Landeselternbeirat Matthias Fiola im Interview

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Kindern das Kommando

Landeselternbeirat Matthias Fiola im Interview

Gegen Windmühlen, für die Kinder: Landeselternbeirat Fiola nimmt Stellung zu den Gesetzen und der Bildungsstrategie der Regierung. Stoppen kann er sie nicht. Foto: IHK
Bildung ist wichtig, sagen alle. Matthias Fiola meint das auch so: Das IHK-Magazin Wirtschaft Neckar-Alb (WNA) sprach mit dem Wahl-Reutlinger und Vorsitzenden des Landeselternbeirats.

WNA: Wenn Sie im privaten Umfeld gefragt werden, was Sie so beruflich machen, was antworten Sie da eigentlich?

Fiola: Wenn es um die formale Antwort geht: Vorsitzender des Landeselternbeirates. Ansonsten bin ich Hausmann.

WNA: Wie kamen Sie dazu?

Fiola: Als wir Kinder bekamen, mussten wir uns entscheiden: Die Kinder im Wickelalter in Betreuung geben, wollten wir nicht. Ich war damals selbstständig, meine Frau lehrte an der Hochschule, die finanziellen Voraussetzungen waren etwa ähnlich – aber an sich war klar, wer diese Tätigkeit übernimmt. Und ich empfinde es als Privileg. Ich bin froh, dass ich so eine innige Beziehung zu meinen Söhnen habe.

WNA: Ihr Ältester ist vierzehn. Sie hatten also auch genug Zeit für sich.

Fiola (lacht): Die Zeit, die die Kinder mir lassen, habe ich allerdings problemlos gefüllt mit Ehrenämtern. Angefangen von der Vertretung der Krabbelgruppe bis eben zum Landeselternbeirat. Mittlerweile wird die Familie fast ein wenig vernachlässigt, um dem Amt gerecht zu werden.

WNA: Über Bildung reden viele. Ist es nicht schwierig, ein Amt auszuüben, von dem jeder meint, er könne mitschnabeln?

Fiola: Ja, natürlich. Es 2,4 Millionen Eltern recht zu machen, muss quasi scheitern. Das geht nicht. Man muss versuchen, der Mehrheit gerecht zu werden.

WNA: Vermutlich würden Ihre Stellungnahmen sonst auch im Papierkorb landen. Wie pflegen Sie den Konsens?

Fiola: Ich habe eine 40-Stunden-Woche und mehr, in der ich unentwegt Kontakte knüpfen, pflegen und sehr genau hinhören muss. Die größte Herausforderung besteht für mich darin, auch denen gerecht zu werden, die man nicht hört. Die Lauten haben einige gute, wertvolle Ideen, aber es ist auch einfacher ihnen zuzuhören.

WNA: In gewisser Weise dasselbe Problem, das ein Politiker hat…

Fiola: Mag sein, aber ich habe kein politisches Amt. Und, das wird häufig missverstanden, wir sind nicht die Opposition. Aus formalen Gründen nicht und auch nicht inhaltlich. Es gibt viele Eltern, die diese Rolle von uns wünschen, aber das können wir nicht leisten.

WNA: Wie sieht Ihr Tagesgeschäft denn aus?

Fiola: Als anzuhörendes Gremium bekommen wir alles vorgelegt, was im weitesten Sinne mit Bildung in Baden-Württemberg zu tun hat. Gesetzestexte, Stellungnahmen zur Lehrerausbildung und so weiter. Meine Hauptaufgabe ist, die Tagungsordnung zu bestimmen und den Landeselternbeirat in der Öffentlichkeit zu vertreten, also in Schulen, Parteiveranstaltungen oder Podiumsdiskussionen. Und ihn dabei gleichzeitig vor seiner Instrumentalisierung zu schützen.

WNA: Ihre Vorgängerin Christiane Staab und Helmut Rau hatten ein eher schwieriges Verhältnis. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zur aktuellen Kultusministerin Marion Schick beschreiben?

Fiola: Da hat sich einiges geändert, was hauptsächlich an der Ministerin liegt. Man redet anders miteinander. Inhaltlich hat sich nicht viel geändert.

WNA: Wo sind denn die größten Konfliktlinien, an denen Sie arbeiten?

Fiola: Wir würden uns wünschen, dass unsere Anregungen auch deutlich Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen. Die fallen nämlich leider nicht im Ministerium selbst, sondern in den Fraktionen und im Kabinett. Beim Thema G8 zum Beispiel nimmt das Ministerium unsere Anregungen sehr ernst, aber die Fraktion sagt dann: Es ändert sich nichts! Ich habe deshalb Frau Schick bei ihrem Amtseintritt gewünscht, dass sie sich gerade dort Gehör verschaffen kann. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man frustrationsresistent sein muss.

