen auf den Hof der Familie Möck lenkt, um ihn verschrotten zu lassen, geht für ihn alles ganz schnell. Eine Legitimation und den Fahrzeugbrief oder -schein vorgelegt, einen amtlichen Verwertungsnachweis für das Landratsamt eingesteckt – und schon kann er sich ohne Auto auf den Rückweg machen. Wegen der hohen Rohstoffpreise bezahlen die Autoverwerter zurzeit sogar dafür. Für einen Ferrari mehr als für einen Twingo? „Theoretisch ja, das ist abhängig von Marke und Modell, aber einen Ferrari hatten wir noch nie“, schmunzelt Jürgen Möck, der das Unternehmen zusammen mit seinen Brüdern Wolfgang und Rainer führt.

In Einzelteile zerlegt

Für die Möcks und ihre Mitarbeiter beginnt dann erst die Arbeit. Zunächst prüfen sie den Wagen auf Herz und Nieren. Noch brauchbare Teile wie Türen, Motorhauben, Scheinwerfer oder elektrische Teile werden entfernt, wandern ins Lager und finden später über Internet oder Thekenverkauf einen neuen Besitzer. Durch ein Barcode-System wird jedes Teil im Computer registriert. Dann geht es dem Wagen an die Substanz. Schadstoffe und Flüssigkeiten werden entnommen, Airbags gezündet, Reifen abmontiert und – sofern nicht mehr für eine Runderneuerung geeignet – in ein Zementwerk zum Verheizen gebracht, Kunststoffe wie Stoßfänger werden zu neuen Teilen verarbeitet. Am Ende geht die Karosserie zum Pressen. Nach einer Woche ist von dem Auto nichts mehr übrig.

„Einen Spiegel, bitte!“

Am besten verkaufen sich Scheinwerfer, Rückleuchten, Kotflügel und technische Kleinteile. Also alles, was täglich an Pfeilern oder anderen Autos halt mal so hängen bleibt. Kaum mehr Abnehmer finden Motoren und Getriebe. „Die Grundtechnik der heutigen Autos ist super, da geht selten was kaputt“, so Jürgen Möck. Der Ersatzteilmarkt spielt daher keine so große Rolle mehr wie vor einigen Jahren. Ein weiteres Problem auf dem hart umkämpften Markt: Autos mit einem gewissen Gebrauchswert landen nicht beim Verwerter, sondern werden ins Ausland geschafft und fahren dort noch weiter. Etwa 2.000 Autos machen die Möcks jährlich platt. Das sei nicht viel, meint Möck, der Schwerpunkt des Unternehmens liege mittlerweile auf Schrott und Metallen, die ihnen Industriebetriebe und Kommunen liefern. Vorteile der Möcks: Ihr guter Ruf, ihre Lage direkt an B27 und B28 und Kooperationen mit Entsorgungsbetrieben in der Umgebung.

Familienbetrieb durch und durch

Die Brüder Möck sind seit der Gründung 1921 die dritte Generation, die das Unternehmen leitet, mit Benjamin Möck steht die vierte Generation in den Startlöchern. Unterstützung haben die Möcks von 20 Mitarbeitern, bestehend aus Mechanikern und Bürokräften.

14 Uhr: Tagen auf höchster Ebene

Was für ein Panorama! Hinter Andreas Brändle, Leiter Unternehmenskommunikation bei ElringKlinger, geht der Blick weit: Ermstal, Nägelesfelsen und Hohenurach. Foto: Steinhilber

Ausblick. Weitblick. Industrie. Albtrauf. Dieser Konferenzraum hat es in sich. Auch weil er zwei Meter ins Nichts ragt. Gerade ist Ruhe, ausnahmsweise.

7.500 Mitarbeiter, 45 Standorte weltweit und ein Umsatz von 1,33 Milliarden Euro: Das sind Kennziffern des Automobilzulieferers ElringKlinger in Dettingen/Erms, dem Hauptsitz des weltweit agierenden Unternehmens. In der Dettinger Zentrale werden die strategischen Entscheidungen in täglichen Konferenzen und Besprechungen vorbereitet. Sehr häufig im vierten Stock des Verwaltungstrakts, in einem Raum, der schon von seiner Konzeption her für Weitblick ausgelegt ist.

Von morgens bis abends geben sich Mitarbeiter die Klinke in die Hand. Doch heute, 14 Uhr bis 15 Uhr, ist Pause. Ausnahmeweise mal keine Telefonkonferenz mit den Standorten in Brasilien, China und den USA. Die Produktionsleiter, die sich hier besprechen, befinden sich in der Produktion, die Redaktionsmitglieder des Mitarbeitermagazins in ihren Büros, auch die für die Kapitalmarktkommunikation zuständige Abteilung hat ihre Besprechung bereits hinter sich. Wo Vorstandschef Dr. Stefan Wolf mit Bankern konferiert und regelmäßig die globale strategische Zusammenarbeit abgestimmt wird, ist für eine Stunde Ruhe eingekehrt.

