Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir

„Wir wissen, wo unser Platz ist“

Bad Urach, Berlin, Brüssel – und jetzt wieder Berlin. Die politische Karriere des Cem Özdemir hat einen weiteren Höhepunkt erreicht: Minister. Im WNA-Interview geht es um seine Mobilität, die Agenda für die Landwirtschaft − und die Brezel. Über Stuttgart will er noch nicht sprechen.

Cem Özdemir42 Jahre in der Politik und seit mittlerweile 18 Jahren im Bundestag: Cem Özdemir. Foto: Grüne im Bundestag, S. Kaminski

WNA: Hand aufs Herz, Herr Özdemir: Schwaben werden in Berlin ja nicht immer gerne gesehen. Wir hoffen, man ist nett zu Ihnen?
Özdemir: Natürlich. Berlin ist eine multikulturelle Stadt, da hat auch die schwäbische Lebensart ihren Platz.

Am Tag der Vereidigung des Ampel-Kabinetts waren Sie der Neue auf dem Fahrrad und bekamen viel Applaus als besonders bodenständiger Minister. Wie sieht Ihre aktuelle Verkehrsbilanz aus?
Wann immer es möglich ist, fahre ich mit dem Fahrrad. Im Berliner Regierungsviertel sind die Entfernungen zum Glück kurz und man ist auf zwei Rädern auch meist schneller als mit dem Dienstwagen. Aber klar, manchmal bin ich auch auf das Auto angewiesen. Mehr Spaß macht es mir aber an der frischen Luft. Längere Entfernungen lege ich am liebsten mit dem Zug zurück.

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist vieles anders. Auch Ihr Ministerium muss neue Prioritäten setzen. Was sind die aktuellen Herausforderungen?
Der Krieg verursacht unvorstellbares Leid. Putin setzt Hunger als Waffe ein. Das waren Entwicklungen, die beim Verhandeln des Koalitionsvertrages keiner vorhersehen konnte. Ich bin froh, dass wir es mit großer internationaler Kooperation geschafft haben, dass die Ukraine ihr Getreide über andere Routen exportieren kann. Das hat dazu beigetragen, dass sich die volatilen Märkte wieder beruhigt haben. Aber der Krieg tobt immer noch und die Auswirkungen werden noch über lange Zeit zu spüren sein. Mein Ministerium und ich arbeiten weiter mit voller Kraft daran, diese Auswirkungen für alle so gering wie möglich zu halten.

„Die Erderwärmung ist die größte Bedrohung für die Menschheit“

Cem Özdemir

Können Sie trotz Krieg die eigenen Anliegen etwa bei Ökolandbau, Tierhaltung oder Biodiversität voranbringen?
Ich finde, es ist uns gelungen, einen grünen Faden in die Landwirtschafts- und Ernährungspolitik einzuweben. Denken Sie an die geplante, verpflichtende Tierhaltungskennzeichnung für Fleischprodukte. Verbraucherinnen und Verbraucher bekommen erstmals beim Einkauf eine echte Wahl für mehr Tier-, Umwelt- und Klimaschutz. Dazu fördern wir die Betriebe, die in eine zukunftsfeste Haltung investieren und ihren Tieren mehr Platz im Stall lassen. Wir setzen eine neue Ernährungsstrategie auf und wollen in dem Zusammenhang etwa an Kinder gerichtete Werbung für Produkte mit zu viel Fett, Salz und Zucker regulieren. Mit einem Wald-Klima-Paket fördern wir den klimagerechten Waldumbau und damit auch die Biodiversität. Die profitiert auch von unserem geplanten Exportverbot für in der EU nicht zugelassene Pflanzenschutzmittel. Und nicht zuletzt unser Ziel von 30 Prozent Ökolandbau: Der Ökolandbau ist unser agrarisches Leitbild in der Bundesregierung. Und er ist eine Antwort auf die Klimakrise und auf den Krieg. Ökoprodukte sind eine echte Inflationsbremse, denn sie kommen ohne Pestizide und energieintensiven Mineraldünger aus.