WNA: Wenn man sieht, wie schwer die Mühlen mahlen, schmeißt man da nicht zwangsläufig irgendwann die Brocken hin? 

Fiola: Ich könnte nicht sagen, dass es mir nichts ausmacht. Aber Frau Staab war auch nicht jemand, der schnell aufgibt. Diese Belastung muss man aushalten.

WNA: Ihre Vorgängerin äußert derzeit lautstark ihr Interesse, Oberbürgermeisterin zu werden. Wäre die Politik auch reizvoll für Sie?

Fiola: Nein. Christiane Staab war lange Zeit stellvertrende Fraktionsvorsitzende der CDU, im Gemeinderat in Karlsruhe. Es ist verständlich, dass sie innerhalb der Politik weitere Betätigungsfelder sucht. Man eignet sich allerdings in dieser Hinsicht Kompetenzen an, die später genutzt werden können, natürlich.

WNA: Haben Sie eigentlich auch ein Parteibuch?

Fiola: Nein. Es wird immer sehr kontrovers diskutiert, ob eine Parteizugehörigkeit jemanden in so einem Ehrenamt zusätzlich belastet oder nicht. Wenn man es auf kommunaler Ebene herunterbricht, dann ist es sicher förderlich. Elternbeiräte sollten sich ruhig auch in den Gemeinderäten betätigen.

WNA: G8, 2012, Demografie – gerade auch der Konkurrenzkampf der einzelnen Schul- und Ausbildungsformen wird zunehmen. Was erwarten Sie in diesem Spannungsfeld von der Bildungspolitik?

Fiola: Das grundsätzliche Thema wird uns erhalten bleiben: Was ist Bildung diesem Gemeinwesen wert? Gerade vor dem Hintergrund der Altersstruktur unserer Gesellschaft wird es höchste Zeit: Acht Jahre nach G8 machen wir uns Gedanken über frühkindliche Bildung! Ich erwarte ein Bekenntnis dazu, die nächste Generation in die Lage zu versetzen, diese Aufgaben leisten zu können. Das heißt eben auch: finanziell mehr in Schule und Bildung investieren.

WNA: Wir haben zu wenig Schüler und brauchen mehr Geld. Wo ist da eigentlich die Logik?

Fiola: Bildung muss individualisiert werden. Dass Bedarf da ist, sieht man doch an der Nachfrage bei Nachhilfen. Wenn Sie sehen, wie viele Schüler wir ohne Schulabschluss unmittelbar in Transferleistungen schicken oder nicht ihrer Veranlagung entsprechend bilden, dann sind das Versäumnisse, die diese Gesellschaft bitter bezahlen wird. Die Politik hat  2004 schon den richtigen Weg gewiesen: Wenn Wissen überall verfügbar ist, muss der Schwerpunkt sein, mit diesem Wissen auch umgehen zu können. Um dem schnellen wie dem langsamen Schüler gerecht zu werden, nicht nur seiner Klasse, schlagen wir Lehrer-Teams in den Klassen vor. In Skandinavien ist es zum Beispiel für jeden Lehrer fast ehrenrührig, wenn er einen Sitzenbleiber produziert. Der Lehrer hat dann einen Fehler gemacht und zu spät Hilfe eingefordert.

WNA: Sie plädieren für mehr Weiterbildung bei den Lehrern. Reichen ein paar Tage Fortbildung aus oder müssten Lehrer nicht in ihrem Routineverhalten überprüft werden?

Fiola: Die Frage ist doch, wie wir gute Lehrer in die Fläche kriegen? Wir können das nicht allein dem Generationenwechsel überlassen. Bisher sind Fortbildungen freiwillig. Wir möchten auch andere Arten von Fortbildungen haben, das fängt mit ganz einfachen Rhetorikkursen an. Aber zur Routine: Es gibt keine Klasse, die gleich ist. Wie wollen Sie da Maßstäbe ansetzen und Lehrer überprüfen? Das ist eigentlich Aufgabe des Schulleiters. Aber in den Haupt- und Realschulen haben wir heute eine Bewerberquote von 1,2, bei den Gymnasien etwa 2,4 Prozent auf eine vakante Schulleiterstelle. Das ist eine Katastrophe! In manchen Fällen wird man beamtenrechtlich zum Schulleiter ernannt, weil keine Bewerber da sind. Da stellt sich doch intensiv die Frage: Was ist da eigentlich los?

WNA: In der Wirtschaft ringt man um Führungskräfte und hier will es keiner machen. Liegt es an den Leuten, die Lehrer werden oder ist das Amt des Schulleiters so unattraktiv?