Architektonischer Glücksgriff

Ein Zufall, aber auch eine Gelegenheit für ein Pressegespräch mit Andreas Brändle, dem Leiter der Unternehmenskommunikation. Auch dies eine kleine Konferenz an dem vier Meter langen und 1,50 Meter breiten in edlem Schwarz gehaltenen und von zehn karminroten Sitzplätzen umstellten Tisch.

Ein Stift und ein Block genügen. Der vier in der Decke versenkten Lautsprecher bedarf es nicht, auch nicht des Beamers, dessen Objektiv stoisch auf eine raumhohe weiße Wand zielt. Der Teppich ist grau gemustert: So sehen großzügige Konferenzräume aus. Darüber hinaus bietet der lichte Raum von ElringKlinger einen grandiosen Blick auf den Himmel über dem Ermstal, auf Nägelesfelsen und Hohenurach. Ein Panorama, das sich einem architektonischen Glücksgriff verdankt, als das aus den 60er Jahren stammende Verwaltungsgebäude saniert und ein weiteres Stockwerk draufgesetzt wurde. Hier also befindet sich die kommunikative Schaltstelle, die sich ganz besonders dadurch auszeichnet, dass sie die Fassade um zwei Meter überragt. Wer durch das Glas in die Tiefe blickt, kann sich der Erkenntnis nicht mehr verschließen: Hier werden Entscheidungen auf höchster Ebene gefällt.

Viel gehört, viel gesehen

Die Uhr tickt: Kundenprojekte, Unterricht für Auszubildende, Mindestlohngesetz, Neubau des Betriebsrestaurants. Der Raum hat viel gehört, und wird auch heute noch sehr viel sehen.

15 Uhr: Volle Packung

Tragende Säulen des Neuanfangs: Pietro La Rocca (links) und Azubi Oliver Kaiser bleiben auch im dicksten Umzugsstress cool. Foto: Wiemer-van Veen

Kisten schleppen kann jeder. Umzugsprofis müssen mehr drauf haben, als nur Muskelkraft. Einige handwerkliche Fähigkeiten und präzise Planung gehören dazu. Diplomatie auch. 

Für einen Freitagnachmittag hätte es auch schlimmer kommen können. Eine weite Anreise zum Beispiel, fünfter Stock im Altbau ohne Lift oder ein teurer Flügel. Stattdessen ein Heimspiel. „Das ist ein ganz klassischer Fall: Privatwohnung, älteres Ehepaar. Die Kisten hat der Kunde gepackt, den Rest übernehmen wir“, sagt Pietro La Rocca, seit elf Jahren Umzugsspezialist bei der Reutlinger Firma DMS, eine Tochter der Spedition Hasenauer & Koch. Der Auslegefilz knirscht unter den dunkelgrauen Packerschuhen, im Flur stapeln sich die Kisten. Nach kurzer Absprache mit dem Kunden, hat sich der Teamleiter für das Gespräch aus der Wohnung zurückgezogen und steht nun im Hof. Während er ruhig und sachlich erzählt, beobachtet La Rocca aus dem Augenwinkel, wenn einer von „seinen Jungs“ an ihm vorbeihuscht und auslädt. Klar, jede Minute zählt hier. Und macht im Zweifel den Kunden nervös. Er achte darauf, sagt der drahtige Deutsch-Italiener, dass sein Team den Plan und die Abläufe, die er festlegt, durchpowert, aber auch nötige Pausen erhält. „Manchmal hat der Kunde Verständnis dafür, manchmal nicht“. Man lebt mit einem gewissen Druck. Es gehört immer wieder dazu, gestresste Kunden zu beruhigen, aber bisweilen auch per Ansage zu deeskalieren. „Unter zu viel Druck kann schließlich keiner gut arbeiten“.

Heute hier, morgen dort

Heute machen die sechs Möbelpacker einen guten Schnitt. Um 6 Uhr früh ging’s los, nun sind sie noch ein paar Montagen weit entfernt vom Feierabend. „Falls es bei dem Auftrag bleibt. Möglich, dass wir noch einen anderen Umzug unterstützen müssen“. Es geht auch ganz anders als heute: DMS wickelt europaweit Umzüge ab. Bei Bedarf bauen die Umzugsfachkräfte eine Wohnung ab und genauso wie sie war, an einem anderen Ort wieder auf. Gerade bei Fernzielen wird der Container häufig freitags beladen. Sonntagnacht wird dann gestartet, damit man um 7.30 Uhr am Montag beim Kunden ist und loslegen kann.