Besteht nicht trotzdem die Gefahr, dass Ökologie und Klimaschutz in der Ernährungsproduktion, so wünschenswert sie viele finden, in Zeiten des Krieges auf der Strecke bleiben?
Dieser fürchterliche Krieg zeigt uns doch, dass wir nicht so weiterwirtschaften können. Er zeigt uns, wie abhängig wir sind. Die Lieferketten waren massiv gestört, die Düngemittelpreise stiegen in astronomische Höhen und damit auch die Lebensmittelpreise. Unser Ernährungs- und Agrarsystem muss widerstandsfähiger und nachhaltiger werden, damit wir solchen Krisen besser begegnen können. Davon profitieren die Landwirtinnen und Landwirte ebenso wie die Verbraucherinnen und Verbraucher. Wir lösen aber eine Krise nicht, indem wir eine andere verschärfen. Denn am Ende verlieren wir alles. Wenn wir die Klimakrise nicht in den Griff kriegen und die Folgen zurückdrängen, ist die Erderwärmung die größte Bedrohung für die Menschheit.

Cem ÖzdemirDie Brezel als Kulturerbe der Unesco? Der gebürtige Bad Uracher ist − natürlich − Fan und setzt sich für die Würdigung des Traditionsgebäcks ein. Foto: BMEL/Photothek

Landwirtschaftsminister galten früher nicht selten als die personifizierten Vertreter der Bauern-Lobby. Wo stehen Sie?
Als ich als Minister angefangen habe, bin ich sehr interessiert und offen aufgenommen worden. Das weiß ich sehr zu schätzen. Ich glaube auch, dass die Landwirtinnen und Landwirte gesehen haben, dass sie sich auf mich verlassen können. So konnten wir im vorigen Jahr ein millionenschweres Hilfspaket schnell und unbürokratisch an die Betriebe auszahlen, die von den Folgen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine stark betroffen waren. Und die Krisen der vergangenen Jahre zeigen aus meiner Sicht sehr deutlich, welche Richtung die Landwirtschaft nehmen muss, um sich zukunftsfest aufzustellen. Das gilt in der Tierhaltung, wo die Entwicklung schon lange Anlass zur Sorge gibt, aber auch im Ackerbau und in der Forstwirtschaft, wo die Klimakrise immer größere Auswirkungen hat. Das gehört für mich zur Ehrlichkeit dazu, dass ich solche Probleme offen anspreche.

Zuletzt haben Sie gefordert, dass Werbung für Süßigkeiten, die sich an Kinder richtet, verboten werden soll. Muss sich die Wirtschaft auf weitere Werbeverbote einstellen?
Was wir jetzt umsetzen wollen, ist eine gemeinsame Vereinbarung aus dem Koalitionsvertrag. Außerdem haben mir die Verbraucherschutzminister der Länder den Auftrag gegeben, die an Kinder gerichtete Lebensmittelwerbung im Rahmen der Zuständigkeit des Bundes zu regulieren. Gut 15 Prozent unserer Kinder und Jugendlichen sind übergewichtig, 6 Prozent sind adipös – und sie bleiben es oft ein Leben lang. Sie haben so von Anfang an schlechtere Chancen im Leben. Bei Kinderärzten und in der Wissenschaft ist es unstrittig, dass auch Werbung für Produkte mit zu viel Zucker, Salz oder Fett dazu beiträgt.

Hintergrund

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft arbeitet an den Standorten Berlin und Bonn und hat etwa 1.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Ermstalbahn und Heimat: Als Mitte der 1980er-Jahre die stillgelegten Gleise abgebaut werden sollten, hat Özdemir mit Gleichgesinnten dagegen protestiert. 1999 wurde die Strecke tatsächlich wieder in Betrieb genommen.

