Bildung wettbewerbs- und zukunftsfähig gestalten

Zur Bildungspolitik in Baden-Württemberg hat die Vollversammlung der IHK Reutlingen ein Grundlagenpapier diskutiert und am 13. Juli 2017 wie folgt einstimmig beschlossen.

Der Hochtechnologiestandort Baden-Württemberg ist ein rohstoffarmes Land mit hohen Arbeitskosten. Der Faktor „Wissen“ war von je her die Schlüsselfunktion in der ökonomischen Entwicklung. Deshalb ist Wissen der wertvollste Rohstoff und der entscheidende Standortfaktor in Baden-Württemberg. Nur durch eine kluge Zukunftspolitik und mehr Investitionen in dieses wichtigste Gut kann Baden-Württemberg als starker Wirtschaftsstandort erhalten bleiben. 

Aus Sicht der beruflichen Bildung gibt es vier zentrale Forderungen an die Bildungspolitik:

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1. Betriebliche Ausbildung stärken

Die Zahlen sind dramatisch: Die demographische Entwicklung bringt schon heute Einschränkungen auf dem regionalen Ausbildungsmarkt. Noch gravierender wirkt sich jedoch das veränderte Berufswahlverhalten vieler Jugendlicher aus. Immer mehr Schulabgänger entscheiden sich für die akademische Bildung. Laut Bildungsbericht 2016 übersteigt die Zahl der Studienanfänger die Neuverträge in der dualen Ausbildung. Tendenz weiter steigend.

Das bedeutet konkret: Über eine halbe Million Jugendliche bundesweit zieht es nach der Schulzeit in die Hörsäle der Universitäten, Hochschulen und Dualen Hochschulen. Diese so genannte Akademisierung hat Folgen für die Nachwuchssicherung in der Region. Schon heute wird die Suche nach geeigneten Bewerbern für Ausbildungsbetriebe zunehmend schwieriger. Gelingt es nicht, diesem Trend gegenzusteuern, ist auf lange Sicht möglicherweise die duale Berufsbildung grundsätzlich in Gefahr.

Nicht jeder Studierende trifft die passende Entscheidung. Laut einer von den Ministerien für Wirtschaft und Wissenschaft 2017 gemeinsam in Auftrag gegebenen Studie zu Motiven und Ursachen von Studienabbrüchen, beenden rund 30 Prozent aller Immatrikulierten ihr Studium ohne Abschluss. Sie sind die Verlierer der Akademisierung. Das Ergebnis: Verunsicherte Studienabbrecher auf der einen, unbesetzte Lehrstellen auf der anderen Seite. Diese Fehlallokation geht nicht nur zu Lasten der regionalen Wirtschaft, sondern bringt oftmals begabte Schulabgänger um deren Chancen. Das neu aufgelegte Programm der IHK Reutlingen „Neustart für Studis“ richtet sich deshalb gezielt an Studienabbrecher und Studienzweifler und hilft beim Wechsel in die duale Ausbildung.

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2. Berufliche Schulen erhalten

Die beruflichen Schulen sind das unverzichtbare Bindeglied beim Übergang von den Schulen in den Ausbildungs-, Arbeitsmarkt und in die Hochschulen. Alle Schulabschlüsse müssen weiterhin an den beruflichen Schulen zu erwerben sein. Die flächendeckende Einrichtung von gymnasialen Oberstufen an Gemeinschaftsschulen ist zu vermeiden. Sie sind eine echte Konkurrenz zu den beruflichen Gymnasien. In Baden-Württemberg kommen immerhin 36 Prozent eines Abiturjahrgangs von beruflichen Schulen.   

An den Schulen müssen bessere Rahmenbedingungen geschaffen werden. Das schließt die Forderung nach Sanierung und Ausbau der Schulgebäude und eine gute Personalausstattung mit ein. Lehrermangel und Unterrichtsausfall gehen zu Lasten der Qualität. Strukturelle Unterrichtsdefizite an den Berufsschulen in Baden-Württemberg von über fünf Prozent sind nicht akzeptabel.

Neue Herausforderungen wie die Integration von Geflüchteten oder die Inklusion  müssen von den Schulen bewältigt werden. Gerade bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise haben sich die beruflichen Schulen im Land mit ihrer schnellen Einrichtung von Vorqualifizierungs-Klassen bewährt.

Die Stabilität und Innovationsfähigkeit der beruflichen Schulen muss erhalten bleiben, ebenso wie die Systemdurchlässigkeit und die Anschlussfähigkeit. Gerade diese Schulen leisten einen wichtigen Beitrag, wenn es zum Beispiel um die Erprobung neuer Übergangssyteme von Schule in den Beruf geht. Ein aktuelles Beispiel sind die Schulversuche des AV- und BV-Dual an beruflichen Schulen, bei dem Schulabgänger ohne Abschluss auf eine Ausbildung hingeführt werden sollen. In unserer Region wird das an der PMH-Schule in Balingen und an der Alice-Salomon-Schule in Hechingen erprobt.   