Doch jetzt fließt der Schweiß in Reutlingen. Waschmaschine, Einbauschränke, Bett sind sauber abgehakt. Ein paar hundert Kilo antike Möbel waren schon in den Gurten. Alles unbeschadet. Im Moment werden die Elektrogeräte installiert. Von insgesamt 43 Kubikmetern Möbelvolumen, sind noch etwa zehn übrig. In der Regel ist um 19 Uhr Schluss. „Bis jetzt sieht es gut aus“, sagt La Rocca und schnappt sich noch eine Kiste.

16 Uhr: Auf vollen Touren

Tempo an der Strickmaschine. Wenn der Faden reißt, muss Katica Antoni schnell reagieren. Jeden Tag werden bei Marc Cain 2.000 Pulloverteile produziert. Foto: Schreyer

Läuft? Dann ist alles gut an der Strickmaschine. Doch das Garn namens „Parsival“ reißt bei Zeiten und dann muss es schnell gehen.

Immer wenn die Lampe leuchtet, ist Katica Antoni gefordert. Katica Antoni ist für sechs Strickmaschinen verantwortlich. Damit trägt sie ihren Teil dazu bei, dass bei Marc Cain in Bodelshausen jeden Tag rund 2.000 Teile von Pullovern produziert werden.

Stillstand kostet Zeit und Geld. Deswegen muss es schnell gehen, wenn sich etwa das Garn mit dem Namen „Parsival“ verknotet hat. Antoni öffnet die gläserne Abdeckung der Strickmaschine, zieht das Garn heraus, schneidet einen Teil ab, fädelt wieder ein und leuchtet mit ihrem Scanner den Barcode am Gehäuse an - die Maschine läuft wieder. Später fällt dann ein Teil eines Pullovers in ein Fach unter der Maschine. „Jeder Arbeitsgang muss abgescannt werden“, sagt Katica Antoni. Damit wird dokumentiert, was läuft oder was nicht, aber auch, wie viele Pulloverteile wie etwa Vorderseiten, Rückseiten oder Ärmel bereits gefertigt wurden. Steht aber eine Maschine, „dann muss ich auch etwa gerissene Garnfäden wieder zusammenknoten.“ Durch das Scannen erfährt sie, wie viele Pulloverteile vor dem Stillstand produziert wurden und kann nun den Befehl geben, „mach 20 weitere Teile!“ Scannen, Druck auf den Bildschirm – die Produktion geht weiter. „An der Maschine ist es am interessantesten“, sagt die Meisterin der Strickmaschinen.

98 Mitarbeiter, drei Schichten

„Keine unserer Maschinen ist älter als vier Jahre“, erklärt Karl-Moritz Kraus, der verantwortliche Manager für die 98 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und 100 Maschinen in der Strickerei. Bis ein größeres Teil aus der Maschine fällt, dauert es etwa eine Viertelstunde, „kleinere mache ich in drei bis vier Minuten“, erklärt die Strickerin. Doch sie hat nicht nur an ihren Maschinen zu tun: An den Teilen hängen Garne, die abgeschnitten und deren Ende dann verknotet werden müssen, „ich halte die Teile dann gegen das Licht, um zu sehen, ob sie irgendwo zu dick oder zu dünn geworden sind“ - auch diese Art von Qualitätsprüfung soll zum guten Ruf des schwäbischen Modelabels beitragen. Gegründet wurde dieses 1973 vom geschäftsführenden Gesellschafter Helmut Schlotterer, der Umsatz lag 2014 bei 246 Millionen Euro, gearbeitet wird in drei Schichten. Katica Antoni ist im 26. Jahr dabei „und wenn es mir nicht gefallen würde, hätte ich mir längst etwas anderes gesucht“, meint sie.

17 Uhr: Der Strippenzieher

Viel zu sehen, viel zu hören: Jona Héber, Meister für Veranstaltungstechnik, stellt die Weichen für die Show. Foto: Wiemer-van Veen

Feierabendzeit, nachher etwas Kultur. Zum Beispiel in der Stadthalle Balingen. Techniker Jona Héber sorgt schon jetzt dafür, dass später alles gut rüberkommt. Wie fast jeden Abend. Rock‘n‘Roll gibt‘s aber relativ wenig im Alltag.