Aber muss man gleich Werbung verbieten?
Als Ernährungsminister habe ich eine besondere Verantwortung für unsere Kinder. Und bei Kindern hört für mich der Spaß auf. Deswegen müssen wir an dieser Stelle regulierend eingreifen, um unsere Kinder zu schützen – und zwar dort, wo sie erreicht werden: vom Fernsehen zwischen 6 und 23 Uhr oder über das Internet bei entsprechenden Formaten. Natürlich darf weiter geworben werden, aber eben nur für Produkte, die die von der WHO ermittelten Grenzwerte für Salz, Fett und Zucker nicht überschreiten.

Politikerinnen und Politiker wollen gestalten und Themen voranbringen. klappt das in der Realität – oder prägt am Ende das Ministerium doch den Minister?
Ich möchte Ideen und Lösungen für die aktuellen Herausforderungen unserer Zeit finden und diese in die Tat umsetzen. So was kann man aber nicht alleine. Deswegen bin ich sehr froh, erfahrene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in meinem Ministerium zu haben, die auch ihr Wissen und ihre Perspektive in die Arbeit einbringen. Minister haben ja nicht automatisch recht – umso wertvoller sind dann gute Leute im Team.

Das liebste Gerücht in Ihrer Heimat geht so: Wenn Winfried Kretschmann als Ministerpräsident nicht mehr antritt, kommt Cem Özdemir und wird sein Nachfolger. Was ist dran?
Ich schätze Winfried Kretschmann sehr und ich weiß, wie viel er noch vorhat in Baden-Württemberg. Das gilt auch für mich als Ernährungs- und Landwirtschaftsminister. Insofern: Wir wissen beide, wo unser Platz gerade ist.

„Wo ich mit einem Kabinettskollegen in Bad Urach hingehen würde? Zum Brezelessen“

Cem Özdemir

Bleiben wir in der Heimat. Sie selbst haben sich ja der Brezel verschrieben und wollen sie zum immateriellen Kulturerbe der Unesco machen. Wie lang ist dieser Weg?
Das Verfahren ist leider noch aufwendiger, als mir das Brezelschlingen beizubringen. Hier braucht es Geduld und Überzeugungskraft. Als Fan der schwäbischen Brezel werde ich die Bewerbungs- und Auswahlphase mit großem Interesse verfolgen. Ich bin sicher, dass es gelingt, dieses besondere Traditionsgebäck als immaterielles Kulturerbe zu würdigen. Es wäre auch eine besondere Anerkennung für die Leistungen unseres heimischen Bäckerhandwerks.

Wenn Sie eine Kabinettskollegin oder einen Kabinettskollegen nach Bad Urach einladen würden: Wo würden Sie mit ihr oder ihm hingehen?
Sie haben mich da gerade auf eine Idee gebracht: zum Brezelessen.

Und wen aus dem Bundeskabinett würden Sie einladen?
Das kulinarische Vergnügen einer echten schwäbischen Brezel mit einem Glas Apfelsaft von unseren unvergleichlichen Streuobstwiesen gönne ich jedem meiner Kolleginnen und Kollegen. In Berlin kommt man leider viel zu selten in den Genuss. /

(Dieses Interview erschien in der WNA-Ausgabe 4+5/2023.)

Vita

Cem Özdemir, geboren 1965 in Bad Urach, verheiratet, zwei Kinder, ist Mitglied des Deutschen Bundestages sowie Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft.

1981 trat Özdemir den Grünen bei. 1994 wurde er erstmals in den Bundestag gewählt und gehörte ihm bis 2002 an. Von 2004 bis 2009 war Özdemir Abgeordneter des Europäischen Parlaments.

Von 2008 bis Januar 2018 war Cem Özdemir Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen. Seit 2013 ist er erneut Mitglied des Deutschen Bundestages. 2017 war er Spitzenkandidat seiner Partei zur Bundestagswahl.

Özdemir ist ausgebildeter Erzieher und hat ein Studium der Sozialpädagogik absolviert.