EU-Generaldirektorin Kerstin Jorna trifft Unternehmen aus Neckar-Alb
Textilbranche diskutiert kritische Abhängigkeiten

Den Besuch in der IHK nutzte Kerstin Jorna, Generaldirektorin für Binnenmarkt, Industrie, Unternehmertum und kleine und mittlere Unternehmen (KMU) bei der Europäischen Kommission, um mit Vertreterinnen und Vertretern aus dem Bereich Technische Textilien ins Gespräch zu kommen. Dabei ging es um Wertschöpfungsketten, kritische Abhängigkeiten und die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Europa. „Die Region Neckar-Alb verfügt im Bereich Technische Textilien über eine außergewöhnlich hohe Expertise. Unsere Unternehmen kennen ihre Wertschöpfungsketten bis ins Detail und wissen genau, an welchen Stellen kritische Abhängigkeiten bestehen können“, sagte Dr. Wolfgang Epp, Hauptgeschäftsführer der IHK Reutlingen. „Dieses Wissen muss in die europäische Wirtschaftspolitik einfließen.“
Ein zentraler Diskussionspunkt war die geplante europäische Beschränkung von PFAS. Für zahlreiche Anwendungen fehlen bislang geeignete Alternativen. Am Beispiel Technischer Textilien, die hohen Anforderungen in Bezug auf Flammschutz unterliegen, wurde deutlich, dass „kritische Chemie“ einen verantwortungsbewussten Umgang erfordert und pauschale Verbote nicht weiterhelfen. „Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Produktion solcher High-Tech Textilien aus Europa verschwindet und die entsprechenden Produkte anschließend importiert werden“, sagte Dr. Michael Hees, Head of Printing and Coating bei der Textilchemie Dr. Petry GmbH. Jorna machte deutlich, dass die Europäische Kommission Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz künftig stärker gemeinsam betrachten wolle. Bei neuen Regelungen müsse genauer auf Geschäftsmodelle, Wertschöpfungsketten und auf verfügbare Alternativen geschaut werden.
Die IHK will den Austausch mit Jorna fortsetzen. „Dafür brauchen wir die praktische Erfahrung der Unternehmen“, so Epp. Die IHK will deshalb in einer Umfrage von ihnen wissen, welche kritischen Moleküle und Vorprodukte weiterhin in Europa hergestellt werden sollten und wo eine Beschaffung außerhalb Europas ohne neue Abhängigkeiten möglich ist. Auch die Herkunft von Spezialgarnen und bestehende Produktionscluster sollen betrachtet werden. „Es geht darum, besser zu verstehen, welche Teile der Wertschöpfungskette für Europa strategisch wichtig sind und wo wir industrielle Kompetenz erhalten sollten“, so Epp.
Hintergrund
Rund 50 Unternehmen aus dem Bereich Technische Textilien prägen den Industriestandort Neckar-Alb. Sie entwickeln und produzieren unter anderem Schutz-, Medizin-, Mobil- und Industrietextilien. Zum regionalen Umfeld gehören außerdem Textilmaschinenbauer, Hersteller chemischer Hilfsstoffe sowie Hochschulen und Forschungseinrichtungen.