Das Bühnenbild ist recht ruppig gehalten. Eine blutrote Sauerei. Hinter den Kulissen erinnert sonst nichts an Sex, Drugs und Rock‘n‘Roll. Gerade wurde sauber ausgeleuchtet. Auf der Beleuchtungsbrücke, in Vogelperspektive, gleicht Haustechniker Jona Héber eben die Einstellungen des Fremdtechnikers mit seinen auf dem Tablet ab, das mit dem Mischpult im Kontrollraum verbunden ist. Und huscht flink über die enge Seitenstiege hinunter in selbigen. „Wir sind jetzt quasi spielbereit.“

Aufbau und Soundcheck waren heute Vormittag. Heißt: Bei weniger Bühnenaufwand wären jetzt Proben und Soundcheck dran. Ein paar Stunden Kaffeepause ist aber nicht. „Wann was passiert, hängt immer von der Veranstaltung ab. Und wenn etwas Luft ist, wie jetzt, plane ich die nächsten Shows.“ Sagt‘s und führt noch eben ein, zwei Telefonate mit potenziellen „Stagehands“, sprich Bühnenhelfern. Meistens kriegt er dafür Teilzeitkräfte, ist aber immer auf gute kräftige Helfer angewiesen. Der junge Mann spricht sehr akzentuiert und sehr gelassen. Ist immer mit einem Auge oder Ohr am Geschehen um sich herum dran, verliert aber nie den jeweiligen Gesprächsfaden. 

Nur Heimspiele

Héber ist ein echtes „Eigengewächs“. Er ging in Balingen zur Schule, machte 2008 seine Ausbildung in der Stadthalle. Seit knapp zwei Jahren ist er hier Meister in Vollzeit und, im Wechsel mit Bühnenmeister Klaus Edelmann, ständiger Ansprechpartner für Künstler und externe Techniker. „Unser Job ist, dem Künstler und Publikum das optimale Ergebnis zu liefern.“ Das ist teilweise recht hart: Tage mit bis zu elf Arbeitsstunden sind nicht selten. Lob auch: Bühnentechniker ziehen im Hintergrund die Strippen und werden allenfalls dann wahrgenommen, wenn irgendwas nicht funktioniert. Als stationärer Techniker, erzählt Héber, arbeite man zudem die Hälfte der Zeit den „Stage rider“ ab, die technischen Vorgaben, und passt diese an die Infrastruktur an. Je präziser die Vorgaben, desto glatter läuft‘s. Improvisieren bleibt dennoch nicht aus. Und die Zeitpuffer können auch entfallen. „Es gibt Künstler, die eine halbe Stunde vor Einlass hier aufkreuzen und davon ausgehen, dass alles schon passt. Scheinwerfer einstellen, Soundcheck, kurze Probe, fertig. Da geht’s nahtlos in die Show rein.“

Um 19 Uhr ist heute Start, Feierabend voraussichtlich gegen 23 Uhr. Und dann? Bierchen mit Kollegen oder hier und da eine Aftershowparty? „Es passiert, aber eher selten. Der Zeitplan ist schließlich bei allen straff.“ Man nimmt ihm das sogar ab.

18 Uhr: Udo? Nein UKT!

Chefredakteur mit grünem Stift. Gernot Stegert auf der allabendlichen Suche nach Fehlern in der Zeitung von morgen.

Ein grüner Stift in der Hauptrolle? Aber ja! Auf der Suche nach Fehlern in der Zeitung von morgen ist der Grünling beim Schwäbischen Tagblatt mehr als nur ein Utensil.

Es ist 18.15 Uhr und Chefredakteur Gernot Stegert schreitet zur Tat. Und das jeden Tag. Klingt martialisch, ist es aber gar nicht. Stegert studiert die Zeitung von morgen. Oder zumindest das, was schon fertig ist. Jeden Tag um Viertel nach sechs hängen beim Tagblatt in Tübingen die fast fertigen Seiten an der Pinnwand. Die Blattmacher vom Dienst haben bis dahin schon das allermeiste von dem verarbeitet, was Redakteure und Reporter für die über 40.000 Tagblatt-Leserinnen und -Leser recherchiert und geschrieben haben.

Ritual, offen für alle

Doch wie sieht das aus? Sieht das nach was aus? Heute steht Gernot Stegert allein vor den Seiten. Das ist nicht immer so. Das Ritual am frühen Abend ist durchaus Teamwork. Jede und jeder aus der Redaktion darf mitschauen und kommentieren. Es geht um das Layout der Artikel und Seiten: Ob die Bilder passen. Die Bildunterschriften sitzen. Die Überschriften keine versteckten Fehler enthalten oder sich mit der Headline nebendran sprachlich überschneiden.