Die beruflichen Schulen bieten immer mehr vollzeitschulische Ausbildungen an. Die klassische berufliche oder duale Ausbildung darf dabei nicht ins Hintertreffen geraten. Der Wert der beruflichen Bildung muss gesteigert werden. Schulabgänger müssen verstärkt bereits an den Schulen motiviert werden, eine duale Ausbildung zu beginnen.

Berufsschulen sind in der Fläche zu erhalten und müssen den besonderen Bedürfnissen der regionalen Wirtschaft Rechnung tragen. Eine Orientierung nur an der Klassengröße wird dem nicht gerecht. Es muss möglich sein, in Ausnahmefällen Kleinklassen zu erhalten. Die Initiative von Landesminister Hauk, die Kleinklassengrenze in ländlichen Regionen von 16 auf acht Schüler herabzusetzen, wird begrüßt. Es kann nicht sein, dass zum Beispiel in Balingen die Klasse der Textil- und Modenäher/innen mit 14 Schüler/innen geschlossen wird. Von einer betriebs- und wohnortnahen Beschulung kann nicht mehr gesprochen werden, wenn zum Teil tägliche Fahrtzeiten von über fünf Stunden nach Metzingen entstehen. Dazu kommt, dass für den Zollernalbkreis die Textilbranche eine herausragende Bedeutung hat.

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3. Ausbildungsfähigkeit herstellen

Die Schule muss die Ausbildungsreife oder die Studierfähigkeit gewährleisten, selbst wenn dies zu einer Verlängerung der Schulzeit führt. Die Grundlagenbildung bei Lesen, Schreiben und Rechnen muss frühzeitig erfolgen. Die Schule muss stärker für die Qualität ihrer Bildungsleistung in Verantwortung genommen werden. Es kann nicht sein, dass die Schule junge Menschen ins Berufsleben entlässt, die den Satz des Pythagoras nicht kennen oder nicht wissen, wie man das Fassungsvermögen eines Eimers berechnet.

Zunehmend ist zu beobachten, dass die Unternehmen selbst betriebsinterne Nachhilfekurse zum Beispiel in Mathematik, Physik und Deutsch organisieren, um den Kenntnismangel der Schulabgänger zu kompensieren. Anschauliche Beispiele aus Baden-Württemberg wurden in der Presse genannt: Mapal in Aalen oder Ebm-Papst in Mulfingen. Auch in der Region Neckar-Alb sind solche Fälle bekannt. Nach einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung erteilt im Handwerk jeder dritte Betrieb nachholenden Schulunterricht. Nicht selten kommen diese „Hauslehrer“ von Schulen, die sich damit in ihrer Freizeit ein Zubrot verdienen. Es kann nicht sein, dass die Unternehmen unter dem Qualitätsproblem der Schulen leiden. Die Unternehmen sind keine postpädagogischen Einrichtungen zur Stabilisierung des Qualifikationsniveaus. Das muss die Schule leisten, dafür ist sie da.

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4. Digitalisierung voranbringen

Vertiefende Kenntnisse in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) sind in der heutigen Lebens- und Arbeitswelt wichtige Bildungsbestandteile und werden bei der Gestaltung der Digitalisierung gebraucht. Nach Angaben des Arbeitgeberverbandes fehlen in Deutschland aktuell 237.500 MINT-Arbeitskräfte. Allein 40 Prozent der unbesetzten MINT-Stellen für Hochschulabsolventen entfallen auf den IT-Bereich, einer der Schlüsselbereiche der Digitalwirtschaft von morgen. Eine stärkere Förderung der MINT-Fächer an allen Schulen ist unerlässlich. Der weitere Ausbau des Informatikunterrichts für Siebtklässler darf nicht nur an Gymnasien erfolgen.

Im Rahmen der Digitalisierung sind noch erhebliche Investitionen erforderlich. Industrie 4.0 und Wirtschaft 4.0 finden täglich im Beruf statt. Es gilt daher, die Berufsschulen als unerlässlicher Partner im dualen System zu stärken. Die materielle und technische Ausstattung ist zu verbessern. Ausreichend viele und vor allem gut ausgebildete Lehrer, gerade für die Spezialfächer im Elektro- und Metallbereich, müssen vorhanden sein.

In Baden-Württemberg wurden an beruflichen Schulen mit den Förderprogrammen „Lernfabrik 4.0“, „Tablet-Einsatz in anerkannten Ausbildungsberufen“ und „Digitalisierung und berufliche Ausbildung“ die ersten Schritte gemacht.

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IHK Reutlingen Bereich: Ausbildung
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Schwerpunkte: Bildungspolitik, Lehrstelleninitiative Neckar-Alb, Arbeitskreis Europäischer Sozialfonds Neckar-Alb, IHK-Berufsbildungsausschuss
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