Koranwissenschaftler im Interview

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„Historische Chance"

Koranwissenschaftler im Interview

Koranwissenschaftler Omar Hamdan leitet das neue Islamzentrum an der Uni Tübingen.
Die Redaktion des IHK-Magazins WNA sprach mit dem bisher einzigen Professor für Islamische Theologie.

WNA: Herr Hamdan, Sie sind der erste und bisher einzige Professor für Islamische Theologie in Deutschland. Wie gehen Sie mit dem Rummel um Ihre Person um?

Hamdan: Die Presse ist eine der wichtigsten Säulen einer Gesellschaft. Man kann von der Presse nur profitieren. Sie wirbt für das, was wir hier vor Ort leisten. Ich beantworte gerne fachliche Fragen. Presse war allerdings nie mein Ding. Aber ich bin offen für alles. Allmählich baue ich für mich eine gewisse Strategie auf. Und die Universität, das Zentrum und ich persönlich können alle von der Presse profitieren.

WNA: Was fragen Journalisten Sie am häufigsten?

Hamdan: Journalisten fragen immer heikle Fragen. Aber das ist ihr Recht.

WNA: Zum Beispiel zur aktuellen Salafisten-Debatte? Wie behandeln und interpretieren Sie radikale Gruppierungen?

Hamdan: Der Islam kennt aus seiner Geschichte nicht nur eine oder zwei Gruppen unter sich. Es gibt im Islam eine historische Reihe von Gruppierungen, die teilweise noch in der Mitte stehen, manche am Rand, manche sind total abgewichen. Der Islam als Weltreligion betrachtet zunächst alle seine Gruppen als Teil seiner Existenz. Auch wenn eine Gruppe sehr stark von den Grundlagen abgewichen ist. Warum? Man will gerade verhindern, dass Leute, die sich ausgeschlossen fühlen, ihre Ideologie in anderer Form weitertreiben.

WNA: Wie kann man verhindern, dass sich radikale Gruppierungen bilden und vergrößern?

Hamdan: Wir fragen, wo sind die Probleme und Schwierigkeiten? Warum verhalten sich die Leute so und nicht anders? Wir müssen die Probleme erkennen und Lösungen anbieten. Das kostet Programme, Nerven und Zeit. Aber die Sache ist lösbar. Radikalismus kann durch den Erwerb von Erkenntnissen abgebaut werden. Die Leute müssen ausgebildet werden. Ausbildung ist die beste Lösung für Unwissenheit. Und Unwissenheit ist ja eine Farbe des Radikalismus. Viele Leute kennen ihre Religion oder ihren Glauben nicht so gut, weil sie vieles einfach irgendwo aufschnappen. Sie haben nie Islamische Theologie studiert oder sich näher mit dem Islam befasst. Bisher hatten Muslime in Deutschland auch nie die Chance dazu. Das Islamzentrum in Tübingen bietet eine historische Chance, die von den Muslimen auch wahrgenommen werden sollte.

WNA: Und wird sie wahrgenommen?

Hamdan: Ja! Die Motivation ist hoch. Die Nachfrage steigt immer mehr. Die Muslime sind durstig – islamisch-theologisch gesehen.

WNA: Wie sehen es die Deutschen?

Hamdan: Die Deutschen wollen gerne, dass die Muslime auf feine Art integriert werden und sich heimisch fühlen. Die Behörden hier ermöglichen alles. Sogar die Etablierung von islamischen Fakultäten. Das ist etwas Besonderes. In Frankreich, in Paris, findet die Ausbildung zum Imam an einer katholischen Fakultät statt. Hier in Tübingen gibt es dagegen eine eigenständige Fakultät! Den Umgang mit den Religionen in Deutschland betrachte ich als vorbildlich.

WNA: Tübingen hat mit dem Islamzentrum die Vorreiterrolle übernommen. Lastet da nicht enormer Druck auf Ihnen?

Hamdan: Druck ist in meinem Leben nie negativ gewesen.

WNA: Haben Sie keine Angst vor dem Scheitern?

Hamdan: Nein. Wir sind im ersten Gang gestartet und sind jetzt im dritten angelangt. Das Tempo geht voran. Hindernisse, Probleme und Schwierigkeiten gehören dazu. Das ist auch Bestandteil eines jeden Lebens. Nehmen Sie meinen jüngsten Sohn: Er kam hierher und erlebte eine neue Sprache, eine neue Kultur und eine neue Gesellschaft. Das waren dramatische Veränderungen. Er hat aber nie geheult, sondern nimmt das Leben, wie das Leben ist: als Herausforderung. Der Weg, den wir beschreiten, ist nie frei. Wir müssen den Weg frei machen durch Zusammenarbeit, durch Bemühungen und durch gegenseitige Unterstützung.

WNA: Gibt es viele Kritiker, die Ihnen Steine in den Weg legen?

Hamdan: Dass jemand dagegen ist, gibt es immer. Das gehört zur Demokratie. Aber von diesen Kritikern profitiere ich am meisten. Sie sind eine weitere Herausforderung. Deren Befürchtungen und Kritik nehme ich auf und kann vielleicht gerade dadurch etwas verbessern.