Volle Konzentration

Stegert ist konzentriert. Das Drumherum wird völlig ausgeblendet. Jetzt zählt nur noch die eigene Zeitung. Er sucht und will doch eigentlich nichts finden. Die erste Seite ist fertig. Gernot Stegert ist zufrieden und setzt an der oberen Blattkante einen Haken. Mit dem grünen Stift. „Ich lese nicht alle Texte Korrektur. Das ginge jetzt auch gar nicht. Dafür haben wir das Vier-Augen-Prinzip. Jeder Artikel, der hier hängt, wurde von einem anderen aus der Redaktion schon gegengelesen“, berichtet der Chefredakteur aus dem Tagesablauf und hat auf der nächsten Seite schon eine zu tief sitzende Überschrift entdeckt. Und kringelt sie ein, natürlich in grün.

Große Fehler sind eher selten. Es sind die kleinen Dinge. „Winzigkeiten“ nennt sie Stegert: Leicht verschobene Bilder, eine fehlende Leerzeile oder Namen, die falsch geschrieben sind. Alles Dinge, die im Tagblatt-Layout eben nichts zu suchen haben. Stegert hat die abendliche Kontrolle vor drei Jahren eingeführt als der mittlerweile 52-Jährige frisch von der „Heilbronner Stimme“ nach Tübingen gekommen war. Der Blick aufs Blatt dient der Qualitätssicherung. Da unterscheidet sich die Zeitung nicht vom Maschinenbau. Und sie ist nötig, wie der Chef erst kürzlich selber erleben musste. In einen Artikel über das geplante Parkhaus am Universitätsklinikum, kurz UKT, hatte das neue Korrekturprogramm beim Tagblatt ein wenig eingegriffen. Weil es die Abkürzung UKT nicht kannte, hatte es daraus kurzerhand „Udo“ gemacht und das an allen Stellen im Text, bis hin zur Überschrift. Zum Glück: Gernot Stegert hat es noch gesehen und korrigiert. Klar: Mit grün.

19 Uhr: Büro sauber, Rente besser

Sonia Kaba und ihr Wagen. Im Einsatz für ein sauberes Arbeitsumfeld. Foto: Schreyer


Für die einen geht der Arbeitstag zu Ende. Die anderen starten durch. Zur Wertschöpfung gehört auch ein sauberer Arbeitsplatz –und den gibt es.

Einige Herren mit Aktentaschen huschen noch durch das moderne Gebäude, sonst aber herrscht Ruhe. Die Anwälte der Reutlinger Kanzlei Völker & Partner haben Feierabend. Die Besprechungszimmer sind leer, die Schreibtische verlassen. Das ist die Zeit von Sonia Kaba – zumindest in ihrer zweiten Schicht, Beginn 17.30 Uhr, Dauer viereinhalb Stunden.

Mehr als Mindestlohn

Zielstrebig schiebt Frau Kaba ihren Reinigungswagen über den Flur. An diesem hängen verschiedene Eimer, etwa für sauberes Wasser und für Schmutzwasser, für die verschiedenen Anforderungen bei der Reinigung. Bestückt ist der Wagen zudem mit Wischmopp, Wischtüchern, Schwämmen und Müllsack. Die Tücher haben verschiedene Farben, ebenso die Schwämme. Die angelernte Reinigungskraft ist eine von 200 Mitarbeitern bei Tidyservice Gebäudereinigung in Pfullingen und kennt ihre Farben: Blau steht für Oberflächen in den Büros, rot für WCs, mit gelben Tüchern werden Waschbecken in den WC-Bereichen  gereinigt. 

„Ich mache das auch, damit ich mir etwas leisten kann“, sagt die gebürtige Reutlingerin. Hurtig wischt sie mit ihrem grünen Tuch über das Spülbecken in der Teeküche. Dann kommen mit blauem Tuch Oberflächen wie Ablagen und Türen dran. „Natürlich kann ich mit der Arbeit auch die Rente aufbessern und ich will nicht einfach nur zu Hause sitzen.“ Schnell wird noch über die Kaffeemaschine gewischt, die Teeküche ist fertig. Frau Kaba schiebt den Wagen mit ihrem Handwerkszeug weiter. Zum Einsatz kommen jetzt die roten Tücher für die Toilette. Diese ist eigentlich nicht sehr verschmutzt, gereinigt aber wird sie jeden Tag. Anders als die Büroräume. Diese sind in der Regel einmal wöchentlich an der Reihe. 

