Blockade der Straße von Hormus

Drei Zukunftsszenarien

Das Beratungsunternehmen Wood Mackenzie hat im Rahmen einer Studie drei mögliche Zukunftsszenarien für die Situation rund um die Blockade der Straße von Hormus erarbeitet und dabei die jeweils möglichen Folgen für die Energieträger Öl und Flüssiggas sowie die globale Wirtschaft skizziert. Darüber hinaus gibt die Studie einen Ausblick auf die möglichen, langfristigen Veränderungen der globalen Energiemärkte als Reaktion auf die derzeitige Lage.

Drei ZukunftsszenarienFoto: Emanuele Mazzoni/Fotolia.com

Der Krieg zwischen den USA und Iran und die anhaltende Blockade der Straße von Hormus sorgen seit Ende Februar für Disruptionen auf den Energiemärkten. Trotz vorläufiger Waffenruhe bleibt unklar, ob und wann es zu einer Normalisierung der Situation kommen wird – in der Zwischenzeit stellt der Ausfall von rund 20% des globalen LNG-Angebots und von rund 11 Millionen Barrel Öl pro Tag weiterhin ein erhebliches Risiko für die Versorgungssicherheit und Preisentwicklung dar. Vor diesem Hintergrund hat das Beratungsunternehmen Wood Mackenzie im Rahmen einer Studie drei mögliche Zukunftsszenarien mit Fokus auf Öl und LNG entwickelt. Diese sollen im Folgenden vorgestellt werden: 

Szenario 1: Umgehender Friedensschluss 
Das erste Szenario geht von einem kurzfristigen Friedensschluss samt vorbehaltloser Öffnung der Straße von Hormus noch in diesen Tagen aus: 

  • Öl: Dank einer schnellen Normalisierung der Ölliefermenge sinkt der derzeit bei rund 95 Dollar liegende Brent-Preis zum 4. Quartal 2026 auf etwa 80 Dollar. Für 2027 erwartet die Studie einen weiteren Rückgang auf etwa 65 Dollar, bevor sich der Preis mittelfristig bei etwa 70 Dollar stabilisiert.
  • LNG: Hier geht die Studie von einer längeren Übergangsphase aus und erwartet bis in den Sommer 2027 angespannte Märkte. Grund dafür ist, dass die noch unbeschädigten Anlagen vor Ort erst dann ihre volle Kapazität erreichen werden, außerdem spielen zu erwartende Verzögerungen bei sich im Bau befindlichen Projekten eine Rolle. Ab 2028 könnte sich dann ein LNG-Überangebot einstellen.

Gesamtwirtschaftlich sind die Auswirkungen dieses Szenarios überschaubar: Zwar würde sich das globale Wachstum im Jahr 2026 abschwächen, eine weltweite Rezession bliebe jedoch – mit Ausnahme des Mittleren Ostens – aus. Langfristige Eintrübungen beim Weltwirtschaftsprodukt sind nicht zu erwarten. 

Szenario 2: Einigung im Sommer
Dieses Szenario geht von einer anhaltenden Waffenruhe aus, erwartet ein Friedensabkommen jedoch im Spätsommer, womit die Straße von Hormus erst im September geöffnet würde. 

  • Öl: Die längere Blockade sorgt für einen andauernden Preisanstieg im Sommer 2026. Auch danach bleiben die Ölpreise im Laufe des Jahres 2027 auf einem höheren Niveau – aufgrund der entsprechenden Verzögerungen bei der Wiederaufnahme und Auslastung der Lieferkapazitäten. Die Spillover-Effekte für die folgenden Jahre bleiben indes moderat, sofern es über den Sommer zu keinen schwerwiegenden Schäden an der Infrastruktur kommt.
  • LNG: Auch beim Flüssiggas bleiben die Preise bis 2027 auf einem hohen Niveau, das erwartete LNG-Überangebot verschiebt sich auf das Jahr 2029. Nicht auszuschließen ist, dass dieses Überangebot durch preisbedingte, strukturelle Anpassungen auf der Nachfrageseite in den 2030er-Jahren höher ausfällt als ursprünglich angenommen.

In diesem Szenario sieht sich der Mittlere Osten mit einem langfristigeren Wirtschaftsrückgang konfrontiert, welcher sich auch auf globaler Ebene auf besonders energieintensive Sektoren auswirkt. Dabei bleibt trotz kurzfristigen Rückgangs die langfristige Perspektive für die Weltwirtschaft weiter positiv. 

Szenario 3: Anhaltende Disruption 
Im dritten Szenario behindern andauernde Spannungen zwischen den Kriegsparteien den Abschluss eines Friedensabkommens. Die Straße von Hormus bleibt bis zum Jahresende 2026 geschlossen. 

  • Öl: In diesem Negativszenario führt die andauernde Knappheit bei Öl und Ölprodukten und der daraus resultierende globale Angebotsschock zu einem Rückgang der weltweiten Industrieproduktion und einer tiefen Rezession der Weltwirtschaft. Der Ölpreis steigt bis zum Jahresende 2026 auf bis zu 200 Dollar, könnte langfristig jedoch nachhaltig sinken – so geht das Szenario davon aus, dass es nach einer Erholung der Ölproduktion im Laufe des Jahres 2027 zu einem Überangebot kommt und der Ölpreis zunächst auf 50 Dollar sinkt, bevor er sich langfristig bei rund 65 Dollar einpendelt. Voraussetzung dafür ist, dass Importländer als Reaktion auf die hohen Ölpreise verstärkt auf alternative Energieträger und die Elektrifizierung setzen. Hierbei weisen die Autoren des Szenarios darauf hin, dass diese prognostizierte Preisentwicklung beim Öl die Kostenherausforderung für Importländer, die sich davon unabhängig machen wollen, unterstreicht.
  • LNG: Auch der Markt für Flüssiggas könnte sich grundlegend und langfristig verändern. Wie beim Öl geht der Report von einer langfristigen Nachfragesenkung als Folge hoher Preise aus, welche unter anderem dazu führen könnte, dass geplante LNG-Projekte eingestellt würden. Auch nach dem Ende der aktuellen Krise bliebe der LNG-Markt anfällig für geopolitische Spannungen.

Weltwirtschaftlich gesehen führt der laut Studie „größte Energieangebotsschock der letzten 100 Jahre“ in diesem Szenario zu einer tiefen Rezession im Jahr 2026, mit jedoch langfristig nicht so schweren Folgen wie jene der Finanzkrise 2008 und der COVID-19-Pandemie.  

Auch wenn die Autoren der Studie auf den Beispielcharakter der verschiedenen Szenarien hinweisen, bleibt deutlich, dass ein längeres Anhalten der aktuellen Krise tiefere Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und die Energiemärkte haben würde. Auch nach einer möglichen Entspannung sei bei Letzteren eine anhaltend erhöhte Preisvolatilität zu erwarten. Die aktuelle Energiekrise ist laut Studie der bisher härteste Test für die Resilienz der Öl- und Gasnachfrage und die Reaktions- und Anpassungsfähigkeit der Länder – und besitzt das Potenzial, die globalen Energiemärkte langfristig neu zu ordnen.  

Martin Fahling

Martin Fahling

International & internationale Fachkräfte,
IHK-Zentrale
Position: Bereichsleiter
Schwerpunkte: Grundsatzfragen, Außenwirtschaftspolitik, Beratungen, Institute for Emerging Markets
Telefon: 07121 201-186
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