Volle Dichtung
Im Gespräch mit Denis Scheck

Vorab einige Passagen als Auszug, das vollständige Interview mit Denis Scheck gibt es ab 2. Mai 2012 im IHK-Magazin "WNA - Wirtschaft Neckar-Alb".
WNA: Sie mögen starke Worte und Bilder. Schlagen sie den Boulevard mit seinen Mitteln, um gute Literatur unters Volk zu bringen?
Scheck: So weit würde ich gar nicht gehen, aber für mich war Literatur immer die Entdeckung einer Welt jenseits dessen, was Max Goldt „Kommentarwichsmaschinen“ nennt. Eben eine Welt hinter den Leitartikeln, in der es tatsächlich auch um wirkliche Inhalte, wirkliche Fragen, um echtes moralisches Bemühen geht. Und wenn diese beiden Diskurse, nämlich der tagespolitische und derjenige der Kunst, sich berühren, dann blitzt und donnert es manchmal. Im Idealfall sagt man dann: „Oh, jetzt wird’s interessant!“
WNA: Wie ist das, wenn Sie selbst eine nicht mehrheitsfähige Meinung vertreten?
Scheck: Man muss aushalten können, in der Minderheit zu sein. Beim Kochen käme niemand auf die Idee, mehrheitsfähig zu essen. Wir essen nach unserem eigenen Geschmack. Und den können wir begründen und das sollen wir auch. Nur bei den Beststellern setzt man sprichwörtlich das Meistverkaufte mit dem Besten gleich. Bei den zehn meistverkauften Mahlzeiten in Deutschland glaubt keiner, er würde gut essen. Aber bei den zehn meistverkauften Büchern hält sich hartnäckig das Gerücht, dass es was künstlerisch Wertvolles sein könnte. Das ist eine Illusion.
WNA: Wie war Tübingen zur Studienzeit? Inspirierend oder nur bräsig und verkopft?
Scheck: Das intellektuelle Niveau hielt sich in Grenzen. Um die Wahrheit zu sagen: Ich war damals todunglücklich und hatte das Gefühl, dass dies eine Ansammlung von 60.000 Parasiten ist, die sich an dem Wirtskörper von 20.000 Studenten über 500 Jahre lang den Wanst vollgeschlagen hat. Ich fühlte mich wie eine von Ameisen gemolkene Blattlaus. Will sagen, ich habe meinen Obolus bezahlt, das schlechte Essen, die exorbitanten Mieten – und musste immer mit dem Rad nach Lustnau fahren, bis ich mir eine Wohnung in Ofterdingen nahm.
Denis Scheck wurde 1964 bei Stuttgart geboren. Schon mit 13 Jahren gründete er eine Literaturagentur, übersetzte englischsprachige Literatur und gab ein eigenes Magazin heraus. Dem Studium der Germanistik und Politik in Tübingen, Düsseldorf und Dallas folgte schließlich die Laufbahn als Kritiker: Seit 1996 ist Scheck Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, wo er regelmäßig die Sendung „Büchermarkt“ moderiert. Er erhielt außerdem diverse Auszeichnungen und war Juror des Ingeborg-Bachmann-Preises. Fürs Fernsehen wurde er 2000 entdeckt: Im SWR startete er mit der Literatursendung „Schümer & Scheck“, seit 2003 moderiert er einmal im Monat das halbstündige Büchermagazin „Druckfrisch“ in der ARD. Darin lobt und watscht Scheck in fünf Minuten die aktuelle Beststellerliste ab, den Rest widmet er Interviews mit Autoren.
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