„Ich arbeite hier ziemlich eigenverantwortlich“, sagt die 50-Jährige, „das macht auch einen Reiz bei meiner Arbeit aus“, erzählt sie. Schnell werden im Empfangsbereich noch Tastaturen von Telefon und Bildschirm abgewischt und ein Papierkorb geleert, dann fährt sie mit dem Aufzug in den nächsten Stock. Für Tidyservice putzt sie seit sechs Jahren. Ihre erste Schicht dauert von acht bis zwölf Uhr, dann gibt es eine Pause, um 17.30 Uhr wird weitergearbeitet. „Bei uns wird nach Tarif bezahlt“, versichert Tidy-Geschäftsführer Günter Braun, „dies ist deutlich mehr als der Mindestlohn.“ Frau Kaba erhält 9,55 Euro in der Stunde und sagt, „ich hoffe, dass ich das noch lange machen kann“ – wegen der Rente und um sich etwas leisten zu können. 

20 Uhr: 60 Minuten Schwitzen

Aymen Selmis Zumba-Kurs ist nicht nur gut für den Körper, sondern auch für die Stimmung. Foto: Busch

Ein altes Sprichwort besagt: „In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist.“ Das ist auch das Motto von Kursleiter Aymen Selmi, der jeden Donnerstagabend etwa 15 Sportbegeisterte im „Fitness World“ in Albstadt-Ebingen mit Zumba einheizt.

Eigentlich ist Aymen Selmi ein freundlicher, zurückhaltender Mann. Und so sitzt der Tunesier nett lächelnd im Trainingsanzug im Eingangsbereich des „Fitness World“ und schlürft seinen Latte Macchiato. Eine knappe halbe Stunde bleibt ihm noch, bevor in der Trainingshalle des Fitness-Studios sein Kurs beginnt. „Im Hauptberuf bin ich Physiotherapeut“, sagt Aymen, „doch einmal in der Woche gebe ich hier Training. Der Sport ist für mich die Erholung.“

Kaum hat Aymen sich auf der Bühne der Trainingshalle vor dem riesigen Spiegel aufgebaut und die Musikanlage aufgedreht, wird aus dem zurückhaltenden Mann ein Energiebündel, das die Teilnehmer der „Zumba Master Class“ für 60 Minuten so richtig in Wallung bringt. „Über 1.000 Kilokalorien kann man dabei pro Stunde verbrennen“, schwärmt Aymen. Ein Argument, das vor allem die Damen in dem Kurs überzeugt haben dürfte. Sie sind heute nämlich eindeutig in der Überzahl.

„Schnelleeer!“, „Tiefeeeer!“

Doch nicht nur die Damen, auch der einzige männliche Teilnehmer greift nach etwa 20 Minuten zu Handtuch und Trinkflasche, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen. Tatsächlich zeichnen sich auf den Rückenpartien vieler T-Shirts und Tops schon deutliche Schweißflecken ab. Aymen lässt seinen Schützlingen trotzdem keine Ruhe. Er ist nicht nur Vortänzer, sondern auch Motivator und Antreiber. Während die laute Musik unablässig den Rhythmus vorgibt, schreit der Modellathlet in die Halle: „Schnelleeer!“, „Runteeer!“, „Tiefeeeer!“.

Erschöpft, aber glücklich

Dass man sich hier dennoch nicht wie auf einem Kasernenhof fühlt, hat mit der guten Stimmung zu tun, die im „Fitness World“ herrscht. Sie dürfte auch mit dafür verantwortlich sein, dass sich das inhabergeführte Fitness-Studio – trotz starker Konkurrenz und ohne einer Kette anzugehören – bereits seit 15 Jahren in Albstadt-Ebingen hält. Und so ist es für die Teilnehmer der „Zumba Master Class“ nach einer Stunde Auspowern ganz selbstverständlich, sich gegenseitig zu applaudieren und abzuklatschen. Statt Musik hört man jetzt nur noch schnelles, tiefes Ein- und Ausatmen. Alle Teilnehmer sind erschöpft, aber glücklich. Aymen sei Dank!

21 Uhr: Mit Adleraugen unterwegs

Kontrollfahrt mit dem Einkaufswagen: Behar Smajli sammelt kurz vor Ladenschluss noch leere Kartons ein. Foto: Brunner

Der Leiter des Mössinger Rewe Marktes hat einen Smiley auf der Dienstweste – und das aus gutem Grund.

„Hey Smiley, gib mal bitte ein Zehnerle!“ “Warum?“ „Sonst muss ich mit Karte zahlen. Ist ja auch blöd wegen dem Bisschen.“ Behar Smajli (der Familienname spricht sich wie das englische Smiley) fasst in die Hosentasche und gibt dem jungen Kunden zehn Cent für seine Tüte Sonnenblumenkerne. Der Inhaber des Mössinger Supermarktes macht dem lächelnden Emoticon auf seiner Weste alle Ehre. Freundlich hilft er aus, ob es mit einem „Zehnerle“ ist oder wenn jemand den Zitronensaft nicht findet.