WNA: Was sind aus Ihrer Sicht die größten Vorurteile der Deutschen gegenüber dem Islam?

Hamdan: Das Image des Islam ist in Deutschland sehr vergiftet. Der Islam gilt als radikal. Das ist ein Irrtum. Die islamische Welt ist riesengroß, es gibt gewisse radikale Gruppen, aber zu verallgemeinern, dass der Islam vom Ursprung her radikal ist, das ist falsch. Und solche Vorurteile müssen abgebaut werden. Dafür braucht man ein gewisse Strategie. Die Medien können hier einen großen Beitrag leisten. Dazu müssen aber auch Experten gefragt werden. Islamische Theologen sind für Fragen, die den Islam betreffen, die Spezialisten.

WNA: Sie sind der Experte für Islamische Theologie in Tübingen und leben praktisch für das Zentrum. Haben Sie viel geopfert?

Hamdan: Ja, aber zum Wohle des Zentrums und im Interesse der Studierenden hier im Haus. Das geht teilweise auf Kosten meiner Familie.

WNA: Lebt Ihre Familie hier bei Ihnen in Tübingen?

Hamdan: Meine Familie ist noch gespalten. Meine Frau und der mittlere Sohn wohnen immer noch in Israel. Der älteste Sohn und der jüngste Sohn sind bei mir. Aber hier geht es um ein großes Projekt, zum Wohle der Muslime in Deutschland und auch im Interesse der Deutschen. Wichtig ist die Etablierung einiger Zentren für Islamische Theologie und wie wir mit der Islamfrage hier in Deutschland vor Ort umgehen. Das ist ein historischer Schritt. Die Deutschen und die Muslime schreiben jetzt zusammen Geschichte. Wir investieren viel: Gesundheit, Zeit, Geld. Das geht auch auf Kosten der Familie. Aber nur vorläufig. In zwei Jahren werden wir hier in Tübingen vereint sein.

WNA: Was verbindet Sie mit Tübingen?

Hamdan: Ich habe hier Vergleichende Religionswissenschaft studiert und promoviert. Tübingen gehört also zu meiner Geschichte. Als ich Tübingen nach dem Studium verlassen habe, dachte ich nicht, dass ich noch einmal zurückkehre. Aber ich bin sehr glücklich hier und freue mich sehr über meine Arbeit, über das Zentrum und über die Entwicklung hier in Deutschland.

WNA: Wie leben Sie die Tradition und wie modern sind Sie?

Hamdan: Ich gehöre nicht zu der neuen Generation der Muslime, aber auch nicht zu der alten. Ich sehe mich in der Mitte. Ich bin Vermittler. Ich hole Wertvolles von der alten Generation und hole etwas von der neuen Generation, nämlich die Dynamik. Die Leute sind heute technisch sehr begabt, was das Internet betrifft. Ich habe zum Beispiel ein iPhone, darauf sind die Gebetszeiten gespeichert. Wenn es Zeit ist zu beten, bekomme ich ein Signal.

WNA: Wo beten Sie?

Hamdan: Ich bete hier in meinem Büro. Ich habe hier meinen Teppich. Mit dem iPhone kann ich mir sogar den Gebetsruf anhören. Somit fühle ich mich nicht isoliert. Die neue Generation mit ihren technischen Möglichkeiten bietet also viele Vorteile.

WNA: Welcher Satz ist aus Ihrer Sicht richtiger: „Der Islam gehört zu Deutschland“ oder „Die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland“?

Hamdan: Ich würde sagen beide. Ich gebe Ihnen eine neue Formulierung: „Die Muslime gehören zu Deutschland. Und der Islam gehört zu Europa.“ Die Muslime haben eine Tradition in Europa. Wenn jemand die Einflüsse leugnet, dann weiß er nicht Bescheid. Muslime sind Teil der Gesellschaft in jeder Hinsicht. Aber sie müssen auch ihren Beitrag leisten. Sie dürfen nicht immer am Rande bleiben, wie eine kleine unbeachtete Fußnote im Text. Sie müssen sich als Mitbürger engagieren und nicht sagen sie gehören einem anderen Land an, sondern sagen, sie sind hier geboren, sie leben hier. Sie haben hier Pflichten, aber auch Rechte. Sie sind hier Bürger – ein Teil der Gesellschaft.

Vita:

Omar Hamdan ist 1963 in Tira, Israel geboren und aufgewachsen. 1981 machte er dort Abitur. Zum Studium der Islamwissenschaft und Arabistik zog es ihn nach Jerusalem. Nach seinem Abschluss studierte Hamdan Vergleichende Religionswissenschaft in Tübingen, wo er 1995 auch promovierte. Omar Hamdan ist seit dem Wintersemester 2011/12 Leiter des neugegründeten Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Tübingen. Er ist Professor für Koranwissenschaft und der erste und bisher einzige Lehrstuhlinhaber. Für Müßiggang bleibt also wenig Zeit. Wenn er doch mal Freizeit hat, spielt er gerne Schach.



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