Fiola: Beides wahrscheinlich. Als Schulleiter haben Sie kaum rechtliche Handhabungen. Bestimmen tut das Kollegium. Dem Schulleiter bleibt die Moderation und die volle Verantwortung – nur ohne die Kompetenzen eines Chefs. Derzeit will man den Führungsnachwuchs stärken, also angehende Schulleiter vorzeitig aus dem Lehrplan ziehen, sie fortbilden und fit machen. Bei gleichwertiger Bewerberlage wird allerdings immer der externe vorgezogen. Ein Schulleiter, der sich also einen Nachfolger herangezogen hat, kriegt diesen vielleicht nicht. Das ist noch lange nicht zu Ende gedacht. In meinen Augen müssen Schulleiter mehr Kompetenzen erhalten, vor allem was die Personalführung angeht.

WNA: Rührt Ihr Engagement auch von schlechten Erfahrungen, sprich: Wie zufrieden waren Sie mit Ihren eigenen Lehrern?

Fiola: Ich habe eine sehr gute Schulzeit erlebt. Manches davon wünschte ich meinen Kindern. Ich war auf einem Aufbaugymnasium mit etwa sechzig Prozent Arbeiterkindern in der Klasse. Im Religionsunterricht saß katholisch neben evangelisch und wir haben Adorno und Born bei einem Jesuitenpater gelesen. Aber Eltern machen oft den Fehler, eigene Erfahrungen zu transportieren. Schule ist heute gänzlich anders als noch vor zwanzig Jahren.

WNA: Es heißt: Eltern wissen, was das Beste für ihre Kinder ist. Aber oft ist das lediglich Pampern oder Hochleistungslernen. Ab wann muss man ein Kind vor den Eltern schützen?

Fiola: Natürlich gibt es das, darunter leiden Kinder auch häufig. Hier sollten die Schulen dem natürlichen Interesse der Eltern die Spitze nehmen. Unterm Strich bin ich allerdings der Meinung, dass Eltern nicht mehr Fehler als Schulen machen. Die Last, die Eltern und ihre Kinder im Grundschulalter leben müssen, wollen wir entzerren. Ob Fremdsprachenerwerb in der Grundschule tatsächlich positive Auswirkungen hat, wurde zum Beispiel noch gar nicht evaluiert. Dass die Diskussion um gleichwertige Schulabschlüsse eine elende ist, hängt auch damit zusammen, dass unser Schulsystem – trotz aller Reformen und Reförmchen – lange unverändert geblieben ist. Die Gesellschaft aber nicht. Und das reibt sich nun.

WNA: Was hat sich denn verändert?

Fiola: Wie man miteinander umgeht oder wie Autoritäten heute gelebt werden. Sowohl in der Beziehung Eltern - Kind, als auch Lehrer - Kind. Diese beiden sozialen Wirklichkeiten müssen sich aushalten können. Eltern haben zunehmend Orientierungsprobleme: Wie macht man es denn richtig? Ich versuche, meine Kinder so zu erziehen, dass sie für das, was sie tun, auch verantwortlich sind. Tue das, von dem du meinst, dass es richtig ist – und tu es dann auch. Jeder weiß eigentlich, was richtig für ihn ist.

WNA: Summiert man Ihre Aufgabengebiete, haben Sie was von „Superpapa“. Wo haben Sie auch Fehler gemacht?

Fiola: Ich bin natürlich kein Superpapa. Mein größter Fehler war, meine Söhne zu hart angefasst, zu viel von ihnen gefordert zu haben. Beide haben eine ausgeprägte Lese- und Rechtschreibschwäche. Das zu akzeptieren hat eine Weile gebraucht. Da versucht man mit viel eigenen Ansprüchen, das Kind in den Normalzustand zu pauken. Ich habe das später auch bei anderen Eltern erkannt, mit welchem Erwartungsdruck die Zukunft geplant wird. Da habe ich gesagt: „Leute, lasst eure Kinder entscheiden, die sagen euch, wo es lang geht“. In diesem Sinne muss man tatsächlich auch mal Dampf ablassen.

 

Matthias Fiola wurde nur wenige Wochen nach dem „Wunder von Bern“ 1954 in Gelsenkirchen geboren. Er studierte Maschinenbau in Bochum, machte sich selbstständig und pendelte der Liebe wegen zwischen NRW und Schwabenland. 1986 landete er schließlich in Ohmenhausen bei Reutlingen. Nach der Geburt des ersten Kindes gab er seinen Beruf als Kommunikationsmittelvertreiber auf und wurde Hausmann. Die Karriere überließ er seiner Frau. Fiola wurde vor fünf Jahren in den Landeselternbeirat gewählt, drei Jahren lang war er zweiter stellvertretender Vorsitzender. Nach dem Rücktritt von Christiane Staab wurde schließlich Fiola als ihr Nachfolger bestimmt. Bei der nächsten planmäßigen Wahl im kommenden März wird er erneut kandidieren.

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