Systematisch dreht Smajli seine Runde durch die Gänge, zieht leere Kartonage aus den Regalen und schiebt sie im Einkaufswagen vor sich her. „Ich bin zwar Rewe-Partner, aber als selbstständiger Kaufmann. So kann ich eigene Entscheidungen treffen und den Kunden auch Sonderwünsche erfüllen“, erzählt der Einzelhändler, während er Produkte mit den Etiketten nach vorn dreht. „Wir haben ein großes Angebot an regionalen Produkten: Obst, Gemüse, Milchprodukte, Nudeln, Schokolade, Wurstwaren und lokal produzierte Eigenausstattung“, lächelt er stolz. Drei Angehörige arbeiten im Laden mit. „Es geht schon familiär zu. Aber verwandt oder nicht, alle Mitarbeiter hier sind wie Familie. Die meisten Angestellten sind schon lange Jahre hier.“

Zeit vergeht im Flug

Behar Smajli geht in seinem Beruf voll auf. Während die Kundschaft die letzte Stunde der Öffnungszeiten nutzt, um  in Ruhe durch den Laden zu bummeln, gibt es für den Chef kein Verweilen. Preisschilder neu anbringen, Bananen wieder in Reih und Glied anordnen, die Blumen draußen in den Käfig schließen, im Getränkemarkt nebenan nach dem Rechten sehen, Müll sortieren, Leergut rausstellen – alles erledigt Smajli mit routiniertem Griff, und seinen Adleraugen entgeht nichts. Die Zeit vergeht im Flug. Die Kassierer wiegen die Münzen ab. Der Marktleiter scannt die Codes für die Nachbestellungen ein. „Es gibt immer eine Menge zu tun. Für mich als Chef hat der Arbeitstag auch manchmal zwölf Stunden oder mehr, doch das merkt man erst, wenn man am Ende des Tages auf die Uhr schaut und sich wundert, wo die Zeit geblieben ist. Aber das gehört eben dazu“, fasst Smajli zusammen und lächelt gelassen. Dann steckt er den Schlüssel in das Schloss, drückt auf den Knopf, der die Türen verriegelt und die Alarmanlage aktiviert. Für heut ist Feierabend.

22 Uhr: Zuflucht Feinherb

I love this game: Bartender Darko „Michel“ Stipetič (links) gibt in seiner Kneipe die Richtung und die Stimmung vor. Wer will, darf gerne mitkommen. Foto: Wiemer-van Veen

Ständig Party? Von wegen. Als Kneipier muss man jederzeit auf alles vorbereitet sein – und liefern können. Auf engstem Raum. Weihnachtsmänner inklusive.

Der Abend ist warm. Aber noch nicht warm genug. Am Tübinger Rathausplatz räumen die Bistros leergebliebene Tische ab. Bei „Chez Michel“, in der Marktgasse unterhalb, sieht es von außen immer irgendwie voll aus. Täuscht aber. Die Bar ist schmal, nur 34 Quadratmeter, der Tresen liegt am Eingang. In der Sitzecke hinten ist dagegen Platz. „Die Jüngeren gehen eh erst ab 23 Uhr aus“, sagt Inhaber Darko Stipetič gelassen. Mitternacht sei die Stoßzeit. Gegen 3 Uhr macht der Laden dicht. Aufwärmphase also.

2009 hat der gelernte Barkeeper aus Kroatien die einstige Franzosen-Bar übernommen. Und frischen Wind in die Tübinger Kneipenszene gebracht. Eine Mischung aus Kiez, Club und Comic-Strip. Jetzt sind es ein Dutzend Gäste, Altersdurchschnitt um die 40. Darko mixt ein paar Whisky Sour, das Angebot des Abends, sein Kollege sieht draußen bei den Rauchern nach dem Rechten. Mit den Anwohnern will man nicht anecken. Eine familiäre Atmosphäre.

Stress, komm her

Sieht so aufwärmen aus? Die meisten Kneipenbesucher kämen einfach später, auch unter der Woche. „Da stürmt dann ein Zug hier rein, ist nach einer knappen Stunde wieder draußen und dann kommt der nächste. Wenn man sich da nicht um das „Mise en place“ gekümmert hat, schwimmt man“. Kurz: Es sind genügend Gläser gespült, poliert und eingeräumt und der Nachschub an frisch gepressten Säften und Spirtuosen steht parat. Und, mal auf dem falschen Fuß erwischt? An einem Weihnachtsmarkt hatte er auf einen Schlag eine Horde Weihnachtsmänner im Laden. „Komisch drauf und schwer zu durchschauen, aber alle gut am Glas. Meine Gäste haben den Laden recht zügig verlassen. Dann musste ich allein mit denen klarkommen“, lacht der Kneipenchef. 

