Bildung – Unsere Fachkräfte von morgen

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Der demographische Wandel macht auch vor den Fachkräften unserer Region nicht Halt. Bis 2030 werden laut aktualisierter Prognosen des IHK-Fachkräftemonitors für Baden-Württemberg rund 19.000 Fachkräfte in der Region Neckar-Alb fehlen.

Dabei ist der Bedarf an beruflich Qualifizierten mit rund 18.000 am größten. Die Lücke bei den Akademikern wird dagegen auf nur 700 beziffert. Dies ist nicht nur der Tatsache geschuldet, dass die Zahl der Studienanfänger mit rund 7.000 die der Auszubildenden mit 2.600 im Jahr 2014 deutlich übersteigt (Statistisches Landesamt Baden-Württemberg). Auch die mangelnde Ausbildungsreife und unklaren Berufsvorstellungen vieler Bewerber sind laut DIHK-Ausbildungsumfrage unter 2.400 baden-württembergischen Unternehmen ein großes Problem. Entsprechend steigt die Zahl der unbesetzten Lehrstellen an. Eine an den Bedürfnissen der Unternehmen orientierte Bildung und Ausbildung sind somit der Schlüssel, um dem Fachkräftemangel in der Region Neckar-Alb zu begegnen. Schließlich sind gut qualifizierte und motivierte Arbeitskräfte der Wachstumsmotor für Unternehmen und Region.

1. Qualität der schulischen Abschlüsse erhalten

Erworbene Schulabschlüsse müssen über alle Schularten hinweg miteinander vergleichbar sein. Insbesondere mit Blick auf die Binnendifferenzierung (z.B. durch Kurssysteme) sollte sichergestellt werden, dass die Arbeitgeber wissen, welche Kompetenzen und Kenntnisse sie von den Absolventen erwarten können. Dabei müssen die Ansprüche an die Abschlüsse hoch bleiben. Das gilt vor allem für die Mittlere Reife. Die Absolventinnen und Absolventen der Realschulen sind nach wie vor die Hauptquelle für Auszubildende in den Betrieben, und bilden das Fundament für den Erfolg der dualen Ausbildung. Dazu gehört auch, dass Schularten weder finanziell noch mit Bezug auf Lehrerstellen benachteiligt werden dürfen. Insgesamt sollten Entscheidungen über Schulformen nicht mit dem Ziel getroffen werden, einen bestimmten Schulstandort zu sichern, sondern das beste Konzept für die passende Schule belohnen.

2. Ausbildungsreife sicherstellen

Viele Unternehmen haben Schwierigkeiten, ihre offenen Lehrstellen zu besetzen. So sind zum Beginn des Ausbildungsjahres 2015 in der Region Neckar-Alb noch rund 200 Stellen offen. Dass nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze vergeben werden konnten, liegt unter anderem an der mangelnden Ausbildungsfähigkeit vieler Jugendlicher. Dabei kann es nicht die Aufgabe der Unternehmen sein, die Bewerber/innen nachzuqualifizieren. Vielmehr liegt es in der Verantwortung der Schulen, die Ausbildungsreife der Jugendlichen sicherzustellen. Pilotprojekte zum Übergang von Schule und Beruf sind zu evaluieren und bei Erfolg auszuweiten. Für die Unternehmen der Region, die Praktika und Ausbildungsplätze für schwächere Jugendliche zur Verfügung stellen, sollte die Landesregierung begleitende Unterstützungssysteme bereitstellen und Modellprojekte fördern.

3. Berufsorientierung an Schulen verbessern

Mit dem neuen Bildungsplan wird ab dem Schuljahr 2016/2017 das Fach "Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung" in allen weiterführenden Schulen der Region Neckar-Alb eingeführt. Ziel dieses Fachs muss es unter anderem sein, neben dem Studium auch die Ausbildung als eine Möglichkeit der beruflichen Entwicklung nach dem Schulabschluss aufzuzeigen.

Unsere Forderung für die Region
Die Landesregierung sollte die von der IHK Reutlingen in Kooperation mit anderen IHKs in Baden-Württemberg angebotene Nachqualifizierung von Lehrer/innen für das Fach "Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung" unterstützen. Sie muss dafür sorgen, dass Lehrkräfte aus der Region dieses Angebot nutzen können. Wer an entsprechenden Fortbildungsangeboten teilnimmt, sollte durch Deputatsstunden entlastet werden, ohne dass dabei weiterer Unterricht ausfällt.

4. Gründungsprogramme in der Schule

Früh übt sich, wer ein Meister werden will. Gleiches gilt für die Gründung von Unternehmen. Deshalb müssen junge Menschen schon frühzeitig auf die Möglichkeiten einer Unternehmensgründung gestoßen werden. Eine gute Option sind hier Schülerfirmen, um das unternehmerische Denken der Schülerinnen und Schüler zu fördern. Die Durchführung der Schülerfirmen bedeutet für Lehrer allerdings einen zusätzlichen Aufwand, den sie freiwillig auf sich nehmen. Die Landesregierung sollte deshalb die erforderlichen Voraussetzungen schaffen, damit Schülerfirmen an allen Schulen in den Lehrplan aufgenommen werden können. Dazu ist eine gesetzliche Verankerung in den Lehrplänen, die Bereitstellung von Mitteln sowie die Freistellung von Lehrern nötig.