Weihnachtsmänner sind es nicht, aber ein paar Minuten später füllt sich das „Chez Michel“ schlagartig mit jungen Leuten, auch ältere Stammgäste kommen hinzu. Die beiden Kneipenleute legen sofort den Schalter um. Kurze Blicke, kurze Wortwechsel genügen. Zwei massive Typen, die sich auf engstem Raum zügig hin und her bewegen, sich trotzdem nie in die Quere kommen, an allen Fronten sind. Fast beiläufig. Ein Moment ganz nach Darkos Geschmack. Wenn ihm danach ist, schaltet er sich dabei noch in ein Gespräch ein, klopft einen Spruch, erzählt eine Pointe oder schmettert eine Lachsalve aus dem Kreuz. „Ich lese Stimmungen ab oder Situationen und versuche immer einen Schritt voraus zu sein“, meint der Barmann. Die Nacht kann kommen.

23 Uhr: Der Ruf der Straßen

Wo du wolle? Jedenfalls nicht aufs Bild. Die Wege des Taxi-Cowboys Bernhard sind unergründlich – und viele Meilen lang. Foto: Wiemer-van Veen

Zapfenstreich in Münsingen. Der Busverkehr ruht. Kleinstadt-Blues. Keine drei Minuten nach dem Anruf beim Unternehmen Timobile fährt ein Großraum-Taxi vor.

„Ich heiße Bernhard“, sagt der Taxifahrer auf Nachfrage. Wie weiter, tue nichts zur Sache. Auch gut. Das Auto riecht wie ein Neuwagen. Es läuft kein Dudelfunk. Bernhard wirkt auf sympathische Art bärbeißig, ruhig und putzmunter. Gerade kommt er von der letzten Linienfahrt, die man bis 18 Uhr anmelden muss und teilweise den Busverkehr ersetzt. Seit einer halben Stunde ist Nachtschicht. In einer Handvoll Minuten geht‘s weiter zum Ulmer Hauptbahnhof.

Der Tag geht, das Taxi kommt

Der Taxifahrer lehnt sich in den Sitz zurück. Warten und Fahren, das ist hier der Rhythmus. Der Stuttgarter Flughafen, sagt er, ist ein weiterer Kandidat. Die heiße Phase ist dennoch fern. „Zwischen 2 und 4 Uhr wird‘s erst interessant. Da wollen alle auf einmal Heim." Auch unter der Woche? Doch schon, von Mai bis September gebe es schließlich Feste zuhauf. Aber natürlich brummt das Geschäft erst richtig am Wochenende. „Da hört das Diensthandy frühmorgens gar nicht mehr auf zu klingeln."
Im Moment ist keine Menschenseele auf der Straße. Ein Polizeiauto fährt vorbei. Bernhard zeigt aufs Display: „Die hab ich hier oben gespeichert. Ein Anruf und in zwei Minuten sind sie da. Wie ich." Ist der Job so gefährlich? Nicht unbedingt, aber man fühlt sich besser. Vor acht Jahren hat er mal von hinten eine Bierflasche übergebraten bekommen. Drei junge Leute wollten die Zeche prellen und die Kasse klauen. „Die haben gedacht, ich gehe K.O." Weit gefehlt. Eigenhändig fuhr er sie noch zur Polizei. „Das sind aber Ausnahmen.“

Dickes Fell bei Betrunkenen

Seit zehn Jahren fährt Bernhard Taxi für die Firma Timobile, die auch das Tankstellenareal am Stadtrand Münsingen betreibt. Zuvor war er 20 Jahre lang Lkw-Fahrer, hat drei Millionen Kilometer Asphalt aufm Buckel. Heute wird Bernhard bis zu zwölf Stunden schichten, die Wartezeiten mitgerechnet. Ob und wie lang er Pause machen kann, entscheiden die Touren. „Nachtfahrten sind nicht jedermanns Sache. Aber ich mag‘s." Das häufig nötige dicke Fell bringt er jedenfalls mit. Zu etwa 90 Prozent kennt er die Fahrgäste. Doch das heißt im Zweifel nicht viel. „Du fährst sie nüchtern und drei, vier Stunden später sind das ganz andere Menschen."

Noch fünf Stunden, dann macht die Tankstelle auf, übernehmen die Kollegen. Bernhard blickt kurz auf den Taxameter. „Jetzt aber." Ein schnelles Foto – nur vom Taxi, versteht sich – und ab. Gute Nacht, Bernhard. Und Tschüß Neckar-Alb.