Unsere Forderung für die Region
Die bestehenden Modellprojekte zu Existenzgründung an Schulen in den Landkreisen Reutlingen, Tübingen und dem Zollernalbkreis (zum Beispiel Tübingen, Gönningen) sollten finanziell gefördert werden. Dort werden Schülerfirmen bereits in den Lehrplan integriert.

5. Innovationsprogramme für Kinder und Jugendliche stärken

Auch das für Unternehmensgründungen erforderliche innovative Denken will gelernt sein. Je früher Heranwachsende sich damit beschäftigen, umso besser. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die Zahl der Gründungen in der Region Neckar-Alb, aber auch in Deutschland allgemein, seit Jahren rückläufig sind.

Unsere Forderung für die Region
Die IHK sollte bei ihren Programmen "Haus der kleinen Forscher" und "MINT Kids" unterstützt werden. Dabei wird der Erfindergeist mit Hilfe von naturwissenschaftlichen Experimenten von klein auf an Kindergärten und Grundschulen geweckt. Weiterhin ist auch eine zusätzliche finanzielle Förderung des Schülerforschungszentrums in Eningen unter Achalm wünschenswert.

6. Flächendeckende Versorgung mit Berufsschulen aufrechterhalten

Grundvoraussetzung für das System der dualen Ausbildung, das in vielen Ländern mittlerweile als Vorbild dient, ist der Erhalt der Berufsschulen. Im Jahr 2015 ist die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Vergleich zum Vorjahr um rund 100 gesunken - im technisch/ gewerblichen Bereich entspricht das einem Rückgang von rund 1,8 Prozent, bei den kaufmännischen Berufen zirka 6 Prozent. In Folge sinken auch die Schülerzahlen in den Berufsschulklassen der Region Neckar-Alb seit 2007 kontinuierlich. Rückläufige Schülerzahlen sollten aber nicht automatisch zur Schließung von Standorten führen. Standortentscheidungen sind nicht alleine an den Schülerzahlen festzumachen. Es sollte auch die Bedeutung des Ausbildungsberufs für die Region berücksichtigt werden.

Unsere Forderung für die Region
Die IHK Reutlingen sollte als Vertreter der Wirtschaft an den Strukturentscheidungen für Berufsschulstandorte angemessen beteiligt werden.

7. Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt erfolgreich gestalten

In der Region Neckar-Alb kamen bis September dieses Jahres zirka 1100 Flüchtlinge mit Bleibeperspektive an. Schätzungen zufolge wird bis Ende des Jahres mehr als das Doppelte an Flüchtlingen auf die Landkreise der Region verteilt werden. Diese müssen mit Blick auf den Fachkräftebedarf schnell in den Arbeitsmarkt integriert werden. Doch die Asylverfahren dauern zu lange und es mangelt an notwendigen Sprachkursen. Hier muss das Land die entsprechenden Voraussetzungen schaffen und die Kommunen stärker unterstützen - insbesondere im ländlichen Raum. Die allgemeine und berufsbezogene Sprachförderung sollte deshalb ausgebaut und das Verfahren zur Anerkennung von Qualifikationen optimiert werden.

Weiterhin brauchen die Unternehmen Planungssicherheit. Dazu braucht es die Garantie, dass Flüchtlinge während der Dauer ihrer Ausbildung drei Jahre lang nicht abgeschoben werden. Bei erfolgreichem Abschluss der Berufsausbildung sollte sich eine weitere zweijährige Duldung anschließen. Darüber hinaus sollte sich das Land im Bund für ein modernes Zuwanderungsgesetz und damit eine geregelte Zuwanderung von ausländischen Fachkräften einsetzen.

Unsere Forderung für die Region
Das IHK-Welcome Center sollte weiter ausgebaut und die Task Force Flüchtlinge der IHK Reutlingen unterstützt werden, damit die Wirtschaft ihrer Verantwortung bei diesem Thema gerecht werden kann.

8. Bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Angesichts des drohenden Fachkräftemangels kann es sich die Wirtschaft nicht mehr leisten, auf einen großen Teil von gut ausgebildeten Fachkräften zu verzichten. Zwar ist Baden-Württemberg mittlerweile Spitzenreiter beim Betreuungsschlüssel in Kindertageseinrichtungen (Kita). Mit Blick auf Sprachförderung besteht aber noch Handlungsbedarf. Darüber hinaus sollte die Betreuungsquote bei den unter Dreijährigen gemäß dem vom Statistischen Landesamt ermittelten Bedarf von 37 Prozent in Baden-Württemberg erhöht werden. Hierzu ist insgesamt eine Steigerung um 9,2 Prozent nötig.

Auch die nach wie vor beschränkten Öffnungszeiten und die Ferienzeiten der meisten Kitas stellen berufstätige Eltern vor Herausforderungen. Dies gilt insbesondere für die ganztätige Betreuung von Grundschulkindern. Entsprechend ist das Angebot an Kitas und Ganztagsschulen bedarfsorientiert und flächendeckend auszubauen. Auch für die Pflege Angehöriger sind flexible Konzepte zur Vereinbarkeit mit Berufstätigkeit erforderlich.

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